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Die Welt · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Article
Zum deutschen Judentage
Date
1901-02-01
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die # Welt?* Nr,: 5 Rabbiner sind getreue Diener ihrer Herren. Doch darum keine Gegnerschaft den Theologen! Wir wissen, dass der grösste Theii der jüngeren hiesigen Theologen auf unserer Seite ist. Sie treten auch grossen theils;offen für uns ein, die anderen aber denken an die — Abhängigkeit in ihrer zukünftigen Stellung . . . Wie unwürdig diese sei, und wie darum die Rabbiner nicht in Wirklichkeit Vertreter der Juden sein können, daraufwies R.-A. Schwarz in seinem Vortrage hin. Er zeigte weiter und bewies es an der Hand des Gesetzes und der Thatsachen der Erfahrung, wie auch die Gemeindebehörden keine legitimierte Vertretung seien, auch keine der sonst bestehenden Institutionen, Verbände und Vereine. Angebahnt würde aber eine solche werden, wenn es gelänge, den angeregten „Deutschen Judent a g" zu schaffen, wenn dessen Delegierte aus allgemeinen, gleichen, directen Wahlen hervorgiengen. Und wenn dann vielleicht jedes Land einen solchen Judentag hätte und die einzelnen Judentage sich zu einem gemeinsamen allgemeinen Judentage vereinigen würden . . . dann wäre es vielleicht nicht mehr nöthig, Zionisten-Congresse abzuhalten. Das war der Gedankengang des etwa ein einhalbstündigen Vortrages, der aber keineswegs ermüdete. Ein Sturm des Beifalls folgte ihm, und es war zweifellos, das die Resolution, die der Vorstand des Vereines nun vorschlug, im Sinne der Versammlung sei. Sie lautete : „Die heute im Festsaale des L i e b i c h'schen Etablissements zu Breslau tagende, zahlreich besuchte öffentliche jüdische Versammlung erklärt die Berufung eines allgemeinen deutschen Judentages für eine Notwendigkeit. In der Erwartung, dass derselbe zur Wahrung unserer bedrohten staatsbürgerlichen Rechte, zur Neubelebung unseres Selbstbewusstseins beitragen wird, verlangt sie, dass die Delegierten durch allgemeine, gleiche, directe und geheime Wahlen aller deutschen Juden bestimmt werden." Doch es kam zu keiner Abstimmung. Der Vorsitzende hatte die Discussion auf das Thema des Redners und die Resolution beschränken wollen. Anwesende Socialdemokraten, die Zionismus und Judentag verwechselten, fassten das falsch auf und erblickten darin eine Beschränkung der Redefreiheit. Sie opponierten dagegen und machten Propaganda für ihre Ideen. Die Versammlung wurde dabei unruhig, und der etwas ermüdete Polizei-Commissarius löste die Versammlung auf, obwohl eigentlich kein Grund dazu vorlag. Das war bedauerlich, indes nicht abzuändern. Doch wird in einer zweiten demnächst stattfindenden Versammlung die Discussion fortgesetzt und die Resolution dann sicher angenommen werden. Eine ähnliche Resolution nahm auch neulich der hiesige jüdische Verein „Grätz" an. Von gewissem historischen Interesse dürfte es sein, dass die Idee eines „Deutschen Judentages", wie er jetzt nach dem-Vorschlage Prof. Philippsohns doch wohl zustande kommen wird, uns Breslauern nichts Neues ist. Am 4. October 1897 sandte der hiesige Dr. jur. Paul Posen er an den Vorstand des „Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" einen längeren Aufsatz: „Wie erreicht der Centraiverein sein Ziel?" Derselbe schloss :?JIst so unser Material vorgeschult, dann ist nur ein kleiner Schritt zum Ziele: Zur allgemeinen Vertretung Deutschlands, zum ersten deutschen Judentage. Dies ist die competente Stelle, von wo aus für uns und mit uns gesorgt und gewirkt wird. Darauf antwortete der Vorstand des Centraivereines am 0. November 1897: „ . . . dass in dem Aufsatze ein förmliches Programm enthalten ist, und dass die Veröffentlichung dieses Aufsatzes im Vereinsorgane bei vielen Mitgliedern den Eindruck machen müsste, als ob der Vorstand dieses Programm in allen seinen Zielen acceptierte. Dazu bedürfte es eingehender Erwägungen, die sogar jetzt noch nicht abgeschlossen sind." Seitdem hat der Verfasser nichts mehr vom Centraiverein gehört. Er hat indes in zwei Vorträgen, im December 181)7 und Jänner 1900, hier vor einem grösseren Publicum dieselbe Frage erörtert und einen „Deutschen Judentag" vorgeschlagen. Aber nicht bloss bei uns Juden findet ja nur das Billigung, was ein Mann vorschlägt, den man schon in weiten Kreisen kennt. Doch sei dem, wie ihm wolle, wir denken an einen Ausspruch, den unser Gegner Dr. Güttin an n neulich in einer Predigt gethan hat: „Die Macht einer Idee ist sehr gross und sie siegt allen Schwierigkeiten zum Trotz." So der Judentag, so der Zionismus. Hillel. * Breslau, 28. Jänner. (Orig.-Corr.) In einer Versammlung des Breslauer „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur", in .der über .den,,.gepjLantf#i, J^tfn.t a g „(UßQUtißrth\fögrdgg» sollte, wurde den in grosser ^ahl anwesenden Zioni s t e n, trotzdem sie auf das schwerste vom Rabbiner Dr. Guttmann und Amtsgerichtsrath Wollstein - angegriffen worden waren, das Wort nicht verstattet, worauf sie ostentativ das Local verliessen. Die darauf folgende, sehr kurze Debatte (2 Redner) verlief uninteressant und ergebnislos. Eine Stellungnahme zum Judentage erfolgte nicht. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Angriffe obengenannter Herren zu widerlegen, da diese nur auf Unrichtigkeiten und tendenziös dargestellten Thatsachen beruhten. Dass doch Leute von so hervorragender socialer Stellung es wagen, über Dinge zu reden, über welche sie sich ein objectives Urtheil nie bilden konnten, weil sie sich bisher, dem Augenschein nach zu urtheilen, \nicht die geringste Mühe gaben. Wenn unsereins das thäte * Die Reichsrathswahlen in Oesterreich. IL Niederösterreich und Böhmen. Die Reichsrathswahlen in Oesterreich sind ein Schulfall dafür, wie die politischen Rechte zu einem Danaergeschenk für die Juden werden können, wenn sie, statt weise benutzt, unglücklich gebraucht werden. Planlos gehen die Juden in den meisten Bezirken zur Wahl. Man muss von Zorn erfasst werden, wenn man sieht, wozu der kleine jüdische Mann von den „Führern" missbraucht wird. Dort wo die nationalen Gegensätze, beispielsweise zwischen Deutschen und Czechen, so hartaufeinanderstossen, dass jeden Augenblick eine Entladung zu befürchten ist, wagen es die Juden, irregeleitet von ihrer Repräsentanz und von Phantomen genarrt, in demonstrativer Weise, laut und lärmend* für eine der beiden Nationen Partei zu ergreifen, und was das Unglück oder der Unverstand will, gewöhnlich gegen die Majorität, zu welcher sie in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Man dankt im Stillen dem Himmel, wenn's nach einer solchen Wahl nicht gegen die Juden losgeht. Freilich, antisemitische Saat wird genug und genug ausgestreut, und die Früchte, Boykott und wirtschaftliche Aushungerung, gehen erschreckend auf. Die Juden merken am eigenen Leib die Folgen ihrer Unklugheit, die Ursachen sehen sie nicht in ihrer eigenen Handlungsweise, in der unnützen Aufreizung der ohnehin gegen die Juden erbitterten Volksinstincte, — vielmehr im „Zeitgeist", oder wie immer sie den Antisemitismus euphemistisch zu nennen belieben. Die Vortheile, die ihnen aus der einseitigen und lauten Parteinahme für eine Nation erwachsen? Man könnte tagelang streiten, ob das gewählte Uebel wirklich das kleinereist. Manchmal sehen wir — ein komisches Schauspiel, wenn es nicht gar so betrübend wäre — Juden derselben Gesellschaftsschichte einander in hitzigem Wahlkampfe gegenüberstehen. Welche Schäden der Gesellschaft wollen sie heilen? Wohl alle, nur nicht die, die sie selbst als Juden am meisten gefährden. Das Traurigste aber ist, dass die Juden sich aus dem Ausgang der Wahl Scharmützel, die in Bezug auf die Judenfrage höchstens Verschiebungen des Judenhasses und bei der von ihnen betriebenen fremdnationalen Politik eher Nachtheile bringen, jeweilig die „Lösung der Judenfrage" ableiten. Ein todter Antisemit genügt, um ihnen die Zukunft rosig erscheinen zu lassen. Welch ein Jubel unter den Wiener Juden, weil die Christlich-Socialen einige Mandate eingebüsst haben. Die ..Schmach von Wien" ist getilgt, und alles ist wieder gut. Die Christlich-Socialen sind in Niederösterreich stark geschädigt worden, das ist wahr, obwohl sie sich anderweitig einen grossen Zuwachs zu sichern wussten. Aber wer ist an ihre Stelle getreten: Die Socialdemokraten, deren Judenfreundlichkeit und „taktisches" Verhalten nach der Wahl bereits früher einmal (siehe Nummer 3) gekennzeichnet wurde, und die Deutschradicalen, von denen wir noch sprechen werden. Trotz allem aber sind die Christlich-Socialen noch immer Herren von Wien, und man kann schon jetzt bemerken, dass sie ihren zum Theile durch allzugrosse Zuversichtlichkeit verschuldeten Misserfolg dadurch wettmachen wollen, dass sie den Antisemitismus noch schärfer betonen und bethätigen. Wir meinen natürlich den politischen Antisemitismus, denn der private Antisemitismus lässt sich schon schwer überbieten. Die Deutschradicalen (Gruppe Schönere r) haben insbesondere in Böhmen einen gewaltigen, von Wenigen geahnten Zuwachs erfahren. Sie sind jetzt nicht nur die radicalste Gruppe des Parlamentes, sondern auch infolge ihrer Zahl von nicht unbedeutendem Einflüsse. Die Deutsch^ radicalen sind die gefährlichsten Antisemiten. Die niederösterreichisß&ej^ die politischen Ereignisse durch die sohvva**Krroth^goldenier Brille betrachten, werden zu spät erkennen, was..für. ein

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