Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Article
- Die Reichsrathswahlen in Österreich
- Date
- 1901-02-01
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 „Die # Welt*« Seite 7 Gegner ihnen in diesen (im Interesse der deutschen Gemeinbürgschaft sogenannten) Deutsch-Freisinnigen erstanden ist. Manche hätten sich und dem Judenthum die Schande erspart, deutschradical gewählt zu haben, wenn sie vollständig begriffen hätten, für wen sie eigentlich gestimmt haben. Bei manchen „Repräsentanten" ist allerdings die Sorge um das Alldeutschthum ausschlaggebend vor allen jüdischen Erwägungen. Die Deutschradicalen sind nichtnur aus politischen, nationalen und wirtschaftlichen Gründen Antisemiten, Ihr Antisemitismus ist auf ^ine wissenschaftliche Basis gestellt und das Product einer Weltanschauung, die dem Geist des Judenthums, die allem Jüdisch-Rassenthümliehen todtfeind gegenübersteht und die Juden als die natürlichen Antagonisten de* Germanenthums betrachtet. Die deutschradicale Tendeuz geht daher zielbewusst und unerbittlich auf die Unterdrückung des Judenthums in jedem Belange aus. Eine momentane Unterbrechung in dieser geradlinigen judenfeindlichen Arbeit findet "nur statt, wenn die Juden für höchstgermanische Zwecke, im Grunde nur gegen sich selbst, verwendet werden sollen. In diesen Momenten — gewöhnlich bei Wahlen oder Geldsammlungen — lassen sich die Juden missbrauchen, ja sogar mit einem heimlichen S'tolz auf die deutsche Bundesgenossenschaft von Antisemiten missbrauchen, und was noch schlimmer ist, über die eigentlichen grossen Ziele der Deutschradicalen täuschen. Die Wahl der Deutschradicalen ist ein weit, weit grösserer Schaden, als der Vortheil, der aus dem Sturze einiger Christüch-Socialer erwachsen ist. Es heisst nicht nur mit der Einsicht, sondern auch mit dem Geschicke der österreichischen Juden ein frivoles Spiel treiben, wenn man sie darüber zu täuschen sucht, dass es noch schlimmer geworden ist. Die Wahlen in Böhmen sind für uns Zionisten in mancher Hinsicht lehrreich. Die Entwicklung der deutschradicalen Giuppe, die heute über 20 Mandate innehat und in allen Classen, auch an den socialistisch gesinnten Arbeitern eine feste und an Zahl starke Anhängerschaft hat, zei^t manche Analogien mit dem Werdegang der nationaljüdischen Bewegung. Der deutschvolkliche Gedanke — über dessen „Wert" wir gewiss nicht im Zweifel sind — wurde noch vor wenigen Jahren von der Studentenschaft und einem kleinen Theile der Intelligenz getragen. Es war leicht, sich über diese Jugend lustig zu machen. Aber eben diese Jugend hat es verstanden, ihren Gedanken in breite Gesellschaftskreise zu verpflanzen, während sie selbst sich allmählich mehr oder minder einflussreiche Stellungen im öffentlichen und privaten Leben errang. Mit einemmale standen nun diejenigen, die dem Entwicklungsgang des deutsch-österreichischen Volkslebens mit nicht viel Aufmerksamkeit gefolgt waren, überrascht vor der Thatsache, eine mächtige und wohl organisierte Bewegung vor sich zu haben, der sich nun viele anschliessen werden, die erst die Menge brauchen, um mit ihrer Person für eine Sache einzustehen. Die zionistische Bewegung ist auch von den österreichischen Universitäten ausgegangen, und noch gibt es manche, die heute über den Zionismus als eine Bewegung der akademischen Idealisten und jugendlichen Brauseköpfe lächeln. Die Wiener Cultuswählen warben die erste Ueberraschung, andere werden folgen. Wichtiger noch erscheint uns eine andere Analogie. Wir sehen nämlich in Böhmen, diesem Wirthschaftsland kat' exochen, wie die wirthschaftlichen Elemente von den nationalen — wir möchten sagen — aufgesogen werden, und dass aus den ökonomisch-politischen eine grosse nationale Frage wird, deren Lösung sowohl von Czechen, als auch von Deutschen durch Anspannung und Verwendung aller Volkskräfte erstrebt wird. (Es handelt sich nämlich in Böhmen längst nicht mehr, wie viele glauben, um die Sprachenfrage; die Frage der Beamten, der Verwaltung der Gemeinden und das politische Uebergewicht einer der beiden Nationen sind vielmehr eminent wirth schaftlich er Natur). Und wir sehen, wie sich allmählich in dieser nationalen Bewegung alle Classen zur gemeinsamen Arbeit zusammenfmden. Dass auf diesem Wege grosse Erfolge erzielt wurden, ist sehr lehrreich. F. III. Mähren. Eigensinn, heisst es, ist die Energie der Dummheit. Das politische Verhalten der mährischen Juden bestätigt diesen Satz. In ihrer seit Jahrzehnten festgehaltenen, opfer- und folgenreichen, nationalen und parteipolitischen Stellung, äussert sich kraftvoll-zähe nationale Unvernunft und eine öfth in kindisch-blö($eipöliti6öhe Spielerei Ausartende Unreife. D&s' 'ftiMöfiiscM7'Stärke'verfiältnis der beicLen Mähren bewohnenden Volksstämme, die Culturkraft und Populationsfähigkeit des wirtschaftlich, culturell und politisch immer mehr erstarkenden czechischen Volkes, die schlimmen Erfahrungen der Juden in den letzten Jahren, die Excesse und der bedenklich fortschreitende wirtschaftliche Niedergang des jüdischen Mittelstandes, die katastrophale Zuspitzung der Lage der jüdischen Geschäftswelt auf dem Flachlande und in czechischen Städten, diese auch dem biödesten Auge in ihren Ursachen und Wirkungen offenkundigen Thatsachen führen eine allzu deutliche Sprache. Die mährischen Juden aber können oder wollen ihnen kein Verständnis entgegenbringen. Für sie, sonst sehr gute Rechenmeister und Geschäftsleute, ist das so einfache Rechenexemp?!. das die Gegenüberstellung der 71 Percent Czechen und W Percent Deutschen darstellt, ein unlösbares Problem geblieben, das sie durch ihre germanisatorische Sport-und selbstmörderische Schildbürgerpolitik nicht lösen, nicht vereinfachen, sondern nur erschweren. Die letzten Reichsrathswahlen haben neuerdings bewiesen, dass die mährischen Juden die Alten geblieben sind. Die bekannte Schmerling'sche Wahlgeometrie, die in der künstlichen Zusammenfassung meilenweit entfernter Städte zu einem Wahlbezirke besteht, gibt ihnen eine ausschlaggebende Stellung. Sie haben sich weder durch die bis zur Unerbittlichkeit getriebene czechische Concurrenz und Boycottpolitik, noch durch den brutalen und leicht explosionsfähigen Antisemitismus der Czechen und die latente Judenfeindlichkeit der deutschen „Connationalen" beirren und abschrecken lassen, abermals ihre Stimmen zugunsten der Deutschen in die Wagschale zu werfen. So kam es, dass Mähren mit seiner zu drei Vierteln czechischen Bevölkerung eine Mehrheit deutscher Abgeordneter hat. Dieser füi die Juden selbst völlig wertlosen Thatsache — für die germanisatorischen Gelüste ihrer „Führer" hat sie ja „idealen" Wert — steht gegenüber eine gewiss nicht problematische Stärkung des von den Czechen ausgeübten wirtschaftlichen Druckes und eine recht fühlbare Schwächung der geschäftlichen Position der Juden. Und man frage die betroffenen Kaufleute, ob ihnen die deutschen Mandate und die deutsche Hegemonie im Lande ihre wirtschaftliche Existenz wert sind! Doch was liegt an der Kleinigkeit des jüdischen Mittelstandes in Mähren jenen jüdischen Berathern und Führern, die weitab vom Gleichmuthe die Verheerungen betracnten, welche auf ihr Kerbholz zu schreiben sind! Ueberall, wo die Juden die wankende Position der Deutschen zu halten mit allen Mitteln streben, sehen wir an ihrer Spitze Leute marschieren, die vermöge ihrer wirtschaftliehen und socialen Stellung sich in ihrer politischen Haltung keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchen. Aber gar so einfach, wie einst, geht die Sache dennoch nicht. Die Wahlmacher der Deutschen müssen oft schon unter das schützende Dach der Cultusgemeinden sich flüchten. Dort; klopfen sie nicht vergebens an und finden willfährige Werkzeuge genug. Dieselben Cultusvorstände, die uns Zionisten immer die wohlfeile Ausrede entgegenhalten, die Cuitusgemeinde sei schon dem Namen und mehr noch dem Wesen nach keine politische Körperschaft, haben nichts dagegen, dass der Cultusvorstand in corpore sich als ein inofficielles Wahlcomite constituiert und deutschnationale Wahlpropaganda treibt. So geschehen in Brünn. Die Brünner Gemeinde-Repräsentanz hat der ohnehin aussichtslosen Zählcandidatur der Czechen und Socialisten gegenüber das Bedürfnis empfunden, die Brünn er Cultuswähier auf ihre „Ehrenpflicht" am Tage der Herren d'Elvert und Lecher aufmerksam zu machen und jenen deutschliberalen Juden, wekhe bei den letzten Cultus w ah len das Opfer einer Wahlbetheiligung brachten, durch besonderes corporatives Eintreten für die deutschen Candidaten den wohlverdienten Dank abzustatten. So erwies sich abermals die „Mandats-Versicherungs-Gesellschaft" alseine ganz nette Sache. Nach den Cultuswahlen in Brünn hatte der Ex offo- Vertheidiger des Vorstandes die Stirne, die vorgekommenen Wahlbeeinflussungen rundweg in Abrede zu stellen. Die Herren haben sich bei den Reichsrathswahlen übertroffen. Ein jüdischer Hausierer, welcher für die Socialdemokraten agitierte, wurde in der unerhörtesten Weise drangsaliert. Ein Vorstandsmitglied scheute sich nicht, dem Manne, der zufällig aus der Hirsch-Stiftung für arme jüdische Gewerbetreibende ein Darlehen erhalten hat und dessen Sohn, ein Jurist, ein Stipendium bezieht, öffentlich mit der Entziehung zu drohen, ihn wie einen Gefangenen im Agitationslocal zu internieren. Ueberhaupt haben die Wahlen ganz untrügliche Zeichen für die tiefgesunkene politische Moral und den Mangel an persönlicher Anständigkeit bei den, offieielle Stellungen bekleidenden Juden zutage gefördert. So hat es der' Cultusvörsteher von Olmütz'urid einer seiner Vorstandseölleigeri für ehrenvoll und nöthwendig gehalten, als Wahlmann dem jSchöneriaDe vK die Stimme zu geben. Eine