Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Article
- Die Reichsrathswahlen in Österreich
- Date
- 1901-02-01
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 „Die # Welt* Nr . 5 nähere Kennzeichnung einer derartigen moralischen und politischen Verirrung ist wohl überflüssig. Gibt es von dieser Stufe der Selbsterniedrigung noch einen Wiederaufschwung? Und solche Leute werden aus jüdischen Körperschaften nicht mit Schimpf und Schande herausgejagt, Oder sollte die grosse Masse der verblendeten Juden sich wirklich nicht soviel Menschenwürde und Anstandsgefühl bewahrt haben, um das furchtbar Demüthigende, Er« niedrigende solcher Vertreter zu empfinden? Was soll man ferner dazu sagen, wenn in einem kleinen slövakischen Städtchen in einer Versammlung jüdischer Wähler der Orts- Rabbiner sich erhebt und jeden zweiten Satz mit den Worten beginnt: „Wir Deutsche in Mähren . .? Muss man solche unglaublich klingende Thatsachen nicht auf das Conto jener Macht setzen, gegen die Götter selbst vergebens kämpfen? Wohin man blickt, überall erkennt man die traurigen Spuren der sinnlosen deutsehthümelnden Judenpolitik: Die jüdische Moral sinkt immer mehr, der czechische Antisemitismus greift um sich, „Germanentreue" und „Germanenstolz* lohnen die jüdische Opferwilligkeit und Selbstentmannung nach der Wahl mit allerdings dankend quittierten Fusstritten, der jüdische Geschäftsmann leidet unter dem schonungslosen Boycott und geht seinem Ruin entgegen. So arbeiten die mährischen Juden an ihrem moralischen und wirtschaftlichen Harakiri rastlos weiter und fühlen sich scheinbar wohl in der Rolle des „dummen Kerls" von Mähren. R. N. Zionisten in Indien- Die „English Zionist Federation" publiciert in ihrem jüngsten Bulletin einen Brief von Mr. Meyer A. Sofaer aus Rangoon Burma (Indien), mit dem sie seit dem jüngsten Congresse in schriftlicher Verbindung steht. Mr. Sofaer schreibt: „Ich bin erfreut, Ihnen mittheilen zu können, dass sich hier ein zionistischer Verein gebildet hat, der schon jetzt eine ansehnliche Zahl von Mitgliedern aufweist. Hierbei übersende ich Ihnen ein Postmandat von drei Pfund Sterling, welche als Schekel eingezahlt wurden." Mr. Sofaer sendete der „Federation" eine Mitgliederliste ein, wor aus zu ersehen ist, dass dem Vereine hervorragende Persönlichkeiten des Kaiserreiches angehören. Die „Federation" dankte Mr. S o fa e r herzlichst für die ausgezeichneten Erfolge, die er erreicht hat. So entfernt Burma auch von Centrum der zionistischen Thätigkeit sei, das jüdische Herz schlage auch dort wie hier warm für die jüdische Sache. „Wahrlich, Rangoon hat neue Ermuthigungen nach London gesendet," so schliesst das Antwortschreiben tfer „Federation". Die Eröffnung der jüdischen Gemeinde-Bibliothek in Lemberg. (Orig.-Corr. der „Welt".) Die Begründung einer jüdischen Gemeinde-Bibliothek in Lemberg ist ein Zeichen für den geistigen Umschwung, den die zionistische Propaganda bewirkt hat. Während noch vor nicht allzu langer Zeit die Gründung von jüdischen Lesehallen und Bibliotheken, selbst dort, wo sie von privater Seite ausgieng, der lebhaftesten Opposition seitens der assimilatorischen Cultusvorstände begegnete, wie z. B. in Brünn, stellt die jüdische Gemeinde-Bibliothek ein officielles Unternehmen des Lemberger Cultusvorstandes dar, das zum erstenmal die Schranken der sogenannten „beschränkten Cultusgemeinde-Competenz" durchbricht. Es steht fest, dass nur der zionistische Einfluss dieses officielle Interesse an der Frage der geistigen Hebung der Juden und die Entfaltung einer darauf bezüglichen Thätigkeit des Cultusvorstandes bewirkt hat. Und auch in diesem Sinne ist das neue Unternehmen zu begrüssen, weil es einen erfreulichen Präcendenzfall schafft, den man getrost den Wiener, Brünner oder Prager Cultusräthen vor die Augen rücken kann. Es ist ein Triumph, den wir feiern, wenn Männer, die bis in die neueste Zeit hinein Beschützer der Assimilation waren und darin das ausschliessliche Heil des jüdischen Volkes erblickten, heute, gedrängt von den Wellen der national-jüdischen Bewegung, ins Fahrwasser des Zionismus lenken. Die Eröffnungsrede des Dr. Byk hat ganze Bände gesprochen. Man bedenke, was es heissen will, wenn aus diesem Munde ein Lob unseres Schriftthums ertönt, dem sich die Aufforderung anschliesst, die jüdische Solidarität wieder zu begründen. Dann sprach der ATistalts-Curator Herr, von Horowitz. Indem der Redner den Fortschritt unserer Gemeinde auf dem Schul- und Wohlfahrtsgebiete hervorhob, konnte er natürlich die Sünden nicht unerwähnt lassen, die auf Kosten des jüdischen Volkscharakters von gewissen Kreisen begangen wurden, durch Propagierung assimilatorischer und unjüdischer Sitten. Besonders markant geisselte Herr von Horowitz die „zu weit" getriebene Assimilation, indem er sprach : „Diese allzu hastigen Fortschrittsbestrebungen haben auch traurige Folgen nach sich gezogen, zumal diejenigen, die dem Anstürme nicht widerstehen konnten, weit über das gesunde Ziel geschossen haben. Die Gier, alles uns Ueberlieferte direct in die Rumpelkammer zu stossen, artete geradezu in Ueberspanntheit aus und führte zur Vernichtung aller jüdischen Ideale. Denn die Assimilation zog in letzter Reihe und vielleicht in logischer Weise gegen die jüdischen Tradition überhaupt und die Liebe zur jüdischen Literatur zu Felde. Ueberraschend und unerwartet trat jedoch im letzten Jahrzehnt eine vollständige Umwälzung der Ideen ein. Es kam die Epoche der neuzeitlichen jüdischen Bewegung und der beglückenden Wiedergeburt des Judenthums. Wir haben unser Israel von neuem erkannt und entdeckt, wir stehen wieder vereinigt auf dem Plan. Wir haben während dieses Zeitraumes unseren jüdischen Charakter schätzen gelernt. Wir wollen nicht untergehen, aufgehen und verschwinden unter anderen < olksstämmen. Wir sind für uns allein und wollen auch so bleiben/' P. * * * Aufruf! Eine dem Publicum zugängliche, öffentliche Bibliothek ist bei uns schon seit lange zu einem allgemein gefühlten Bedürfniss geworden. Studierende, Lernbegierige, Gelehrte und die es werden wollen, haben nicht immer Mittel und Gelegenheit, sich die nothwendigen Werke zu beschaffen. Die meisten Grossstädte in Oesterreich und sehr viele kleinere Orte im Auslande sind zur Gründung solcher Gemeindebibliotheken geschritten und haben damit der Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums einen grossen Dienst erwiesen. Auch der löbliche Vorstand unserer Gemeinde hat eine solche, alle Disciplinen der jüdischen Literatur umfassende Bibliothek zu gründen und sie der allgemeinen Benützung zu übergeben beschlossen. Eine aus den Schenkungen hochherziger Gönner bestehende Büchersammlung wird in den von dem löblichen Vorstande überwiesenen und passend ausgestatteten Räumen in kürzester Zeit aufgestellt sein. Bei dem geringen Umfange aber der uns zu Gebote stehenden Mittel, erlauben wir uns, an alle unsere Glaubensgenossen mit der dringenden Bitte heranzutreten, das junge Unternehmen durch Zu wendung von Geschenken an Büchern oder an Geld zum Ankauf von solchen, zu unterstützen. Jede hochherzige Gabe, ob gross oder klein, wird in dem Gedenkbuch der Gemeinde verzeichnet werden, Auch an die Herren Verfasser und Verleger aller, jüdische Interessen auch nur im Entferntesten berührender Werke, Responsen, Zeitschriften, Publicationen, Dissertationen etc., richten wir die freundliche Bitte, unsere junge Bibliothek durch Zusendung von Exemplaren ihrer Werke gütigst bereichern zu wollen. Ferner sind wir gerne bereit, mit anderen Bibliotheken in einen Austausch von Dubletten zu treten. Und so empfehlen wir das segensreiche Unternehmen dem geneigten, thatkräftigen Wohlwollen aller Freunde der jüdischen Literatur und Wissenschaft. Möge es unter dem Schutze Gottes wachsen und gedeihen! Lemberg im November 1900. Das Comite zur Errichtung und Verwaltung der Ge m ein d e bibliothek: Samuel v. Horowitz, Vorsitzenden Salomon Buber, Stellvertreter. David Rappaport. Dr. Wilhelm Holzer. Isak Schmelkes, Rabbiner. Dr. J. C a r o, Rabbiner. Alxander Halpern, Rabbiner. Adresse: Jüdische Gemeindebibliothek, Lemberg. Zur zionistischen Frauenbewegung. Prag. Wir hatten des öfteren Gelegenheit, über die rege Thätigkeit der Zionisten in Prag zu berichten. Auch diesmal ist ein erfreulicher Fortschritt unserer Bewegung zu verzeichnen. Der „Jüdis che Frauen verein" hat Montag den 14. d. M. seine constituierende Gener a L - V e r- Sammlung abgehalten,