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Die Welt · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
5 (1.2.1901)
Article
Der zweite Türke
Date
1901-02-01
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5 „Die & Welt Seite 3 Angelegenheiten dieser Inselgruppe betraut. „Se. Excellenz" — schreibt der „Jewish Chronicle" —- „hat uns mit der Kundgebung seiner Ansichten über die zionistische Bewegung beehrt. Diese Meinung ist von grösstem Werthey indem Se. Excellenz — der ein Oesterreicher von Geburt ist — lange Jahre Secretär der Provincialregierung in Palästina war und 'daher in Anbetracht der Erfahrungen, die er während seiner Jerusalemer Amtsthätigkeit gesammelt hat, wohl berufen erscheint, sich über diese Angelegenheit auszusprechen." Youssouf B ey Krieger schreibt dem Jewish Chronicle" aus Rhodos folgendes: „Da ich länger als zwanzig Jahre das Amt eines Secretär-Interpreten der palästinensischen Landes-Regierung versehen habe, glaube ich, noch heute imstande zu sein, meine Meinung durch Argumente zu erhärten, die, wie ich hoffe, zur Zerstreuung der Illusionen beitragen werden, denen sich eine grosse Anzahl meiner Glaubensgenossen hingibt. In erster Reihe müssen wir ernstlich bedenken, dass es in Palästina und insbesondere in Jerusalem hunderte von heiligen Stätten gibt, an denen alle Glaubensbekenntnisse interessiert sind und bezüglich deren durch kaiserliche Firmane ein Status-quo geschaffen worden ist, welcher jede Nation ermächtigt, ihre erworbenen Rechte zu wahren. Wollte nun irgend ein Mann in einem dieser Heiligthümer blos an einen Nagel oder an ein Bild rühren, oder eine Lampe verrücken, so würde er sofort unabsehbare Conflicte heraufbeschwören — ja sogar blutige Kämpfe zwischen den Mönchen der betheiligten Religionsgemeinschaften, sowie eine Fluth von Noten des französischen und russischen Botschafters und des griechischen und armenischen Patriarchen an die hohe Pforte. Es möge bei dieser Gelegenheit erwähnt werden, dass der hauptsächlichste Grund des Krimkrieges ein den Katholiken gewährtes Vorrecht war, nämlich das Recht, einen Pflock aus der heiligen Grotte zu Bethlehem für sich in Anspruch zu nehmen. Einmal im Jahre wird die Basilica in Bethlehem reingefegt, und da ist die Regierung genöthigt, eine Schwadron Soldaten hinzusenden, damit die Ordnung aufrecht erhalten bleibe. Sonst würden die griechischen und armenischen Mönche einander in den Haaren liegen, weil der eine Theil Ansprüche auf die Reinigung einer bestimmten Fussbodenparthie erhöbe, deren Berechtigung der andere Theil bestreitet. Dem Regierungsvertreter — ich habe in diese]- Eigenschaft fungiert — liegt es ob, jeder Gemeinschaft genau vorzuzeichnen, bis zu welcher Stelle sie das Recht hat, das Fegen zu besorgen, und es ist seine Pflicht, im Falle der Widersetzlichkeit mit Waffengewalt den Status-quo aufrecht zu erhalten. In derselben Basilica gibt es einige Fensterscheiben, die nicht repariert werden können, weil die Griechen das Recht, neue Scheiben einzusetzen, für sich fordern, während, die Armenier behaupten, dass dieses Recht ihnen gebühre. In der Grabeskirche zu Bethlehem musste die Regierung infolge blutiger Zusammenstösse, die hier stattfanden, mit Zustimmung der oben bezeichneten Botschafter einen ständigen Wachposten anstellen, und trotz dieser strengen Massregeln ereignet es sich häufig, dass Mönche der verschiedenen Riten uud Bekenntnisse verwundet, ja selbst getöcltet werden." Youssouf Bey Krieger berichtet ferner über die Vorsichtsmassregeln während der Osterwoche und über die Schlüssel zu den Eingängen des Heiligen Grabes, die mohamedanischen Thürhütern anvertraut sind; sodann fährt er fort: „Ich erwähne diese Thatsachen, um zu beweisen, dass, wenn schon eine christliche Regierung in Palästina nicht geduldet werden könnte, da es ihr niemals gelänge, den Status-quo und damit den Frieden aufrecht zu erhalten, erst recht nicht erwartet werden kann, dass eine nichtchristliche Regierung den Mächten genehm wäre." Diese Beweisführung hinkt ordentlich. Sehen wir doch, dass eine nichtchristliche Regierung in Palästina thatsächlich besteht. Wir werden uns bald überzeugen, dass diese ganze Sanctuarien-, Gräber- und Kirchenangelegenheit gar nicht zur Sache gehört. Doch hören wir weiter: „Zweitens müssen wir uns vor Augen halten, dass Palästina von Mohammedanern, und zwar von Fellachen (Ackerbauern) und Beduinen (Nomadenstämmen), bewohnt ist, die alle stramme Krieger sind und den Umgang mit Wa|fen*un^Pfex<d^n von Kind auf lernen. Die Mohamedaner nun^ verehren die Omar-Moschee, die Meschdjid-el-Sahra (tZHpttn JTD) und Meschdjid-el-Akoa (n£?*P ]TD)5 als das dritte im Range der Heiligthümer des Islam: das heisst: wenn einer der.Gläubigen ein Hadji zu werden wünscht so muss er zuerst nach Mekka und Medina, dann aber zu diesen Heiligthümern pilgern. Die mohammedanischen Bewohner Palästinas würden sich eher in Stücke hauen lassen, als dass sie erlaubten, einen anderen Cult an diesen heiligen Stätten zu üben, und die gesammte mohammedanische Welt würde sich gegen einen solchen Versuch energisch erheben. Ich glaube, dass diese Beweise genügen, den Zionismus als ein illusorisches Planen erkennen zu lassen, das nicht blos keine Erfolgsmöglichkeit aufweist, sondern im Gegen - theil noch geeignet ist, Vorurtheile gegen das Judenthum und die palästinensische Colonisation wachzurufen und unseren Glaubensgenossen, die in der Türkei leben, den grössten Schaden zuzufügen. Die Juden genossen immer gleich den Mohammedanern das vollste Vertrauen der Regierung, bis eine Unbedachtsamkeit des Ex-Directors von „Mikvveh Israel" (der Ackerbauschule bei Jaffa) dieses Vertrauen ein wenig erschütterte. Eines Tages erzählte Herr Hirsch dem Gouverneur von Jerusalem in meinem Beisein, dass die jüdischen Einwanderer aus Russland damit umgiengen, das Königreich Ju-iäa wieder aufzurichten. Ohne einen Augenblick zu verlieren, telegraphierte der Gouverneur an die Hohe Pforte, was ihm eben erzählt worden war, und am nächsten Tage trafen Verfügungen aus Constantinopel ein, wonach ausländischen Juden die Ansiedelung in Palästina nicht mehr gestattet werden sollte. Seitdem die Zionisten-Congresse einberufen worden sind, haben wir immer mehr iu der Wertschätzung der Regierung eingebüsst. Diese Ideen sind utopistisch und unnütz. Ich möchte meinen Brüdern rathen, diesen verderblichen Absichten zu entsagen und nicht zu versuchen, auf einem Vulkan zu bauen. Anstatt Felsen aufzuthürmen, die uns erdrücken könnten, lasst uns aus unseren unglücklichen Flüchtlingen Colonisten machen, lassfc uns ihnen beistehen in ihrem grossen Unglück und sie belehren. Lasst uns einig sein in der Bekämpfung des Antisemitismus, dann werden wir etwas Grosses vollbracht haben.k; * Musste Herr Josef Krieger wirklich erst von Oesterreich nach der Türkei auswandern, in Jerusalem ein Staatsamt bekleiden, der Secretär des dortigen General-Gouverneurs werden, zum Range eines Bey aufsteigen and sodann das üirectorium der politischen Angelegenheiten auf Rhodos erlangen, um uns das Mysterium aller Mysterien zn enthüllen, dass es nämlich in Jerusalem, Bethlehem und anderwärts heilige Gräber und Kirchen, Klöster und Mönche, Grundstücke und Asyle gibt, die einzelnen christlichen Bekenntnissen heilig und wert sind? Das weiss ja jedes bessere Schulkind! Und wenn Herr Josef Krieger Bey glaubt, dass die Zionisten das vergessen haben, so scheint er von sich auf andere zu schliessen. Nicht die Zionisten haben etwas vergessen, sondern der Herr Bey hat offenbar vergessen, was der Führer der Zionisten auf dem Congress einmal und zweimal gesagt hat und was seitdem unzähligemal wiederholt worden ist: dass denn Zionisten d e r verbrecherische Gedanke niemals aufgestiegen ist, irgendwie Hand anzulegen an den Heiligthümern der christlichen oder mohammedanischen Religion. Und das ist kein leeres Wort l Erschiene uns der Mann nicht als wahnsinnig, der sich erkühnte, die Heiligthümer eines fremden Glaubens zu entweihen und die religiösen Gefühle eines fremden Volkes zu verletzen? Wir, die wir durch religiösen Fanatismus jahrtausendelang schwer und bitte i' gelitten haben, werden uns doch wohl zu hüten wissen vor jedem Schatten einer Handlung, die geeignet sein könnte, irgend welchen religiösen H a s s hervorzurufen! Das ist die Grundlage unseres Daseins, das werden selbst die Einfältigsten in unserer Mitte begreifen. Der religiöse Hass war einmal mächtig unter uns und ist auch heute noch nicht ganz erlogenen, weil wir im Golus, in der Zerstreuung sind, weil unsere Lage so drückend, so schrecklich abnormal ist

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