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Die Welt · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
4 (25.1.1901)
Article
Jüdische "National- und Realpolitik"
Date
1901-01-25
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 4 auch überzeugend, und ich stehe nicht an zu behaupten, dass das Wahlrecht die Stellung der Juden in Rumänien womöglich noch verschlimmern würde. Der Jude dürfte sich niemals für irgend eine Partei entscheiden, er würde einfach Gefahr laufen, von den Anhängern der jeweiligen Gegenpartei gelyncht zu werden, was in Hinblick auf die zu öffentlichen Excessen stets geneigten rumänischen Massen buchstäblich zu nehmen ist. Bestenfalls aber kämen sie in die Situation der böhmischen Juden, welchen die Wahl zur Qual geworden ist oder gar unserer galizischen Stammesbrüder, welche als Helfershelfer der Schlachzizen wider Willen von ihren „politischen Rechten" einen wenig rühmlichen Gebrauch machen. Was sollen wir also thun? Wie sollen insbesondere wir europäische Juden, denen nun schon einmal die papierne Emancipation geworden ist, unsere politischen Rechte handhaben? Die Rathschläge, welche Nordau ertheilt, sind nur sub specie aeternitatis, von höheren und alJgemeinen Gesichtspunkten aus. acceptabel, sie geben aber noch keinen Aufschluss darüber, wie wir uns — ich habe in erster Reihe die österreichischen Juden im Auge — zu den zahllosen Nationalitäten und Parteien, zu den politischen und socialen Tagesfragen zu stellen haben. Die Antwort ist rasch bei der Hand. Zionisten strengster Richtung und gemässigte jüdische Nationale werden prompt vorschlagen : „Treiben wir jüdisch-nationale Politik". Die Jungen und Jüngsten, denen das politische Lied noch recht melodiös klingt und die den „garstigen" Misston gar nicht heraushören, werden selbstverständlich sofort mit dem ganzen Rüstzeug ausrücken, um darzuthun, dass jüdische Nationalpolitik die beste aller politischen Richtungen sei, denn . . . nun folgt ein Hinweis auf Böhmen und Galizien, wo die Juden sich in der „Zwickmühle" befinden, weiter eine Totalabfahr der elenden Assimilanten und endlich wird der lange Kettenschluss ia einen enthusiastischen Lobessyllogismus auf die menschliche Würde im allgemeinen und auf das jüdische Selbstgefühl im besonderen ausklingen. Quod demonstrandum erat. Die „kühlen Denker" fassen die Sache mit weniger Enthusiasmus an, gelangen aber leider gleichfalls nicht zu den richtigsten Schlüssen, aus dem einfachen Grunde, weil die Hauptprämisse, auf die ich bald zu sprechen kommen werde, falsch ist. Es sind dies die sogenannten „Realpolitiker*. Sie stellen den Grundsatz auf, jüdisch-nationale Politik bestehe darin, dass die Juden als Politiker der Devise „do ut des" huldigen und, da die Juden keine compacte Masse bilden, für diejenige Partei stimmen, die am meisten — verspricht. Das ist allerdings deutlich gesprochen. Abgesehen aber davon, dass diese — man verzeihe mir das harte Wort —Schacherpolitik sich nicht viel unterscheidet, von jenem verächtlichen politischen Trabantenthum, das wir an den Assimilanten verabscheuen gelernt haben, ganz abgesehen auch davon, dass es gewisse höhere Grundsätze gibt, denen wir ohne Rücksicht auf unseren Vor¬ oder Nachtheii huldigen müssen, wenn wir uns selbst und unsere Geschieht« nicht desavouieren wollen, ist die Politik des „do ut des" auf die Dauer einfach undurchführbar. Aus welchen Gründen, soll gleich erörtert werden. Erstens gibt es nach dieser Richtung hin keine geeinte jüdische Wählerschaft. Der Jude auf dem flachen Lande hat andere materielle Interessen ais der Städter und ich kann mir den Fall sehr gut vorstellen, dass ein Theil der Judenschaft für einen Agrarier, ein anderer für einen Industriellen, ein dritter Theil aber für einen Freihändler stimmen wird. Das europäische Judenthum ist in seinen täglichen Bedürfnissen viel zu sehr differenziert, ais dass man sagen könnte: alle, Juden werden sich Regen, oder für einen bestimmten Candidaten entschliessen, d. h. die jüdisch-nationale Partei wird geschlossen mit einer zweiten unterhandeln. Im gegenwärtigen Augenblicke mag es wohl eine Richtschnur geben; auf jeden Fall gegen die Antisemiten! Man bedenke aber, dass die Wahl einem schwer gemacht wird, wenn man sieht, dass fast alle arischen Candidaten mehr oder weniger antisemitisch fühlen, und dass man, wenn's gut geht, in die Lage kommt, das „kleine Uebel" zu wählen. Do ut des! Was soll uns für unsere Bundesgenossenschaft von Fall zu Fall gegeben werden? Erwerb für die Hunderttausende jüdischer Proletarier? Beamtenstellen für die Sönne „aus besserem Hause"? Ehre und Reichthum? . . . Man gebe mir eine einzige concrete Forderung an, die wir an eine Partei als Entgelt für unsere politische Gefolgschaft stellen könnten? Soll etwa die betreffende Partei den Antisemitismus aus der Welt schaffen? Darüber sind wir uns doch längst klar, dass man wohl eine antisemitische Partei grossziehen kann — durch Favorisierung, noch mehr aber durch Unterdrückung — dass man aber mit der „Abwehr" bald bankerott wird. Ich habe deswegen allen Grund zu befürchten, dass für den Handelsartikel „Do ut des" — keine Abnehmer sein werden. Aus dieser ganzen Börsenspielpolitik ersehe ich keinen einzigen wahren Vor theil, wohl aber die nicht sehr tröstliche Perspective, dass wir uns bei den anderen Parteien lächerlich machen, denn als letztes, nicht aber als schwächstes Argument möge noch angeführt werden, dass wir in den allermeisten Wahlbezirken von den anderen Parteien einfach majorisiert werden, und dass wir dort, wo wir „das Zünglein an der Wage" bilden, erst recht in Verlegenheit sind, wo wir hinüberspielen sollen; denn diejenige Partei, die den Juden am wenigsten verspricht, darf auf die Majorität der Stimmen rechnen, und das Zünglein ist bald seiner ehrenwerten Function enthoben. Das sind theoretische Einwände, deren Zahl ich übrigens auf Wunsch verzwei- oder verdreifachen kann. In der Praxis sieht die Sache noch viel schlimmer aus. Gerade in jenen Ländern, in denen die Juden einen ansehnlichen Theil der Bevölkerung bilden, und demgemäss die meiste Aussicht haben, „Realpolitik" (Do ut des) zu treiben, sind sie in ihrem täglichen Erwerbe, in ihrer ganzen Existenz von denjenigen, weiche noch für Jahrzehnte hinaus die Machthaber bleiben müssen, so sehr abhängig, dass alle Programme sogleich ins Wasser fallen müssen, wenn der Herr Bezirkshauptmann einen „Wunsch" äussert. Das ist ja das Tieftraurige an unserer Lage, dass wir unsere sogenannten politischen Rechte nicht gehörig handhaben können, aber ändern können wir es in den allerwenigsten Fallen. Dies vorausgeschickt, wage ich seibst auf die Gefahr hin, bei befreundet jüdisch-nationaler Seite Anstoss zu erregen, zu erklären: Es gibt keine j ü d i s ch e Na ti onalpolitik in der Diaspora. Jüdische Nationaipolitik ist Zionismus. Ohne Zionismus gibt es technisch keine jüdische Nation. Die beiden wichtigsten Erfordernisse einer Nation sind Sprache und Land. Nimmt man dem jüdischen Volke die Zionsidee, so ist keine Nation da, deshalb aucli keine Jüdisch-nationale" Politik. Wenn die Czechen heute nationale Politik treiben, so dreht sich der ganze Streit um die Sprachenfrage und etwa noch um die socialen Begleiterscheinungen. Wenn wir aber eine jüdisch-nationale Politik in Oesterreich befolgen wollten, wird man uns gleich fragen : „ VVollet Ihr hebräische Sprache in Amt und Schule?" Was werden wir antworten? Jüdisch-nationale Politik ist gleichbedeutend mit dem Bestreben, aus dem jüdischen Volke, deutlicher: aus den jüdischen Massen eine Nation zu machen, dem Volke Land und Sprache zu geben. Was ist das anderes, als der Zionismus? Eine judische Nationaipolitik ohne Zionismus ist ein Widerspruch in sich selbst. Diejenigen, weiche jüdisch-nationale Politik ohne Zionismus machen wollen, gehen eben von einer falschen Prämisse aus und gelangen

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