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Die Welt · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Article
Zum deutschen Judentage
Date
1901-02-01
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr/5 „Die & Welt" Seite 5 Linie — das soll ein Mahnruf für diejenigen unter den Zionisten in Deutschland sein, die dem Beispiele der Berliner Zionisten noch nicht gefolgt sind. In Angelegenheit des Judentages' schreibt man uns aus Berlin und Breslau: L Berliner Brief. In den letzten Nummern der „Welt" ist wiederholt darauf hingewiesen worden, welche grosse Wichtigkeit die Propagierung derJudentags-Idee durch unsere zionistische Ortsgruppe besitzt. Leider scheinen noch nicht alle Gesinnungsgenossen die Bedeutung des Augenblicks er fasst zu haben. Es ist deshalb angebracht, nochmals kurz den Judentags-Plan und seine Bedeutung zu erörtern. Der Judentag bedeutet den Ausdruck der bisher nur in unseren Eeihen verbreiteten Auffassung, dass die bisherige Politik der deutschen Juden zusammengebrochen ist. Er bedeutet, dass sie verstehen lernen, welch ungeheure Bedeutung einer Centralisation aller Kräfte beizumessen ist, welch grossen Wert eine aus Wahlen hervorgegangene jüdische Vertretung für unser politisches Leben haben würde. Aber das ist noch nicht der Kernpunkt der Frage. Der Judentag mit seinem offenen Bekenntnis: Wir sind am Ende unserer Weisheit angelangt, muss den deutschen Juden die Frage aufdrängen, wenn es auf dem bisherigen Wege nicht geht, was soll weiter werden? Und was die logische Antwort auf diese Frage sein wird und muss, das liegt auf der Hand. Man wird brechen mit der blinden Gefolgschaft, die man bisher den politischen Parteien der Linken geleistet hat, wird begreifen lernen, dass es nur einen Weg zur Rettung gibt, nämlich den der Selbsthilfe, und wird so sich an den nationaljüdisch-zionistischen Gedankengang gewöhnen. Unsere Gesinnungsgenossen müssen sich dar übe r klar werden, dass der jetzige Moment von dergrössten Bedeutung für die deutsche Judenheit ist. dass es gilt, die trägen Massen zum Kampfe zu führen gegen die Aemterjäger, die apathischen Gemeinde vorstände, denen das Juden thum nur eine Stufenleiter ist für gemüthliche Ehrenstellen. Wrir werden jetzt sehen, wer wirklich für das Volk und seine Bedürfnisse ist und wer nur Phrasen im Munde führt. Und wir dürfen den Augenblick nicht verpassen, um dem erwachenden Volksbewusstsein auf die Füsse zu helfen. Wir müssen los von jeder politischen Bevormundung von links oder|rechts, von Freund oder Feind und lernen, unsere Sache selbst zu führen. Niemand ist für uns, wenn wir nicht selbst es sind. Die „Berliner zionistische Vereinigung" hat deshalb einen energischen Feldzug für die Judentags-Idee begonnen, und ihr Vorstand wird denselben fortsetzen, bis der Gegner am Boden liegt. Wie sehr sich die liberalen Parteien durch die plötzlichen Selbständigkeitsgelüste der Juden in ihrem Besitzstande bedroht fühlen, das beweisen die nervös erregten Aufsätze der liberalen Blätter, in denen der Redner der ersten Judentags-Versammlung, Dr. Friedemann, angefallen worden ist. Die „Berliner Zeitun g", „V olks-Zeitun g", „Breslauer Zeitung", nicht zu vergessen die R i c k e r t'schen „M ittheilungen zur Bekämpfung des Antisemitismus" befinden sich in einem pathologischen Erregungszustande, der beweist, wie richtig unser bisheriges Vorgehen gewesen ist. Und trotz aller Warnungen finden wir täglich mehr Anhänger. Die zweite Versammlung der „Berliner zionistischen Vereinigung", die den Judentag zum Thema hatte, war noch viel besser besucht, als die erste vom 7. Jänner d. J. Fast 700 Personen waren erschienen und lauschten gespannt den trefflichen Ausführungen des Dr. Theodor ZI o ci s t i, der Zwecke und Ziele der Judentags-Bewegung erklärte und nachwies, dass ein völliger Bruch mit den bisherigen politischen Gepflogenheiten der Juden nothwendig sei, dass zwar nicht der Kampf gegen eine der Gestehenden politischen Parteien unser Ziel sein könne, dass aber der Ruf „Los von den Judenschutztruppen" Wiederhail bis in die fernsten Winkel Deutschlands finden werde. Die Güte einer Idee bemerkt man an der Qualität der Opposition, die sie findet. Was von Gegnern gesagt wurde, lässt sich am besten mit dem Rufe eines Redners wiedergeben, in den er seine Eindrücke über die Debatte zusammenfasste:^ „Die Zionisten haben ein zu, unerhörtes Glück mit ihren Feinden." Nachdem von zionistischer Seite der Referent in sehr glücklicher Weise auf die Angriffe erwidert, Herr Wohlberg, Buber, Friedländer und andere lauten Beifall gefunden hatten, wurde mit allen gegen nur 12 Stimmen folgende Resolution angenommen : „Die heute in Dräsels Festsälen tagende, von mehr als 600 Juden besuchte Versam mlung erklärt die Einrichtung eines Allgemeinen Deutschen Judentages für dringend wünschenswert. Des Deutschen Judentages Aufgabe soll es sein, unsere bedrohten staatsbürgerlichen Rechte zu wahren, zur Neubelebung des Zusammengehörigkeitsgefühls und zur Hebung des berechtigten Selbstbewusstseins der Juden beizutragen. Die Versammlung erwartet, dass die Berufung der Delegierten in einer Weise erfolge, die denDeutschen Judentag zu einer wirklichen Vertretung der deutschen Judenheit macht" Es war dringend zu wünschen, dass die Gesinnungsgenossen allerorten mit der Veranstaltung ähnlicher Versammlungen vorgehen. Die„Berliner Zionistische Vereinigung" ist bereit, die (Jebermittiung von Resolutionen an die zuständige Stelle zu übernehmen. Dr. Friedemann. * II. Breslauer Brief. Die „Breslauer Zeitung" gehört dem Bruder des Herausgebers des Mainzer „Israelit" und ist politisch liberal. Das genügt wohl, um zu wissen, wie sie über den Zionismus denkt. Sie hielt diesen bisher aber für etwas recht Unbedeutendes und begnügte sich, ganz kurze Congressberichte zu bringen und den Zionisten hin und wieder ein kleines Seitenhiebchen zu versetzen. Arg war es nicht. Da wurde sie eines Tages eines Besseren belehrt. Zwar kam die Lehre vom „Feinde", von den „Soci*. Indes mit Sachkenntnis war man nicht beschwert, und so glaubte man aus tiefster Seele, was da in der „Neuen Zeit" stand. Und eines langen, gegen den Zionismus und das Nationaljudentum gerichteten Leitartikels wohlklingende Schlussbetrachtung war: „Jedenfalls wird sich verlohnen, diese starken Strömungen in der jüdischen Bevölkerung im Auge zu behalten." Und so kam es auch. Zunächst brachte man den Schekerbilbul alias Seeschlange der „Politischen Correspondenz*. dem zwar die Erklärung des Actions-Comites folgte, aber nicht das thatsächlich erlassene Irade des Sultans. Dann kam ein Bericht über die jüngste Berliner Versammlung und später noch einmal ein längerer Auszug aus Dr. F riedemanns Rede. Schliesslich Telegramme und Correspondenzen, dass der Judentag gescheitert sei, verbunden mit einem etwas unfairen Versuch, Dr. Friedem ann herabzusetzen, verbunden überdies mit Verwechslung von Zionismus und Judentag, mit Vertuschungs- und Vertauschungs-Versuchen. Für alles sind wir der „Breslauer Zeitung" recht dankbar. Denn unser war der Erfolg ihrer Arbeit. Als die „Breslauer Zionistische Vereinigung" eine Versammlung ankündigte mit dem Vortrage des Rechtsanwalts S c h w a r z : „Die Judenheit und ihre legitimierten Vorsteher", zeigte sich die Wirkung jener Vorarbeit: es gab ein übervolles Haus. Doch etliche fehlten, die nämlich, die sich heute als legitimierte Vertreter der Judenheit ausgeben und als solche angesehen werden. Es fehlten die Gemeindevorsteher, von den Repräsentanten sah man nur einen, und vergebens suchte man die Herren Gemein! e-Rabbiner. Die ersteren hatten wahrscheinlich zuhause besseres vor, letztere sicher. Der eine von ihnen, Herr Dr. G u 11 m a n n, hätte sonst gewiss gern die ihm zwar hier nicht zum erstenmale gebotene Gelegenheit wahrgenommen, endlich etwas positive Kenntnisse über den Zionismus zu erwerben. Denn seine schon etwas langweiligen Angriffe auf den Zionismus von der Kanzel herab zeigen, dass er die von ihm „gefährlich" und „verderblich" genannte Bewegung noch immer nicht kennt. Doch schliesslich sind seine Angriffe für uns Reclame, und das dürfen wir nicht ganz unterschätzen. Interessant war es neulich, wie dieser selbe Herr nervös wurde, als Prof. Martin Philippsohn einen Vortrag in dem Lifceraturverein hielt, in dessen Vorstand Dr. Guttmann sitzt, und, wenn er auch erklärte, nicht mehr jung genug zu sein, um Zionist zu werden, dennoch den Zionismus freudig begrüsste als eine Bewegung, die zeige, dass noch Leben im Juden thum sei. Da war Rabbiner Guttmann recht böse. Man sah es ihm ordentlich an, wie leid es ihm that, dass es da keine Discussion gab, wo er hätte gegen uns wettern können. — Freundlicher gesinnt ist uns der andere Oberrabbiner, Herr Dr. Rosenthal. Indes auch er hält es nicht für richtig, dass man selbst Hand anlege zur endgiltigen Besserung der traurigen jüdischen Lage, und die jüngeren Gemeinde-

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