Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Article
- Ein literarischer Streitfall
- Date
- 1901-01-18
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 „Die & Welt46 Seite 11 Die Zurücknahme der unter 2—4. erwähnten Punkte erfolgt, ohne dass die Frage des objectiven Inhaltes dadurch in Betracht, gezogen wird. Um Missverständnissen vorzubeugen, erklär^jijch nochmals ausdrücklich, dass ich es bedauere, Herrn ffcp. t z unwissend genannt zu haben." * * * Diese Erklärung abzugeben verpflichtete ich mich in «inem Vergleiche, mit dem eine Klage des Herrn Katz auf Grund von § 185 des Deutschen Strafgesetzbuches gegen mich endete. Herr Katz zog daraufhin die Beleidigungsklage zurück. Es lag mir selbstverständlich fern, den5 Buchhändler. Herrn Katz irgendwie beleidigen zu wollen. Persönlich interessiert mich ja die Existenz des Herrn gar nicht. Aber ich erächte es für mein gutes Recht, Bücher zu recensieren, die in meinem Arbeitsgebiete liegen, und für meine Pflicht, in der jüdischen S c h r i f t s t e 11 e r e i auf derartige literarische Gewohnheiten zu achten, von denen wir wünschen müssen, dass sie all gerne in geübt wer den. Im Uebrigen habe ich mich überzeugt, dass Herr Katz den Anissimov wirklich nicht kennt und musste daher uneingeschränkt das Wort sub. 1. zurücknehmen. Immerhin wird durch diese Zurücknahme meine Kritik insofern nicht gemildert, als man Anissimov durchaus kennen muss, wenn man über die Bergjuden schreiben will. Ueber die Frage des objectiven Inhaltes der übrigen drei Punkte meiner oben wiedergegebenen Erklärung will ich einige Mittheilungen von Thatsachen machen, ohne meinerseits diesen Thatsachen irgend eine Beurtheilung hinzuzusetzen : Die Schrift des Herrn Albert Katz nennt sich: „Die Juden im Kaukasus von Albert Katz, Berlin: Verlag von H. Schild berger 1894.u Ueber ihren Zweck äussert sie sich selbst auf Seite 6: Im Nachstehenden sind die zerstreuten Mittheilungen sowohl über die Judenabkommlinge gesammelt, sorgfältig auf ihren wahren Wert geprüft und in knapper Darstellung wiedergegeben." In diesem Sinne hielt Herr Katz am Beginn der gerichtlichen Verhandlung sein Buch für eine populär-wissenschaftliche Arbeit, erklärte aber etwa zwei Stunden später, dass es eine belletristische Compilation ohne jede Gewahr sei. Sie sei ja vorher in der „Jüdischen Presse" erschienen, und beileibe nicht in der vvissenschafilichen, sondern in der belletristischen Beilage. Da aber diese Erklärung nicht den Exemplaren beigegeben ist, vielmehr der oben angeführte Satz der Einleitung wieder zu Herrn Katz' ursprünglicher Fassung zurückführt, so muss ich, damit die jüdische Wissenschaft sich auf diesem Gebiete nicht irreführen lässt, die Schrift des Herrn Katz nach ihren Quellen ein klein wenig analysieren. Ka^z' Schrift zählt 27 Octavseiten. Davon sind Seite 1—4« Titel und Widmung. Gleich der erste Satz auf Seite 5. „Seit Güldenstern u. s. w.u ist abgeschrieben aus Bodenstedt, Friedrich: Die Völker des Kaukasus, 2. Aufl. Berlin 1855, Bd. 1, S. 219, der zweite Satz aus demselben Buche Bd. 1, S. 220. Die beiden folgenden Sätze vermag ich.nicht nachzuweisen. Dann folgt ein Satz, entnommen Bodenstedts Einleitung, siehe daselbst S. (V.) Katz hat aber noch den Zusatz gemacht, „dass Russland trotz aller Anstrengungen noch immer nicht alle Stämme dieses eigenartigen Landes seinem Scepter unterworfen hat." Bis hierher hat Katz wie überall, wo er eine Qnelle benutzt, nicht die geringste Andeutung gemacht, dass er fremde Bücher ausschreibt; aber drei Zeilen später citiert er Bodenstedt in Anführungszeichen (vulgo Gänsefüsschen), dass „die Mingrelier, deren Land inden letzten Jahrhunderten abwechselnd unter georgischer und türkischer Herrschaft stand, jüdischer Abstammung, zu sein behaupten/ Diesmal ist aber Bodenstedt (ebendaselbst S. 260) nicht wörtlich citiert, da B. ausdrücklich auf der vorhergehenden S. (259) die Mingrelier als Reste der alten Kolchier bezeichnet, in dem aber mit „—" angeführten Satze mittheilt, dass die mingrelischen Fürsten sich auf David zurückführen. Der folgende Satz, in dem Katz unseren Bodenstedt kritisiert, ist wieder wörtlich aus Bodenstedt selbst (S. 260) abgeschrieben. Soweit die Einleitung. Es folgt Abschnitt I, entnommen der Nummer 93 und 94 der flTB^n infWarschau, und zwar einem Artikel Gordons. Eine eigene Hinzufügung ist folgender Satz auf S. 9: „Man muss diese schlanken, hübsch gebauten Frauen mit ihren edel geformten Gesichtern und grossen'seelenvollen Augen 'gesehen halben;, um zu begreifen, weshalb sie kos^aren Schätzen gleich in' ^esjÖnderen GemächeT'ri' gehütet und denprofanen Blicken des Fremden entzogen werden." Der Schreiber dieses Satzes hat offenbar die sorgsam gehüteten doch gesehen. — Der Abschnitt II. ist demselben Artikel der riTSStn entnommen und beginnt mit folgendem von Katz hinzugefügten Satze: „Nächst den grusinischen Juden, welche ausser in Tiflis noch in Batum, Kutais, Suran, Karasubazar und den umliegenden Dörfern ansässig sind, verdienen unser besonderes Interesse die Sabbatianer/ Dieser Satz ist ein würdiges Pendant zu „Grossbritannien und die umliegenden Dörfer", denn die Luftlinie von dem krimischen Karä~su-bazär bis Tiflis ist bedeutend länger als die Linie von Berlin bis Venedig. Mit den Sabbatianern sind die Sabbatharier (russ. Subbotnikij) gemeint. Im Abschnitt III kommt das interessante Capitel der Bergjuden daran. Die ersten 27 Zeilen vermag ich hier nicht in ihrer Quelle nachzuweisen. Aber nun folgt auf S. 12 eine Partie, die beansprucht, das Material über die Bergjuden neu beizubringen. Dieses Material ist fast wörtlich einer Reise- Novelle des russischen Schriftstellers Nemirovic- Dan c enko entnommen, die unter dem Titel „Izrail v orüziji" erschien. Aber Herr Katz hat durchaus nicht etwa das russirche Original gesehen, sondern die deutsche Uebersetzung „Israel in Waffen. Unter d^n Juden Daghestans. Von N e mirovi c-D ancenko. Leipzig : Slavische Buchhandlung. H. Roskoschny 1893." Aus dieser Novelle sind die folgenden Seiten abgeschrieben und zwar aus den S. 51, 30, 110, 208, 116, 117, 25. 92, 03, 97, 104, 105 und wiederum 104. Dazwischen befindet sich folgender Satz, der nicht aus N emirovi c-D ancenko stammt: „und schmucke junge Mädchen, beladen mit Weinkrügen und Körben, Vasen und Schüsseln voller Leckerbissen, treten in die Hütte, küssen dem Gast und <ien anwesenden Herren Hand und Stirn." Ich bekam Appetit, als ich das las. Leider zerfliesst dieses Paradies, wenn man die Quelle liest, aus der Katz hier einmal frei geschöpft hat. Hahn sagt nämlich: „Die Mädchen (von Weinkrügen und Vasen leider kein Wort) verneigen sich vor dem Gast, die weiblichen Verwandten küssen ihn auf die Wange, die männlichen auf die Lippen." (Vgl. Hahn. S. 208.) Ausserdem hat Katz, — ich will eingestehen, — auch Zusätze, und zwar auf S. 13 „und selbst ihre Chachamim.tf .Meist entscheidet dasLoos" „verscheierte." „Wählend die Männer den Gast unterhalten, sorgen die Frauen und Mädchen für seine Bewirtung", „ob die Zeit des Messias schon herannahe." Das sind seine eigenen Zusätze. In die lateinische Transscription des Hebräischen haben sich fatale Druckfehler eingeschlichen. Es folgt Abschnitt 4. Hierin ist ein Arttkel von Hahn zu Grunde gelegt, der in „L'Echo de la Semaine 1894" erschienen ist. Dieser Bericht ist gründlich vom Benutzer missverstanden und verballhornisiert worden. Nur eine Stelle S. 19 wird wieder in „—" als von Professor Hahn geschrieben angeführt. In dieses Citat ist aber mitten hinein noch eine Steile aus Nemirovic-Dancenko eingefügt, als hätte Prof. Hahn das geschrieben: „wie ungerecht und lächerlich zugleich es ist, den Juden vorzuwerfen, sie seien geborene Blutsauger, die Neigung zu Wucher und Betrug sei ihnen mit der Muttermilch eingeimpft worden. In solcher Gestalt tritt der Jude zuweilen *) nur dort auf, wo er Jahrhundertelang von jedem redlichen Erwerb zurückgedrängt, wo er unterdrückt und verachtet wurde. Dort aber, wo die Juden in anderen Verhältnissen gelebt haben, wie z B. in Kaukasien . . . stehen sie noch jetzt, . . als ehrbare und nützliche Menschen allgemein geachtet da." Das hat Prof. Hahn nicht geschrieben. Man vergleiche aber dazu Nemirovic-Darcenko a. a. O. S, 51! Dort wo der Verfasser mit Hahn unten auf S. 51 aufhört, fängt er mit Roden stedt wieder an. Es werden Sätze die B. über die „Tscherkessen" (den Stamm der Adighe) schreibt, hergenommen und flottweg „Bergjuden" eingesetzt. Es sind die Seiten 51, 50, 52 und 53 bis 55 aus dem zweiten Bande des angegebenen Bodensted t'schen Buches geplündert. Den Trumpf aber spielt Katz aus. indem er ein von Bodenstedt übertragenes Lied „Tscherkessische Todtenklage" in folgender Weise einführt. Katz S. 22. „Wir lassen hier eines d r schönsten Lieder der kaukasischen Stämme folgen, das von den Bergjuden mit kleinen Variationen ebenso oft und mit Vorliebe gesungen wird, wie von den Mohammedanern: Harare, der Held ist gefallen Sein Blut färbt du* lErde nun röth Er hörte den Schlachtruf erschallen Und eilte zum Kampf Und zum Tod. U. s, w. u. s. w. Bodenstedt a. a. 0. Bd. 2, S. 53. „Wir lassen in diesem Sinne hier eines der schönsten uns bekannt gewordenen Tscherkessenlieder in freier Nachbildung folgen und sind überzeugt dass der sinnige Leser ebensoviel Vergnügen wie Belehrung übe* das Volk, dessen Brust es entkltmgen, daraus schöpfen werde. Pschugui. der Held ist gefallen. Sein tflutlf&rl>t-!die Erde nun roth Er hörte .den Schlachtruf erschallen Und ^i'lte zum Kampf und zum Tod. U. s. w. u, ß. w." .