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Die Welt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Article
Das Märchen von den 400 Millionen
Date
1901-02-15
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite I „Die # Welt" Nr. 7 assimilatorische Presse einzunehmen beliebt. Wenn von antisemitischer Seite das unsinnige Märchen colportiert wird, die „Alliance Israelite" oder eine andere grosse jüdische Vereinigung spanne ihre goldenen Netze um die Erde, um darin die arme christliche Bevölkerung zu fangen, da schreien sie Zeter und Mordio und führen alle möglichen Argumente ins Treffen, um diese Fabel ernsthaft zu widerlegen. Wieviel Tinte wurde verspritzt, wieviel gutes, weisses Papier verschwendet, um den Unsinn von den jüdischen Syndicaten, der neben anderen Legendenbildungen eine Folgeerscheinung der Dreyfuss-, Polna- und Konitz-Affaire war, ad absurdum zu führen. Es ist sicherlich thöricht, durch eine derartige zwecklose Bekämpfung antisemitischer Böswilligkeiten die Judenfrage lösen zu wollen. Aber was soll man dazu sagen, wenn eben dieselben jüdischen Blätter, die heute mit einer lächerlichen Verschwendung ihres Wortschatzes den Bestand der jüdischen Syndicate bestreiten, morgen voll Stolz und zugleich in ersterbender Demuth vor dem Reichthum laut verkünden, die Solidarität der jüdischen haute finance — die als eine "feststehende Thatsache hingestellt wird — werde den oder jenen jüdischen Nothstand beseitigen. Nie hat sich dieser Unverstand crasser documentiert, als anlässlich der Carp'schen Action. Geradezu mit Frohlocken und einem selbstbewussten Stolz — „Seht Ihr, wieviel Geld wir haben, und was unsere Reichen für prächtige Kerle sind!* — wurde die Siegesnachricht von den 400 schweren jüdischen Millionen, die die rumänischen Juden befreien sollten, in die Welt hinausgeschmettert. Das goldene jüdische Kalb wurde förmlich auf ein Piedestal erhoben, dass alle Antisemiten in Ehrfurcht erbeben sollten vor seiner Majestät und alle Juden sich aufrichten und Dankgebete richten sollten zu dem neuen, mächtigen Schutzgütte ihrer „Mission". Der neue Gott Israels aber ist ein praktischer Gott, und wenn man ein Percent weniger opfert, ist er ungnädig und zürnt seinen Anbetern, die auf „ethische Momente" nicht Rücksicht nehmen wollen . . . Wahrhaftig, es ist schwer, eine Satire nicht zu schreiben. Noch schwerer aber, nicht in hellen Zorn über diejenigen zu gerathen, die durch die Kinderstubenmärchen von dem unverfälscht jüdischen Herzen unserer haute finance den bösen antisemitischen Instincten der Massen immer neue Nahrung geben und das jüdische Volk in eitle Träume wiegen. Wo war denn diese haute finance, als sich der Strom der rumänischen Auswanderer durch Europa wälzte? Arme Schlucker von Dörflern haben ihren letzten Nothpfennig für die unglücklichen Leute hergegeben. Hat die jüdische haute finance auch nur für einen Augenblick die Augen von den Hausse- und Baisse-Sprüngen des Börsenthermometers abgewendet und sie mitleidig auf die rumänischeu Flüchtlinge gerichtet? Wo waren sie, die gepriesenen Grossen und Retter in der Noth, als das Unglück zu grauenhafter Höhe emporwuchs? Sie giengen, wenn sie schon den Böi^ekampfplatz verliessen, zu den Sensationen des Turfs oder unterstüzten mit der grossartigen Pose des vorurtheilslosen Mäcenas die Vergnügungsfahrten wandernder antisemitischer Troubadours, während hunderte von armen Juden an der Grenze Rumäniens in Sturm und Wetter, in Noth und Entbehrung auf freiem Felde campieren mussten, weil man sie nicht nach rückwärts Hess und sie nach vorwärts nicht konnten. Wer hat den Armen über das Meer geholfen Die ^Vödtegenossej^ die nicht zu viel Ueberfluss an irdischen Gütern haben, aber genug von jüdischem Mitgefühle. Doch so unwahrscheinlich es ist, es wäre ja doch möglich gewesen, dass die jüdischen Finanzkreise einmal eine Ausnahme gemacht und sich angesichts des,< entsetzlichen Nothstandes ein wenig an ihre Pflicht erinnert und bei der Financierung der rumänischen Anleihe zugunsten der Juden interveniert hätten. Aber selbst diesen unwahrscheinlichsten aller Fälle, vorausgesetzt, die Art, wie man in der Oeffentlichkeit den Plan behandelte, noch ehe er zur Durchführung kam, muss beschämend wirken auf jeden, der vor dem Gelde nicht in kriecherischer Ehrfurcht erstirbt. Eine solche Action erfordert die höchste Delicatesse, ein Feingefühl nicht nur auf Seite der Nehraer, sondern vor allem auf Seite der Geber. So aber hat man den Antisemiten grundlos neues Material geliefert, indem man prahlend die Macht eines Syndicats verkündete, das offenbar nur eine Gemeinschaft der Gapitalsinteressen, nicht aber eine solche der jüdischen Interessen kennt. — — — — —---— — — — Mit dem Sturze des Ministeriums Carp wird sich die Situation der rumänischen Juden neuerdings verschlechtern. Das Land macht in politischer, wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht eine gefährliche Krisis durch, die auf die Juden mit doppelter Heftigkeit zurückwirkt. Man möchte das Beste wünschen, aber man muss leider Schlimmes befürchten. B. F. Zionisten und Christen. Von Robert Jaffe. I. Das, was als die zionistische Bewegung durch das Herz des jüdischen Volkes flutet, könnte man in einem vielleicht wunderlichen und barocken Bilde den Mechanismen vergleichen, durch die VVasserströme in Badeanlagen und gewerbliche Vorrichtungen eingelassen werden. Diese Mechanismen lassen das Wasser in einem vollen, starken Strome abfliessen, aber das bleierne Rohr, durch das es geschieht, wird von zwei verschiedenen, sich verzweigenden kleineren Röhren gespeist, die das Wasser aus verschiedenen Quellen und in verschiedenen Temperaturgraden zusammenführen. So ist die gegenwärtige zionistische Bewegung, wie sehr sie auch in einem einheitlichen Strome von einheitlicher Beschaffenheit dahingeht, aus zwei ganz verschiedenen und verschieden temperierten Quellen herzuleiten. Die östlichen Juden kamen zur Zions-Sehnsucht aus einem urprünglichen, natürlichen, ungebrochenen Gefühle ihres Volksbewusstseins, und die westeuropäischen sfciessen zu den Zionisten, weil sie einsahen, dass eine völlige Assimilation trotz aller ehrlichen Sehnsucht ihres Herzens immer eine Unmöglichkeit bleiben und in jedem Falle viel zu theuer, beinahe mit dem ganzen Lebensglück, erkauft werden müsste. Sie kamen zu den Zionisten von Seelendissonanzen her, wie ich sie in meinem Romane „Ahasver" darzustellen suchte. In dem Ziele der östlichen Juden, der „Gründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" konnten auch ihre Schmerzen geheilt werden; so brauchten sich auch die gebildetsten und eigentlich assimiliertesten Westeuropäer nicht einmal mit dem Schatten oder Hauche einer Empfindung von den primitivsten östlichen Juden verschieden zu fühlen. Aber die östlichen Juden mussten die Zions-Hoffnung schon darum sogleich annehmen, weil sie für sie die einzige mögliche war, und eine unerträgliche Gegenwart so wenig für sie hoffen liess, dass sie sich mit ihr eben abfinden mussten. Die Westeuropäer konnten sich doch nicht mit einer in mehr oder minder weiter Ferne liegenden glücklichen Zukunft 'totegnügen;^<ßieh«jpaussten da^^aj^s^^^., was vom .zionistischen Bekenntnisse ihre gegenwärtige Lage berühren konnte. Dabei hatten sie viele, gleichsam coneurrierende

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