Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Article
- Real- oder Socialpolitik?
- Date
- 1901-02-08
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 ,Die $l Welt? Seite 7 betrüben, die sich bis jetzt als Deutsche gefühlt haben, aber nicht uns, nicht einmal dann, wenn — per inconcessum — sämmtliche Deutschen Antisemiten wären. Die Juden müssen cJäs .Deutschthum — M^fiäfee immer bloss den cülturellen Begriff im Auge — in Uel'Bulcöwina erhalten, nicht wegen, sondern trotz der „christlichen Deutschen". Die „Christlich- Deutschen" sehen es wohl ein und hüten sieh, etwas zu unternehmen, was dem Antisemitismus ähnlich sieht. Ob sie es factisch sind, weiss ich nicht bestimmt; ich darf sogar annehmen, dass sie von der — wie sagt man doch? — „Strömung" gehörig erfasst sind, es genügt mir jedoch, wenn sie gezwungen sind, die Faust in der Tasche zu ballen und den jüdischen Besitzstand an Mandaten in allen öffentlichen Vertretungskörpern unbedingt zu rospectieren. Wären die Rumänen heute am Ruder, dann wären wir Bukowinaer rumänische Juden (siehe Rumänien!), und diese schöne Perspective muss unbedingt verschallt werden. Ist das R e a 1po I i tik, dann concediere ich noch eine solche, wenn aber der Herr Verfasser von einer Schacherpolitik und ähnlichem Zeug spricht, von einer Politik von Fall zu Fall, dann muss ich auf das entschiedenste protestieren, nicht nur aus moralischen Gründen, sondern aus — Utilität. Die Berechnung jüdischer (scilicet nationaler) Mandate, die Herr Dr. Ebner aufstellt, zeugt von einer so stupenden Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, dass ich auf eine Widerlegung gerne verzichte. Noch eigenthümlicher nimmt es sich aus, wenn jemand von realer Politik spricht und das Reale nicht kennt. Das „Abgewöhnen" des Bezirkshauptmannes erinnert mich an die bekannte Anekdote yom „Lutwak", der seinem Gaul das Fressen abgewöhnen wollte, bis er schliesslich umstand. O ja! Man kann den galizischen und Bukowinaer Juden schon den Bezirkshaüptmänn abgewöhnen, wenn man sie — nach Palästina heimführt. Dort werden sie auch nationale Politik treiben. So lange aber Juden das Schankgewerbe betreiben, Mauten und Propinationen pachten, landwirtschaftliche Berufe ausüben, Strassen für das Aerar bauen, Steuern zahlen müssen und dergleichen mehr, wird man ihnen den Bezirkshauptmann nicht abgewöhnen. Warum? Aus Gründen der Realpolitik!... Doch halt! Der Herr Verfasser will die Gleichberechtigung mit der realen Politik erkämpfen. Das lässt sich hören. Wenn das aber geht, könnte man ja sofort den ganzen Zionismus unnöthig finden. Der „orthodoxe Ztonist", der sich selbst ad absurdum führt, indem er mit einem bisschen Schacherpolitik, mit dem Handelsgeschäft „do ut des" die Gleichberechtigung in einem europäischen Staate ersiegen Will, ist die neueste Species von Politikern. Soll ich da noch weiter polemisieren und daraufhinweisen, dass man wohl für die körperliche, geistige und wirtschaftliche Hebung des jüdischen Volkes — jüdische Socialp ö Ii t ik, die an keine staatlichen Grenzen gebunden ist — ein treten könne und so indirect für die Gleichwertigkeit und implicite Gleichberechtigung eintreten könne, dass wir in erster Reihe das jüdische Proletariat im Auge haben, dem alles Feilschen um Mandate und sonstige Erfolge schnuppe ist? Nein, ich erspare mir diese Mühe. Bei vielen Zionisten — und bedauerlicherweise auch beim Herrn Verfasser—hat die klare zionistische Argumentation im Laufe der Jahre ein Loch gekriegt. Grundbegriffe wurden verschoben. Die Gefahr liegt nahe, dass man das Endziel statt h in ä u s-, b eis e i t e schi3ben wird. In meinen künftigen Abhandlungen werde ich mich mit einigen dieser Fragen beschäftigen, darum will ich mich durch unnütze Polemik nicht weiter absorbieren lassen. Czernowitz. Dr. Philipp Menczel. Der Zionismus und die schweizerischen Juden. Die Nummer 3 der „Welt" brachte eine Einsendung aus .Genf, in welcher die Juden der französischen Schweiz der Gefühllosigkeit beschuldigt werden, weil sie der Mehrzahl. . nach dem Zionismus noch fernstehen. Es wird behauptet, die Juden der französischen Schweiz hätten kein Herz für ihre osteuropäischen Stammesgenossen, und das osteuropäische Judenthum gälte ihnen als der Inbegriff von Unehrlichkeit, Schmutz und Schnorrerthum. Diese unwahren Behauptungen haben in zionistischen Kreisen der Schweiz lebhafte Entrüstung erregt. Ihr Correspondent . jHerr Dr. P. hat falsche Gerüchte für bare Münze genommen, und sein Aufenthalt in dei Schweiz ist von zu kurzer Dauer, um ihm ein richtiges Urtheil über Land und Leute zutgestatten.; . it) . iAö. 0 , u ..ßft J.!^ schlechter als, die. J uden anderer Länder. Sie gleichen in Qeiakart ,un ci Gesinn un g den.übrigen vyt-stcuropäische n Juden, Wenn sie dem Zionismus schwer zugänglich sind, so geschieht dies nicht aus Hochniuth und Hartherzigkeit, sondern aus Kurzsichtigkeit und Mangel an Verständnis für das Wesen des Zionismus. v In einer Stadt an der Schweiber'Grenze lebt ein jüdischer Herr, der, wenn von Zionismus die Rede ist, jedesmal in hellen Zorn geräth, weil er sich einbildet, die Zionisten würden den westlichen Juden das Dach über dem Kopfe anzünden. Derselbe Herr hat im Jahre 1878 keine Mühe gescheut, um flüchtigen russischen Juden zu einer auskömmlichen Existenz zu verhelfen, und er hat später eine seiner Töchter an einen polnischen Stammesgenossen verheiratet. Aehnliche Beispiele könnte ich noch mehrere anführen. Verschiedene jüdische Gemeinden der Schweiz beziehen ihre Vorbeter und Rabbiner ans Osteuropa. Einige in der Schweiz wohnhatte osteuropäische Juden sind mit Töchtern einheimischer Familien verheiratet. Die zionistische Vereinigung in Basel enthält unter ihren Vorstandsmitgliedern neben drei Angehörigen des baslerischen jüdischen Gemeinderath.es, zwei osteuropäische Gesinnungsgenossen (wie beiliegendes Circular der „Zionistischen Vereinigung" vom November vorigen Jahres zeigt). Alles dies beweist zur Genüge, dass die in der Schweiz wohnhaften östlichen Juden, wenn sie über gute Lebensart verfügen, von den schweizerischen Juden als ebenbürtig behandelt werden. Etwelches Misstrauen mag ja manchmal zum Vorscheine kommen, wie es bei Juden und Nichtjuden aller Länder den aus der Fremde Zugekommenen gegenüber stets vorhanden ist. Dies gilt aber nicht nur von dem Verhältnisse zwischen schweizerischen und östlichen Juden, sondern ebenso von demjenigen zwischen französischen, elsässischen und rechtsrheinischen Juden, sowie den Juden schweizerischer Abkunft, d. h. solchen, die aus dem schweizerischen Ghetto — den beiden Dörfern Endingen und Lengnau — stammen. Der Ausdruck „Pollak" wird hie und da in der Schweiz gehört. Es gibt eine grössere Zahl einheimischer, schweizerischer Juden, die diesen Namen als Familiennamen führen, Es kommt manchmal auch vor, dass ungebildete Menschen das Wort „Pollack" als Spitz wort gebrauchen. Die geringschätzige Aeusserung bezieht sieh in übertragenem Sinne auf Leute, die eine grosse Virtuosität im Lügen besitzen. Im allgemeinen wissen die Juden in der Schweiz sehr wohl, dass sie den im Vergleiche zum Durchschnitte der östlichen Juden höheren Bildungsgrad nicht ihrem Verdienste, sondern der Gunst der Verhältnisse zu verdanken haben. Als Zionisten dürfen wir es nicht dulden, wenn zwischen den verschiedenen Gruppen des jüdischen Volkes Misstrauen gesäet wird. Ich tadle es keineswegs, wenn wunde Stellen des jüdischen Volkslebens offen dargelegt werden, da die Erkenntnis der erste Schritt zur Heilung eines Uebels ist. Dies soll aber mit Verständnis und in versöhnlichem Sinne geschehen. Das Zionisten-Programm macht uns die Stärkung des jüdischen Zusammengehörigkeits-Gefühls zur Pflicht. Was die Stellung der schweizerischen Juden zum Zionismus anbetrifft, so muss zugegeben werden, dass die Schweiz kein sehr günstiger Boden für die zionistischen Bestrebungen ist. Die materielle Noth, welche im Osten als Triebkraft so mächtig wirkt, ist in der Schweiz kaum spürbar. Die schweizerischen Juden haben noch niemals bessere Zeiten gesehen, als in der Gegenwart. Die drei Zionisten - Gong r esse haben dazubeigetragen, etwaige judenfeindliehe Tendenzen zur Ohnmacht zu verurt h e i 1 e n, indem sie den anständigen und denkfähigen Leuten die Augen geöffnet haben. Von dem aus früherer Zeit stammenden Schächtverbote abgesehen, besitzen die Juden in der Schweiz volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung, Staatliche Ehrenämter, auch wenn sie durch Volkswahl vergeben werden, können von tüchtigen jüdischen Männern besetzt werden, ohne dass dieselben nöthig hätten, ihr Juden thum und gegebenenfalls ihre zionistische Gesinnung zu verbergen. Die Juden bilden etwa 73 Percent der schweizerischen Gesarnmtbevölkerung. Ob die Schweiz vom Antisemitismus verschont bleiben wird, wenn die Zahl der Juden durch Einwanderung bedeutend anwächst oder wenn in den benachbarten Ländern die judenfeindliche Strömung länger andauert, das ist eine Frage, die ich nicht bejahen möchte. Der bekannte Optimismus unserer Stammesgenossen, der die Gefahren^ der Zukunft nicht sehen will, tröstet sich ^geäftttö£^M^m^fmh^n aus Rennes, / fto,Ina,, Kojnitz etc. mit der Phrase: „Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen".