Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 6 (8.2.1901)
- Article
- Real- oder Socialpolitik?
- Date
- 1901-02-08
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,Die & Welt^ Nr. 6 neuestes Ghetto zurückziehen — oder aber wir treiben jüdische Politik, Politik fürs jüdische Volk. Die letztere ist die jüdische National- und Realpolitik. Nach Zahl, Intelligenz, Besitz und Steuerkraft gebüren uns im österreichischen Parlamentemehr als zwanzig Mandate, zehn oder zwölf Mandate können wir — vorausgesetzt, dass wir ernstlich wollen — immer erreichen. In Niederösterreich zumindest zwei, in Galizien in fünf Wahlki eisen mit absoluter jüdischer Majorität fünf, in der Bukowina drei, und bei einiger Ansti engung und bei glücklichen Bündnissen noch etliche Mandate. In einem Parlamente mit so unzähligen Clubs wäre ein jüdischer Club mit 10—15 Männern wenigstens ein Factor, der Beachtung verdiente und ein Gegengewicht gegen andere radical-antisemitische Giuppen, das desto stärker wäre, je näher wir der Eogierung stünden. Es ist nämlich gar nicht ausgemacht, dass die Juden wegen der Sprachenfrage oder wegen des böhmischen Staatsrechtes das bittere Brot der Opposition essen müssen. Nebenbei bemerkt, können die jüd ischen Abgeordneten dort, wo es sich nicht um jüdische Angelegenheiten handelt, mit den Collegen aus den einzelnen Ländern einträchtig zusammenwirken. Was aber sind jüdische Angelegenheiten? höre ich lauernd fragen. Darauf gebe ich eine klare, unzweideutige Antwort. Zu den vornehmsten jüdischen Interessen gehört — man mag es Phrase nennen oder nicht — die Erlangung der vollen Gleichberechtigung und die A nerkennung der vollen Gleichwertigkeit. Ich bin ein orthodoxer Baseler Zionist und durchdrungen von den Wahrheiten des Zionismus, aber weil ich Zionist bin, bin ich auch jüdisch-nationaler Realpolitiker. Zur Zeit, als das alte Judäa blühte, lebte ein grosser Theii Israels in Hellas und Italien, in Hispania und Gallien, ja, die Sage weiss schon aus uralter Zeit von Juden in Libussas Hauptstadt zu erzählen. Selbst wenn Judäa neu erstehen sollte in alter Pracht und Herrlichkeit, wird es nicht anders sein. Weitaus die Mehrheit des jüdischen Volkes würde in Europa bleiben und Judäa nur mit der Seele suchen. Für die in den alten Vaterländern Zurückgebliebenen hätte eine jüdische Local- oder Landespolitik einen ganz guten Sinn. Ausser der grossen Reichs- oder Staatspolitik gibt es eine Provinzial- und Gemeindepolitik, welch letztere für die jüdische Bevölkerung oft von grösserer Bedeutung ist. Die handel- und gewerbetreibende jüdische Bevölkerung ist vielfach von der Zusammensetzung der Landtage, Gemeindevertretungen, Handelskammern und dergleichen abhängig. Tausend wirtschaftliche Interessen stehen auf dem Spiele. Hier handelt es sich den jüdischen Schenkern um die" Art der Interpretation des Gesetzes über die Sonntagsruhe, dort um die Verleihung von Concessionen, Verpachtung von Gefällen, da um die Anstellung jüdischer Beamten, dort um ihre Schul- und Cultusangelegenheiten. Eine Politik der weisen, massvollen Selbstsucht, wie noth thut sie unserem Volke, das bisher nur für fremde politische Ideale sich zu begeistern vermochte! Wie wohlthätig würde es wirken, wenn wir unsere Machtverhältnisse weise auszunützen verstünden! Das Geheimnis unserer Realpolitik liegt in dem vielgeschmähten Do ut des. Ja, wir wollen Schaoherpolitik treiben, wir schämen uns gar nicht, das Ding beim rechten Namen zu nennen. Als wenn die Politik etwas anderes wäre! Als wenn die anderen Parteien nicht auch den elendesten politischen Schacher trieben. Politik ist Selbstsucht, der spartanische Staatsegoismus ist mustergiltig gewesen und steht noch heute in hohem Ansehen. Eines Egoismus für unser Volk schämen wir uns ganz und gar nicht Gibst Du, so gebe auch ich, das wird das Arcanum unserer Stärke sein, In Galizien, in Mähren und in der Bukowina — den judenreichsten Ländern der Monarchie — sind wir das berühmte Zünglein an der Wage. Unsere Bundesgenossenschaft ist eine vielbegehrte, weil sehr wertvolle. Bisher waren wir anspruchslos, von nun ab sollen wir klüger werden. Die Bukowinaer Verhältnisse liegen mir am nächsten. Die Bukowinaer Juden sind ihrer 90.000 an Zahl bei einer Gesammtbevölkerung von 600.000Einwohnern. Die Deutschen sind bloss etwas mehr als 30.000 Seelen stark. Trotzdem haben sie mit der Hilfe der Juden es zustande gebracht, dass sie im Landtage fünf von den 31 Mandaten haben, während die Juden selbst nur duch zwei Männer vertreten sind. Im Landes-Ausschuss,e haben die, Juden garr ..keine Vertretung, kein Wundeifffa^^^ liehe Landesstellen schamlos übergangen werden. Die Städte Sereth, Radautz und Suczawa, die alle jüdische Majoritäten haben, wählen Deutsche oder Rumänen, nur nicht Juden. Sollen wir das auf die Dauer so. hingehen lassen? Die zweite Curie des Grps|gr^ö^besitzes hat ungefähr ein Drittel jüdischer Stimmeq.-ls^es Je den 40 jüdischen} Grossgrundbesitzern eingefallen, wenigstens eines der Mandate für einen der Ihrigen in Anspruch zu nehmen? Niemals. Ein zur Realpolitik erzogenes Volk, dass ausser über politisches Verständnis auch über eine gute, unabhängige Presse und unabhängige, tapfere Vertreter verfügt, wird sich die Furcht vor dem gestrengen Herrn Bezirkshaüptmänn mit der Zeit abgewöhnen; im übrigen wird die allmähliche Gesundung der politischen Verhältnisse auch in Bezug auf die Freiheit der politischen Wahlen Wandel schaffen. Stehen wir geeinigt in politischen Landesverbänden da, wie stark können wir werden! So lange wir uns um jeden Preis den anderen an den Hals werfen, waren wir verachtete Ausbeutungsobjecte, als selbstbewusste politische Partei werden wir — zwar nicht weniger gehasst — jedoch nicht verachtet werden, jedenfalls aber für unser Volk Vortheile herausschlagen, die nicht zu unterschätzen sein werden. Wir dürfen keine dauernde Freundschaften schliessen, weil wir dabei jedesmal Gefahr laufen, die „Würzen" anderer zu werden. Was wir brauchen, sind Bündnisse von Fall zu Fall, keine Amicitia, sondern Societas. Dort, wo wir selbst zu schwach sind, eigene Candidaten aufzustellen und ihnen zum Siege zu verhelfen, dort wollen wir fremde Candidaten unterstützen, die uns die Gewähr leisten, dass sie uns entweder positiv nützlich oder wenigstens unschädlich sind. Jedenfalls dürfen wir es nie versäumen, auf die politischen Verhältnisse des Landes die möglichste Ingerenz zu üben. Freilich gibt es manche, die an einer solchen jüdische nationalen Politik Anstoss nehmen, vielleicht weil .dadurch ihre eigenen, höchstpersönlichen Interessen Schaden nehmen würden, die Parteigänger dieser jüdisch-nationalen Realpolitik kann diese Gegnerschaft nur freuen, gibt sie uns doch Gelegenheit, jene Elemente auszuscheiden, die nicht mitthun können, weil — zur jüdisch-nationalen Politik in ganz bezonderem Masse Charakter gehört. * II. Entgegnung, G e eh r t e R e d a c ti o n! Sie waren so freundlich, mir die vorstehenden Zeilen zur Erwiderung, beziehungsweise zur Vertheidigung meines Standpunktes einzusenden. Ich muss nun leider gestehen, dass ich in dem Artikel des Herrn Dr. Ebner kein Substrat für eine Replik finde und mich fdglich auf meine Ausführungen berufen könnte. Dieselben gipfelten darin, dass es eine jüdische National- oder — wie die Herren sie nennen — „Realpolitik" innerhalb des europäischen Staates nicht gibt. Was sich so nennt, ist jüdische Socialpolilik und hat mit dem, was man terminologisch Politik nennt nichts gemein. Die Geschichten, die Herr Dr. Ebner aus Mähren und Niederösterreich erzählt, sind zwar sehr rührend, beweisen aber nichts, sie erhärten bloss die Thatsache, die ich selbst zugegeben habe: die Juden sind in vielen Fällen gezwungen, Abstinenz zu üben, denn dass es je gelingen könnte, in Mähren oder Wien einen jüdisch-nationalen Candidaten durchzubringen, wird wohl niemand ernstlich zu behaupten wagen. In dem Augenblicke, da ein Cahdidat ein sogenanntes jüdisch-nationales Programm entwickeln würde, hätte er alle anderen gegen sich, und es würde kein Jude jemals das österreichische Parlament als Abgeordneter betreten. Der von dem Herrn Verfasser citierte Dr. S t r a u c h e r ist ein Jüdisch-Volklicher, seine Candidatur in Czernowitz mus ste er jedoch als Demokrat, der für die deutsche Staatssprache einzutreten erklärte, aufstellen, damit die Deutschen Abstinenz üben. Hätte er als „Jüdisch- NationaJer" candidiert, wäre er ganz entschieden durchgefallen. Im Bukowinaer Landtage muss sich Dr. Strauch er dem Deutschen Club anschliessen. Er ist deswegen noch kein Deutsch-Nationaler, sondern will damit bloss documentieren, dass er für die Erhaltung der deutschen Sprache in Schule und Amt, für die deutsche Cultur im Lande ist. Auch ich habe mich öffentlich hierfür ausgesprochen, unter ßetonungmeines zionistischen, willheissen jüdisch-nationalen Standpunktes. Ich habe nämlich erklärt, dass die Juden aus sehr realen Gründen („Realpolitik4') für die Erhaltung des deutsch-sprachlichen und deutsch-culturellen Charakters der Bukowina eintreten müssen, weil sie sonst — siehe Galizien! zu Hörigen der, in jeder Beziehung unduldsamen lind jtotfflnWÄ »tes die Deüfsehen in der Bukowina einen „chrisüich-deütechen" Verein begründet haben, kann bloss diejenigen Juden