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Die Welt · 1901-01-18 · 3 (18.1.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
3 (18.1.1901)
Article
Die "Neue Zeit" über den Zionismus
Date
1901-01-18
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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„Die & Welt" Seite 5 sächlichen Evolution an der erträumten R e v o 1 u ti o n f e s t häl t! 4. „Die zionistische Weltanschauung teilt sich als der ins Jüdische übersetzte Antisemitismus dar." Vor allem ist der Zionismus keine Weltanschauung, sondern nur der Standpunkt, von dem aus jeder einzelne seine Weltanschauung bilden kann. Der Zionismus erstrebt die Lösung der Judenfrage, lässt also die transcendentalen, weltbewegenden Probleme unberührt, weshalb sich auch viele Zionisten unverwehrt ihrer socialistischen Weltanschauung freuen dürfen. Weiters haben „Freiheit" und „Gleichheit" für uns nur für die Zukunft Bedeutung — unsere Geschichte hat den „Menschenverbrüderungstf-Dusel der 48er Jahre etwas abgekühlt. An uns ist es, die Frage zu stellen : Werleistet der Menschheit in ihrem Freiheitskampfe grössere Dienste? Der Zionist, dess Lebensziel es ist „auf freiem Grund mit freiem Volke stehen" — oder der jüdische Socialist, der ruhig zuöieht, wie der Antisemitismus die europäische Cultur um ^Jahrhunderte zurückwirft und der alle Völker frei und gleich sein lassen will, nur sein eigenes nicht, das untergehen muss, weil es noch nicht stark genug ist, um'selbst den Socialisten Respect vor seiner Lebenskraft einzuflössen. Wir wollen die Reibungs flächen aus dem Völkerleben entfernen. Ihr wollt, dass sich die. Völker an ihnen die Horner abstossen. Wer leistet mehr für die. „Völkerverbrüderung"? Der Titel, den Herr Zetter bäum dem Zionismus gibt: „der ins Jüdische übersetzte Antisemitisrn us" ist zu illoyal, zu sehr in den socialistischen Agitationsversammlungen abgenützt, als dass wir ihn hier ernsthaft behandeln sollen. Solche bewusst böswillige Anwi@te werden zum Fenster hinausgesprochen, compromittieren aber nur die, die »ich ihrer bedienen. Die „Religiosität" des Zionismus ist ein Capitel, das von vorgeschritteneren Socialisten, als Herr Zetterbaum ist, gewiss richtiger beurth eilt werden dürfte. Herr v. Vollm a r wird z. B. kaum etwas dagegen einzuwenden haben, wenn der socialdemokratische Parteitag die Resolution fassen würde: „Der Socialismus unternimmt nichts, was die religiösen Gefühle verletzen könnte". Nichts anderes hat der Baseler Congress proclamiert, der sich gleich seinem Präsidenten Dr. Herzl auf den Standpunkt gestellt hat, Freigeisterei undReligiosität haben sich innerhalb der Grenzen des Zionismus gegenseitig zu tolerieren. Dieser Standpunkt ist der einzig, richtige mit Rücksicht auf die früher erwähnte Thatsache, dass der Zionismus keine Weltanschauung sonder nur der Versuch zur Lösung der Judenfrage ist. Es ist mehr als geschmacklos von Herrn Zetterbaum, wenn er private Acte einzelner leitender Personen, (beispielsweise die Aufrufung Dr. Herzls zur Thora, die Abhaltung des Sabbathgottesdienstes in Basel etc.) mit einer tendenziösen Willkür, deren Absicht man nur zu sehr merkt, zu Partei- Enunciationen stempeln will. Was schliesslich die Witzeleien des Herrn Zetter bäum über unsere Bestrebungen zur Erlangung der öffentlich rechtlichen Sicherheit für die Colonisation u. s. w. anbelangt, so müssen wir zu unserem Bedauern constatieren, dass wir dem Herrn Zetterbaüm mit Rücksicht auf seine theoretische Befangenheit als sozialistischer Parteimann auf dieses Terrain nicht folgen können. Wir wollen ihm nur zu bedenken geben, dass wir, bevor die „Morgenröthe" des socialistischen Staates angebrochen ist, thun, was sogar Socialdemokraten manchmal thun sollen, dass wir nämlich mit den Mitteln der nichtsocialistischen Gesellschaft unserem Volke zu helfen versuchen. Wir wären thöricht, wollten wir nicht mit den Machtfactoren der Gegenwart rechnen. Ausserdem kommen gerade auf diesem Gebiete eine ganze Reihe von Imponderabilien in Betracht, die dem Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung nicht ganz verständlich sein dürften. Vor allem ist bei uns der socialdemokratische Begriff der eisernen Parteistrenge des Wiener Papstes gegenüber den „Arbeiterbataillonen" umgekehrt in Vertrauen der Partei zu ihren Führern, was allerdings Herrn Zetterbaum etwas zu ideologisch klingen dürfte. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass der „ideologische Ballast", den unsere connationalen „Genossen" so beienkenlos abgeworfen haben, einst einen Materialisten von der Grösse Napoleon Bonapartes zu Boden geworfen hat : „Auch Patroclus ist gestorben Und war mehr als du." (Fortsetzung folgt.) Bernard Lazare Uber die politische Gleichberechtigung der Juden. Wir erhalten die folgende, sehr bemerkenswerte Zuschrift : Sehr geehrte Redaction! In den ersten drei Nummern der vom Verlage „Achiasaf" in Warschau herausgegebenen neuen hebräischen Wochenschrift „Hador" findet sich ein hochinteressanter Aufsatz von Bernard Lazare, der die Ueberschrift: „Lösungsversuche" (Nissjönöth L'phithrönim) trägt und stellenweise eine erstaunliche Uebereinstimmung mit den Gedanken aufweist, die Max Nordau in seiner Artikelserie über die politische Gleichberechtigung der Juden in der „Welt" entwickelt hat. Zu bemerken ist, dass der Artikel Bernard Lazares aus dem französischen Originalmanuscript ins Hebräische übersetzt 4und vom Uebersetzer, Herrn A. Ludvipol in Paris, der genannten Wochenschrift eingesandt wurde, mithin wahrscheinlich früher, sicher aber nicht später entstanden ist, als die N o r d a u'sche Artikelserie. Der mit psychiatrischen Kunstwörtern „geistvoll" schmockende Mitarbeiter des Dr. Bloch wird sich also bequemen müssen, anzunehmen, dass Bernard Lazare mindestens ebensosehr nnd ebensolange „psychomotorisch erregt" ist wie Max Nordau. Und es ist für Max Nordau fürwahr tröstlicher, dass seine Gedankengänge mit den „psychopathisch zerfahrenen" Ideenzügen Bernard Lazares parallel laufen, als wenn sie sich etwa auf der schmutzigen Heerstrasse Marcel! Hoff mann 'scher Niaiserie und Anmassung bewegten. Hier einige Stellen aus dem Artikel Bernard Lazares: „ . . . Wir müssen aber auch sagen, dass die Juden in den westlichen Ländern die Verleuguung ihrer Nationalität als e i n e Vorbedingung ihrer Befreiung angesehen haben. Und wenn sie sich wenigstens den nichtjüdischen Landesbewohnern in allen Beziehungen gleich gefühlt und ihr Recht gefordert hätten! Aber nein; der Jude in den westlichen Ländern wusste von seiner Freiheit keinen Gebrauch zu machen. Er betrachtete seine Befreiung nicht als etwas, das ihm die Völker schuldeten —- denn sie gaben ihm doch nur zurück, was sie ihm genommen hatten -- sondern als ein Gnadengeschenk der Völker, dessen er sich erst würdig erweisen musste. Selbst in Betreff seiner individuellen Freiheit betrachtete der Jude seine Lage vom Gesichtspunkte der Judenfeinde, von dem aus mau die Juden in einem katholischen Lande höchstens gnädig dulden kann. Dies gab den Rabbinern fortwährend Sioff zu ihren Predigten in den Synagogen und an anderen Orten, bei festlichen Anlässen und in Volksversammlungen. ,,Bestrebt Euch" -— sagten die Rabbiner ihren Zuhörern — „würdig zu sein der Gnadenbeweise, die Euch die grosse Revolution gegeben hat" oder: „die Euch die constitutionellen Grundgesetze der Staaten, in denen ihr lebt, gegeben haben." Seit hundert Jahren steht der Jude da wie ein Bettler an der Thür, dem man aus Mitleid ein Almosen gereicht hat. Er bedenkt nicht, dass man ihm thatsächlich nichts gegeben, dass er nur zurückbekommen hat, was man ihm einstmals genommen hatte: die Menschenrechte, und dass nichts in der Welt ihn zwingen kann, seine geschichtliche Vergangenheit zu vergessen oder sein Volksthum und seine Sonderart zu verleugnen, wenn er auch verpflichtet

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