Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Article
- Der zweite Türke
- Date
- 1901-02-01
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die x£ Welt44 Nr. 5 Werden wir aber erst dort, in der Urheimat leben und uns natürlicher Lebensbedingungen erfreuen, so wird es ja gar keinen Anlass zu religiösem Hasse geben. Es gibt keine religiöse Gemeinschaft, die fremden Glaubensformen gegenüber duldsamer wäre als die Juden und es gibt keine religiöse Gemeinschaft, die so sehr darauf sieht, blos den eigenen Besitzstand zu wahren und sich von jeder Proselytenmacherei fernzuhalten, wie eben die Juden. Wenn selbst die Türken die Bekenner des Christenthums und deren Heiligthümer zu beschützen wissen, um wie viel besser werden wir dies verstehen! Alle jene Stätten werden mit einer festen Schutzmauer umgeben sein, mit einem Wall von Gesetzes- Bestimmungen, die jeden Eingriff, jede Beeinträchtigung unmöglich machen werden. Und überhaupt — was geht uns diese ganze Frage an? Wer will denn die Machtbefugnisse der türkischen Regierung untergraben? Wer ist so wahnwitzig, an eine Einschränkung ihrer Rechte in dieser Beziehung auch nur im entferntesten zu denken? Wer von den Zionisten liesse es sich auch nur im Traum einfallen, dass den Christen und Mohammedanern jemals das Recht geschmälert werden könnte, die Stätten in Palästina, die ihnen heilig sind, zu verehren und hochzuhalten? Im Gegentheil! Diese Verehrung ist uns sehr wert Aber die Heiligkeit des palästinensischen Bodens für alle Bekenntnisse hat bisher noh keine grosse Ansiedelung auf diesem Boden geschaffen. Was will ein Jude mit der Aufrollung derartiger religiöser Fragen? Wenn strenggläubige Katholiken heute sagten : Wir wollen keine jüdische Ansiedelung in Palästina, weil wir befürchten, die Juden könnten unsere Heiligthümer antasten — so könnten wir sie beruhigen, könnten ihnen klarmachen, dass ihr Misstrauen ganz unbegründet ist, und sie würden uns Glauben schenken oder auch nicht. Sie haben das Recht, derartige Befürchtungen zu hegen. Schliesslich würden sie sich ja überzeugen, dass die Juden in Palästina stille, friedliche Arbeiter sind, die ihr Hauswesen verwalten und die Bekenner fremder Religionen respectieren; aber vorderhand hätten sie das unbestreitbare Recht, ein wenig misstrauisch zu sein. Und dennoch sind nicht s i e diejenigen, die Einwendungen erheben. Der katholische Priester Father Ignatius in England ist ohne Zweifel um die Stätten in Palästina, an denen die Katholiken einen Herzensantheil nehmen, mehr bekümmert als Herr Josef Krieger, und dennoch fürchtet er nicht im mindesten, die Juden möchten sie entweihen. Es ist ja möglich, dass andere Priester nicht so furchtlos sind. Wir gehören nicht zu den Phantasten, die da glauben, ein grosses Ziel könne ohne Hindernisse, ohne Bemühungen erreicht werden. Wenn diese Frage von betheiligter Seite aufgeworfen werden sollte, werden wir um eine Antwort nicht verlegen sein. Was wollen wir denn? Wir wollen die Türkei und die Mächte gewinnen! Da kommen nun diese Leute mit ihren albernen Prophezeiungen: Sie werden ihre Zustimmung nicht geben. Ja, von wannen kommt Euch diese Wissenschaft? Möglicherweise werden sie ihre Zustimmung doch geben. Auf gewisse Bürgschaften hin, nach einer gewissen Zeit, unter gewissen Umständen — immerhin ists doch erstrebenswert! Das glaubwürdigste Zeugnis ist wohl das eines unparteiischen Christen. In allen den schriftlichen Aeusserungen von christlicher Seite, die wir im Laufe der Jahre gelesen haben und die nicht auf äussere Einflüsterungen zurückzufuhren sind, ist uns niemals unbedingte Gegnerschaft entgegengetreten. Sollte sich einmal eine derartige Gegnerschaft herausbilden, so werden unsere inneren Feinde die Schuld daran tragen. Diese Herren werfen sich unaufgefordert zu Anwälten einer fremden Sache auf. Die Völker werden nicht zustimmen, die Türkei wird nicht zustimmen, die Christen haben heilige Stätten — aber wer hat Euch denn gefragt? Und wem erzählt Ihr das? Die Leute wollen den Nichtjuden Anschuldigungen und Verwahrungen in den Mund legen. Das ist ein niedriges Beginnen! Alle Welt weiss: Die Zionisten wollen bloss eine jüdische Heimstätte in Palästina gründen, eine Heimstätte ehrlicher Arbeit mit Zustimmung der Türkei und der Mächte und ausserhalb des Bereiches der heiligen Stätten, die die Bekenner der verschiedenen Kirchen in Palästina besitzen. Alle Welt weiss, dass bedeutende und einflussreiche Männer innerhalb der Christenheit diese Bestrebungen gutheissen. Alle Weit weiss, dass die Sache gewiss auch in der Türkei sowohl Freunde wie Gegner hat. Ob der General- Gouverneur von Jerusalem das närrische Gefasel des Herrn Hirsch wirklich nach Constanünopel berichtet hat, wissen wir nicht, ebensowenig wissen wir, ob dieser angebliche Bericht die Ursache der Verschärfung des Einwanderungsverbotes war. Es befremdet uns aber, dass ein Mann, wie Herr Krieger, uns mit derartigen Dingen kommt. Nehmen wir an, die Geschichte hätte sich wirklich so zugetragen: was soll das beweisen? Sind wir denn Kinder, dass uns Herr Krieger mit solchem Kinderstubengeschwätz unterhält? Jedes politische Streben muss eine reale Grundlage haben — das ist die Hauptsache. Die zionistischen Bestrebungen sind eine nothwendige Folge der allgemeinen Lage der Juden, der Geschichte und der Lebenserfahrungen unseres Volkes. Gesetzt, nicht Herr Krieger, sondern ein officielles Zeitungsorgan der türkischen Regierung würde erklären, dass die Zionisten alle Hoffnung fahren lassen sollten. Könnte eine solche Erklärung unsere Bestrebungen wegdecretieren und unsere Idee schwächen? Bei den heimtückischen Mitteln, deren sich einzelne unserer inneren Feinde bedienen, ist ja schliesslich die Möglichkeit einer solchen Kundgebung nicht von vorneherein ausgeschlossen. Allein wir sind ja keine Kinder, wir sind ja ein Volk. Die Hindernisse und Verwahrungen sind etwas Flüchtiges, Vorübergehendes, und ein Volk, das einem einmal gesteckten Ziele mit Ernst und Ausdauer zustrebt, wird es schliesslich erreichen, vorausgesetzt, dass die Verfolgung des Zieles etwas Gutes und Vernünftiges ist. Das ist der politische Zionismus. Er ist gut und vernünfeig, darum ist ihm der endliche Erfolg sicher. Zum deutschen Judentage. Das Project Prof. Martin Philippsohns, einen deutschen Juuentag einzuberufen, hat bekanntlich alles, nur nicht das Wohlgefallen der erbgesessenen jüdischen Würdenträger gefunden. Die Zionisten waren beinahe allein, ais sie das Project, das sie freudig aufgegriffen hatten, vertheidigten und zu stützen suchten. Das Kesuitat der ersten intimen Berathung der „Vertreter" des Judenihums war, dass die Zionisten durch die gewaltige Majorität aer Gegner des Judentages überstimmt wuTaen — und das Project ward abgelehnt. Doch die 60, die dem Judentage in aller Stille ein unehrliches Begräbnis machen wollten, hatten sich arg verrechnet. Die deutschen Zionisten, vor allem die „Berliner Zionistische Vereinigung", machen den Judentag zum Gegenstande einer intensiven und energischen Agitation, geleitet von der richtigen Erkenntnis, dass es sich da um den Kampf zweier Principien handelt, die ohnehin früher oder später aufeinander losplatzen mussten, um den Kampf des selbstbewussten, nationalen Judenthums gegen die Assimilation und alles, was drum und dran hängt. Die bisherigen Vorstösse der Berliner Zionisten sind vollständig geglückt, jetzt heisst es nur, den bedeutungsvollen Kampf mit derselben Ausdauer und" Öchneidigkeit fortzuführen uad Ihn auf der ganzen Linie zu kämpfen. Auf der ganzen