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Die Welt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Article
Zionisten und Christen
Date
1901-02-15
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 7 „Die # Welt** Seite 3 Bestrebungen, die ihre Verhältnisse beeinflussten, zu beachten: den Liberalismus, der nivellieren und alle Besonderheiten verwischen und auslöschen will, und die „Abwehr"- Öe'strebungen, die jedes jüdische Volksbewusstsein verleugnen wollen. Es war für sie ungemein w:chtig, wie der Zionismus von den Christen aufgenommen werden mochte. Alle diese feinen, seelischen Verästelungen müssen erkannt werden, wenn man die grossen Anregungen erwägen will, die Max Nordau in den in dieser Zeitschrift abgedruckten Aufsätzen gegeben hat. Nord a u hat die Forderung aufgestellt, dass die zionistisch gesinnten Juden ihre politischen Rechte unter den Gastvölkern und alle aggressiven Bemühungen um Erweiterung gewisser Anrechte auf Officiers- und Beamtenstellen aufgeben mögen, und so den Zionismus zu der vornehmsten, edelsten und unverfälschtesten Form zurückgeführt. Er hat damit eine gewaltige, unvergängliche Anregung gegeben und ist nicht minder als jeder andere Mann einer grossen Initiative mit den gehässigsten Angriffen überschüttet worden. Es lässt sich nun, gewiss nicht allzuschwer ünd gezwungen, darlegen, wie das, was Nordau fordert, die gegenwärtigen Verhältnisse der Juden regeln und zugleich, was doch gewichtiger ist, die hohen Zions-Ideale der gesamm ten Judenheit fördern könnte. Es wäre schon in der Gegenwart eine erhebliche Verbesserung des jüdischen Loses, wenn die Juden sich zu dem vornehmen Zionismus bekennten, der die letzten Consequenzen zieht, wenn sie ihre politischen Rechte hingäben und zurückliessen, wie etwa Soldaten ihre Gewehre zu friedlichen Pyramiden aufstellen. Vielleicht könnte man einwenden, dass, wenn die Juden und die anderen Völker die Bänder einer gemeinsamen Bethätigung lösten, eine tödtliche Kühle und Entfremdung zwischen ihnen platzgreifen müsste. Vielleicht könnte man daran erinnern, wie zwischen Ehegatten schon die Gleichgütigkeit zu einer erbitterten Feindschaft hinüberleite. Aber in Wirklichkeit mag es sich gerade umgekehrt verhalten. Schon jetzt finden wir bei den Nichtjuden ein mehr als freundliches Verständnis für die Gesinnung der Zionisten. Der Freiherr Börries v. Münchhausen, ein germanischer Aristokrat, verbündet sich mit dem Künstler Lilien, dem Zionisten, zu einem gemeinsamen Kunstwerke voll jüdischen Gehaltes; selbst in orthodoxen deutschen Pastorenhäusern, die sonst dem Geiste Stöckers huldigen, werden zionistische Studenten noch gern gesehen, und in der Berliner akademischen Lesehalle unterhalten — zum tiefen Seelenschmerze der „Abwehr"-Mittheilungen! — der zionistische Vertreter und die Deutschnationalen aufrichitig freundliche Beziehungen zueinander. So können wir beinahe in mathematischen Formeln berechnen, wie sehr, diese freundlichen Gesinnungen der anderen. Völkern wachsen würden, wenn die Juden erst mit einer jeden Zweiiel ausschliessenden Aufrichtigkeit die letzten Consequenzen aus ihrem zionistischen Bekenntnis 'zögen. Die national empfindenden Juden dürften ja auch dns weiteste Verständnis für die nationalen Forderungen der anderen Völker haben; ja, indem sie selber den Wert und die Nothwendigkeit nationaler Besonderheit erkannt hätten, würden sie auch die separativen Ansprüche der anderen gerechtfertigt finden. Diese. Tendenzen eines bewussten Nationalismus werden immer stärker, je mehr die Völker durch Republikanismus oder Constitutionalismus die Selbstregierung erlangen. Freilich, die grossen Massen leben heute wie ehedem in einer holden, poetischen Eingehülltheit; die nationalen Gefühle treten nur bei vereinzelten abstracten Naturen so stark ins Bewusstsein, dass sie ihr ganzes Empfindungsleben beherrschen. Aber diese Vereinzelten, die doch die Zeitungen und politischen Agitationen besonders stark beeinflussen, sind . auch die Träger der antisemi&cli^ der Aufrichtigkeit der. Zionisten entwaffne lassen, so ist damit eigentlich nicht weniger als alles gewonnen. Das Vertrauen das in der Frühlingszeit des Liberalismus so schöne Stimmungen erzeugt hatte, musste: bald und für immer unrettbar verloren gehen, weil die logischen Grundlagen für den Begeisterungsrausch fehlten. Nachdem die Völker sich einmal auf die materielle Verschiedenheit zwischen sich und den Juden besonnen, ist eine Verständigung nur möglich zwischen den bewusst Nationalen, den Nationalisten und den Zionisten. Wenn es der menschlichen Seele angeboren sein mag, immer in unermessliche Weiten zu streben und die Ruhe nur im Tumulte unendlicher Ahnungen zu finden; wenn das W'ehen und Säuseln der Freude und Zuversicht allein unsere Herzen schöpferisch machen, die Fundamente zu neuen Bauten legen und einen neuen Frühling herauffuhren mag, so kann der Zionismus bereits für die Gegenwart herrliche Perspectiven geben. Wenn nun trotzdem manche ehrliche Juden aus Mangel entweder an logischem Begriffsvermögen oder an genügendem Ueberblick dabei beharren mögen, dass die Zionisten durch jede Connivenz den Antisemiten in die Hände arbeiten und die anderen Juden schädigen, so kann ihnen entgegengehalten werden, wie doch gerade die assimilationswüthigsten, die sich in die Kämpfe der Parteien auffällig einmischen, die Situation der gesammten Judenheit verschlechtern. Sie selber meinen es ehrlich genug, wenn sie sagen, dass sie sich nur als Socialdemokraten oder als Liberale fühlen, und lehnen jede Solidarität mit einem einheitlichen Judenthum weit ab; aber die Solidarität besteht, wenn auch wirklich nicht im Bewusstsein der meisten Juden, so doch objectiv darin, dass eins fürs andere büssen muss. Wenn zum Beispiel ein jüdischer Freisinniger oder Socialdemokrat mehr oder minder demagogisch etwa gegen die Forderungen der Grundbesitzer die Massen einzunehmen sucht, wie viel Erbitterung gegen die gesammte Judenheit muss dann nicht an den Herzen der Agrarier fressen! Wenn ein Jude sich an die Spitze von strikenden Arbeitern stellt, wie wird er nicht die Fabriksbesitzer gegen die gesammten Juden erbittern! So könnte man eher von jedem Juden verlangen, dass er sich aus Schonung für die anderen Juden taktvoll von jeder Betheiligung an politischen Kämpfen fernhalte. Heine erzählt einmal, wie eine gefühlvolle, junge Berlinerin mit ihrer Mutter durch den Thiergarten spaziert. Als die Mutter immer wieder von den grünen Bäumen schwärmte, ruft sie ihr zu: „Mutter, was gehen Sie die grünen Bäume an!M Mutter, was gehen Sie die grünen Bäume an! Die Juden ihrerseits würden durch den Zwang ihres zionistischen Bekenntnisses vornehmer, gelassener, gradliniger werden. Die tausend kleinlichen,peinlichen Zänkereien, die den Juden durch den Widerspruch zwischen ihrer angeborenen Nationalität und ihrer Assimilationssucht erstehen, fielen weg, und so würde ihnen auch die beklemmende Nervosität weggenommen, in die die meisten durch das blosse Wort: „Jude44 versetzt wurden. Die Juden hätten dann, schon im fremden Lande, wieder Erdboden unter den Füssen. Doch alle Vortheile für die gegenwärtige Lage der Juden wären noch wenig, wenn sie nicht auch eine Förderung der höchsten und letzten Ideale in sich schlössen. Es ist anzunehmen, dass auch die gleichgültigen Juden, wenn sie sähen, in welcher Achtung die Zionisten bei den Christen stünden, desgleichen die zionistische Gesinnung annehmen würden. Mephisto ist nicht allein ein Theii von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Man könnte in einem Paradoxon sagen, dass sie in dem zionistischen Bekennisse die bequemste und aussichtsv©$teteMi&$ßitol£tioii I seh'en>i^rürd«en.^ Däbei würde aber die strenge innere Logik des zionistischen Bekenntnisses, die

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