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Die Welt · 1901-02-15 · 7 (15.2.1901) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
7 (15.2.1901)
Article
Das Märchen von den 400 Millionen
Date
1901-02-15
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Hedaction oder Administration: Wien, IX., Tnrkenstrasse N>. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespalteno Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. RpFIldCnrßicfl' Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halhjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland DCMgö|IIWöO. ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6'Mfc. 85 Pf., England ganzjährig 14 Slig., halhjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halhjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz. Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serhien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs, halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 Ct. Nr. 7. Wien, 15. Februar 1901. 5. Jahrgang Das Märchen von den 400 Millionen. „Und sie machten ein troi.Umes K;ill>. U n<i He sagten : „D:es sind Deine Götter, ls;;tel . . Der rumänische Ministerpräsident 1*. P. Carp musste seinon Posten verlassen, den nach den Heuerten Meldungen Cantacuzen e einnehmen wird, der allerdings wenig Aussicht hat, lange Minister prä-ddent zu bleiben. Es ist kein Geheimnis, was eigt nllich den Sturz Garps veranlasst liat. Carp gehört, sicher zu den begabtesten, vornehmsten und charakterfestesten Staatsmännern Rumäniens. Was ihm aber fehlte, das war das Talent, für ein bankbrüchiges Land das goldene Herz der europäischen haute finance zu öffnen. Man darf Herrn Carp nicht zum Vorwurfe machen, dass er müssig gewesen ist. Was im Lande zu verpfänden war, das hat er an den Mann zu bringen versucht. Beim Cigareüenpapier ist es ihm noch gelungen. Das bekannte „verjudete" Consortium in Berlin hat ihm mit einigen Millionen aus einer der drängendsten Verlegenheiten geholfen. Doch was bedeuten zehn Millionen für ein Land mit so derouten Finanzen, wie es die rumänischen sind. Herr Carp sah sich genöthigt, eine Europa-Reise von Residenz zu Residenz zu unternehmen, um einen letzten Anbohrungsversuch bei der europäischen Finanzwelt zu machen. Man spricht von einer fabelhaden Summe, die das bankerotte Land aufzunehmen die gute Absicht hatte. 400 Millionen Francs! Das war nämlich die Ziffer, die Ministerpräsident Carp selbst nannte. Von der Art, wie diese Anleihe lanciert wurde, verlohnt es sich ein wenig zu sprecht n. Man weiss, dass geschäftlichen Unternehmungen grösseren Stiles, insbesondere staatlichen Anleihen, ein Minnewerben vorausgeht. Dieses Liebesspiel gestaltete sich bei der jüngst versuchten rumänischen Finanzaction ungemein interessant. Ministerpräsident Carp war vonivornherein überzeugt, die christlichen Finanzkreise für eine so schlecht fundierte Anleihe überhaupt nicht gewinnen zu können. Es mussteu besondere Liebhaber sein, die mit Rumänien in intimere Beziehungen treten wollten. Bei der jüdischen Finanzweit setzte Herr Carp eine derartige Vorliebe für rumänische Schuldscheine voraus. Die Voidheile, die Rumänien der jüdischen haute finance zu bieten hatte, sollten nicht in materiellen Si, herheilen bestehen, mehr noch als höhere Percente sollten „ethische Momente44 die jüdischen Finanzkreise verlocken. Ministerpräsident Carp liess öffentlich und in einem Interview durchblicken, dass er gegen eine Anleihe von märchenhafter Höhe den Juden Rumäniens politische Reihte einzuräumen geneigt, sei. Freilich kleidete er, wie das bei einem halbwegs gewandten Diplomat' n selbstverständlich ist, seinen Wunsch in eine couTele Form, indem er erklärte, dass ihm bereits ein jüdisches Auerbieten vorliege, über dessen Annahme er zu eutscheid-m hätte. Ein aiuhrcsinal sprach er in Verfolgung ähnlicher Absichten von der Einbringung eines Cultusgeselzes, das die Situation d«-r rumänischen Jaden erleich:ern sollte. In der „Frankfurter Zeitung" erfolgte eine Antwort auf die zarten. Andeutungen C a r p s, von der man allerdings vi nnutlu n kann, dass auch sie von Rumänien aus lanciert wurde, die aber auch wirklich von den jüdischen Finanzkreisen ausgegangen sein konnte. In dieser Zuschrift findet sich folgender classb sehe Passus: „Die augenblickliche Anwesenheit des rumänischen Fhnirr/mi niste rs Carp in Berlin könnte nun der B-rliner haute rinance die nicht leicht wiederkehrende Gelegenheit aeben, anlässüch der finanziellen Besprechungen mit demselben ihm die Gewährung civilisierter Lebensbedingungen für die rumänischen Juden und deren Gleichstellung mit. den Andersgläubigen zur Conditio sine qua non zu machen. Hat auch aus Coneurronzrüelcsichlen die Berliner Finanzwvü bei ihren Geschäften w e n i g e r auf e t h i s c h e M o in e n t e .Rücksicht genomne n, so fallen diesmal die Concurrenzrücksichten doch fort, denn die Sucht nach Cebernahme rumänischer Staatspapiere dürfte wohl eine sehr minimale sein." Der Gang Carps nach Canossa-Berlin war vergebens. Die Gredilfähigkeit Rumäniens wurde gewogen und zu leicht befunden, und die „ethischen Momente" Helen nicht schwer genug in die Wagschale. Mit dem Scheitern seiner Mission war das Schicksal Carps besiegelt. Dem. einzigen Staatsmaune, von dem man glauben und hoffen konnte, dass er Rumänien sanieren und die Situation der Juden bessern werde, ist das Staatsruder entrissen worden. Es ist unmöglich, dass ein Besserer nachfolgt. Aber wir müssen aus guten Gründen nochmals zu der von Carp geplanten Finanzaction zurückkehren. Diese Acti-m hat uns wieder einmal gezeigt, eine wie kindische und dabei gefährliche Haltung die jüdisch-

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