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Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Jüdische "National- und Realpolitik"
Date
1901-01-25
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 „Die & Welt44 Seite 5 naturgemäss zu falschen Schlüssen. Wohl aber gibt es eine jüdische Socialpol itik, mit oder auch ohne Zionismus. Für uns Zionisten, die wir eine radicale Lösung der Judenfrage anstreben und denen alle Gegenwartspolitik nur Mittel zum Zwecke — „Zwischenstation" — ist, bleibt diejüdische Sociaipolitik nach wie vor nur ein Gegenwart s-P rogramm, d as wir in die E i n z e 1fragen der geistigen, wirtschaftlichen und körperlichen Hebung des jüdischen Volkes auflösen und an dessen Verwirklichung wir mit allem Ernste und mit dem Aufgebote aller unserer Kräfte gehen. Finden sich aber Stammesgenossen, welche — vorläufig — darin das Endziel jüdischer Politik erblicken, so seien sie uns als Mitarbeiter willkommen. Wir müssen jedoch diesen besseren Theil des jüdischen Volkes vor der Täuschung bewahren, in der sie sich befinden, wenn sie glauben, mit ihren Bestrebungen, die auf innere Consolidierung des jüdischen Volkes abzielen, jüdische Nationalpolitik innerhalb des Staates und der besiehenden politischen Gesetze zu betreibn. Unsere Arbeit soll sich lediglich auf das Forum internum beziehen. Dass wir jemals in Europa als politische „Nation" auftreten könnten, gehört zu den Träumen, die wir längst als — Träume erkannt haben. Wir haben aber glücklicherweise — oder unglücklicherweise — soviel unter uns selbst zu thun, es eröffnet sich für den jüdischen Socialpolitiker ein so ergiebiges Arbeitsfeld für innere Thätigkeit, dass wir auf eine jüdische Nationalpolitik im Staate füglich verzichten können, angesichts der Thatsache, dass wir ausserstande sind, eine solche zu treiben. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, dass wir Abstinenz üben müssen. In vielen Fällen wird sich wohl die Nothwendigkeit ergeben, unparteiisch zu bleiben, andererseits wird uns oft die Pflicht zur Urne rufen, wenn es gilt, einen jüdisch fühlenden Candidaten durchzubringen oder einen antisemitischen Schreier niederzuringen. Das ist alles Quaestio facti, hat aber mit einer jüdischen Nationalpolitik nichts zu thun und steht mit dieser höchstens in einem sehr loser, indirecten Zusammenhange. Es können sich auch Fälle ereignen, in denen gewisse Rücksichten den Juden driugend gebieten, stets mit einer bestimmten Partei oder Nationalität zu gehen, ohne dass sie deswegen ihr strammes Nationalgefühl oder gar ihre Sociaipolitik aufgeben. Einen dieser Einzelfälle werde ich gelegentlich herausheben und einer eingehenden Besprechung unterziehen. Für diesmal gieng es mir bloss um den Versuch eines Nachweises, dass es eine jüdische National- oder Realpolitik in dem Sinne, wie sie jüngst propagiert wird, nicht gibt. Der erste Türke (des ,.J e w i s h Chronicl e".) Von N. Sokoiow *) Aus dem Hebräischen übersetzt von Moriz Zobel. ... „Sie kommen mir mit Vernunftgründen, ich aber werde Ihnen den Türken in höchsteigener Person vorführen" — sagte mir einmal ein „Antizionist", der einen türkischen Bekannten hat, einen reichen Kaufmann, welcher hin und wieder in geschäftlichen Angelegenheiten nach Warschau kommt — „und der wird Sie überzeugen, dass die Zionisten nicht die mindesten politischen Aussichten haben." „Bitte, geben Sie sich keine Mühe und bemühen Sie mir auch Ihren Herrn Türken nicht. Der Türke mit dem bestimmten Artikel erschreckt mich nicht. Es gibt viele Türken. Der Ihrige opponiert, andere mögen sympathisieren. Und wenn heute alle Türken hingehen und die Erklärung abgeben, dass sie Gegner sind, so ist es nicht ausgeschlossen, dass sie später Freunde sein werden." *) „Hazefirah", Nr. 2. Daraufhin liess mir mein Widerpart mit seinem „Türken" Ruhe. Dafür liessen mir Andere keine Ruhe. Vor zwei oder drei Jahren griff mau plötzlich einen Türken auf, wenn ich nicht irre, in Philadelphia. Der Mann war Secretär des türkischen Gesandten oder vielleicht nur Secretär des Secretärs — kurz, man umringte ihn wie ein Fabelwesen, holte ihn aus. unterzog ihn einem Kreuzverhöre, „interviewte" ihn, wie das die Amerikaner so meisterhaft verstehen, und richtig, der gute Mann äusserte: „Die Bemühungen der Zionisten sind ganz vergeblich und hoffnungslos, denn die türkische Regierung wird niemals ihre Zustimmung geben." Flugs schwatzten ihm alle unsere gelehrigen Papageien nach: „Die Bemühungen der Zionisten sind ganz. . ." etc. etc. — Freude und Jubel, der Türke aus Philadelphia hat den zionistischen Messias aufs Haupt geschlagen. Die deutschen Protestrabbiner und ihre einzelnen Bundesgenossen im Osten hatten Succurs gefunden, einen leibhaftigen Türken! Einige Monate hindurch war uns der „Türke aus Philadelphia" auf allen unseren Wegen hinderlich. Kam einer, den Schekel einheben, so entledigte man sich seiner durch den „Türken aus Philadelphia". Haben Sie den „Krähwinkler Courier", den „Schildaer Anzeiger" gelesen? Lesen Sie, was da drin steht! Und die Chassidim in S.,- die es. wie weiland die GaLiläer, mit den Selbst- und Mitlauten nicht allzu genau nehmen, beriefen sich auf den „Minister in Phadalelphi". Ich habe mir sagen lassen, dass das sch warze C abinet*) an Se. Excellenz, den Herrn Türken in Philadelphia eine Glückwunsch-Depesche, enthaltend seine Ernennung zum Ehrenmitgliede, absenden wollte. Allein solche Dinge sind wie die Eintagsfliegen. Mir schwante schon damals, dass dies nicht der letzte zionistentödtende Türke sein würde. Und ich vermuthe, dass auch die jetzigen nicht die letzten sind. „Nicht diese allein haben sich gegen uns erhoben, um uns zu vernichten", wie der Verfasser der Pessach-Hagadah sagt. Der „Jewish Chronicle", eines der eifrigsten und, wir müssen gestehen, auch eines der gescheitesten unter den Blättern, die den politischen Zionismus bekämpfen, ist jetzt gleich mit zwei Türken herausgerückt. Nur keine Angst: es sind keine wirklichen Türken; sie thun bloss so. Fast könnte man sagen: Türken mosaischer Confession. Na alsdann „Schalom Alechem"! Der erste „Türke" ist Herr Nissim Behar, der Begründer der von der »Alliance Israelite" unterhaltenen Volks¬ und Handwerksschule in Jerusalem. Dieser ausgezeichnete, hochachtbare und werkthätige Mann befindet sich gegenwärtig auf der Reise nach Amerika, wo er die jüdischen Wohlthäter zur Unterstützung der grossartigen Anstalt heranziehen will, für die er im Auftrage der Alliance wirkt. In London hielt er sich einige Tage auf, und das genannte Blatt benützte selbstverständlich die Gelegenheit, ihn auszuforschen. Hier die Unterredung, die es mit ihm pflog: „Wie denken Sie über die Concession, Grund und Boden in Palästina zu erwerben, die die türkische Regierung vor kurzem den eingeborenen und auch den längere Zeit im Lande ansässigen Juden gewährt hat?" „„Diese Concession ist von sehr hohem Werth, und ich möchte denen, die beabsichtigen, Landbesitz zu erwerben, anrathen, sich zu beeilen, denn wenn ausgedehntere Ankäufe gemacht werden sollten, würden" alsbald, vertrauliche oder öffentliche Erlässe nach Palästina ergehen, die die Concession wieder aufhöben."" „Wäre dies keine günstige Gelegenheit für die Zionisten, in den Besitz grosser Landstrecken zu gelangen, indem sie sich der freundschaftlichen Vermittlung derjenigen *) Die antizionistische Clique in Russland, die in Kowno ihren Hauptsitz hat und deren publicistischer Vorkämpfer Rabbi R a b i n o w i t z in Poltawa. Dr. Blochs und K. H. W o 1 f s neuester Busenfreund ist. (Anmerkung des Uebersetzers.)

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