Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Article
- Die "Neue Zeit" über den Zionismus
- Date
- 1901-01-18
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Weit' Nr. 3 Dieser Satz ist charakteristisch für den Kampf, den die marxistische Doctrin ' gegen unbequeme Thatsachen und Ereignisse zu führen gewohnt ist: Der Antisemitismus des organisierten und nichtorganisierten Proletariates wird auf die Thatsache zurückgeführt, dass „die Juden als Träger des Capitalismus erscheinen". Der barbarische Antisemitismus des galizischen Proletariates hat also seinen Grund darin, dass die 700.000 Bettler Galiziens der christlichen Bevölkerung als Träger des Capitalismus erscheinen. Dasselbe gilt für Rumänien, Russland etc. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, dass bei den Juden Westeuropas seit ihrer Emancipation eine aufsteigende Classenbewegung vorherrschte, daher auch eine einflussreiche Bourgeoisie in verhältnismässig kurzer Zeit entstand — ist es doch ohne Vergewaltigung der Logik nicht möglich, den aus tausend Quellen fliessenden Antisemitismus auf diese Entwicklung als einzige Ursache zurückzuführen. In diesem Schlüsse würde die Prämisse fehlen, dass der Antisemitismus bereits vor dem Zeitalter des modernen Capitalismus zu einem socialen Probleme sich verdichtet'hatte, ja dass er sich wie ein rother Faden durch die gesammte Geschichte der „Cultnrmenschheit" zieht. Die Welt wurde schliesslich nicht durch das communistische Manifest erschaffen, und die Geschichte ist noch vor Karl Marx historisch. Z e tt e rbaum legt uns in anschaulicher Weise die Gründe dar, aus denen die nichfproletärischen Classen sich des Antisemitismus bedienten : „Adel, Kirche und Militarismus in dem Banne jahrhundertealter Anschauung und in der Meinung, dass die Verbreitung der feindliclten Gedanken- und Gefühlswelt ihnen die Fortexistenz garantiere; die Regierungen und die christliche Grossbourgeoisie begrüssten in der Werbekraft des Antisemitismus einen Schutzdamm gegen die revolutionäre Entwicklung; die christliche „Intelligenz" freute sich, durch den Antisemitismus den gefährlichen Concurrenten, den regsamen Juden, beseitigen zu können." All das ist unantastbar und wahr, nur ist damit die Frage nach der Ursache des Antisemitismus nicht beantwortet, sondern umgangen. Vor allem ist es nicht wahr, dass sich alle aufgezählten Classen eines bereits fertiggestellten, zum Gebrauche einladenden Judenhasses bedienten : wahr ist vielmehr, dass jede dieser marxistisch so unproduetiven Classen Antisemitismus selbst producierte und zwar noch ohne Rücksicht auf ihre erst durch die capitalistische Entwicklung geschaffene Stellung in der modernen Gesellschaft. Weiters enthält das Zetterbaum/sche Motiventableau keine Erklärung, weshalb sich jede Classe mit Erfolg des Antisemitismus bediente, wer in den Boden die Saat des Judenhasses gestreut hatte, die später so üppig in die Halme schoss! Das ist nach unserer Ansicht das Hauptproblem, das auch dem Antisemitismus unserer Tage zugrunde liegt, und jeder Versuch einer wissenschaftlich vorurtheilslosen Lösung dieses Problems bringt uns auf den zionistischen Rassenstandpunkt. 2. Der zweite Fundamentalsatz Zetterbaums lautet: „Der jüdische Bourgeois verlangt den „jüdischen" Staat des Alterthums, der bürgerliche Antisemit den „c h r i s 11 i c h e nu S t a a t des Mittel alte r s." Wieder zeigt sich das Bestreben, jede Bewegung, die nicht in den Kram der „marxistisch-revolutionären" Bewegung hineinpasst, zu einer bourgeoisen Bewegung zu stempeln. Aus denselben Gründen, aus denen der volkstümliche Antisemitismus von social-demokratischen Parlamentariern mit dem „jüdischen Capitalismus" entschuldigt, ja vertheidigt wird, erklärt Herr Zetterbaum die zionistische Bewegung für eine rein bürgerliche Bewegung. Zum Glücke ist das Gegegentheil wahr: unsere Anhängermassen im Osten sind nichts weniger als Bourgeois, ebensowenig als z. B. die vom gewesenen social-demokratischen Abgeordneten B e r n e r zu Ausbeutern gestempelten Opfer der mährischen Judenexcesse. Allerdings sind unsere zionistischen Proletarier keine Lohn-Proletarier in marxistischem Sinneydenn sie sind zum Theile arbeitslos und Bettler, zum Theiie erfreuen sie sich einer unselbständigen „Selbstständigkeit" — aber der Zionismus interessiert sich nicht nur für organisierbares Arbeiterproletariat, sondern auch für noch nicht organisierbares Bettelproletariat, und deshalb sind auch die Proletarier bei uns in der Majorität. In dem zweiten Leitsatze des Herrn Zetter bäum liegt neben der bereits constatierten Unrichtigkeit auch noch eine Unwahrheit. Der Zionismus erstrebt nicht den jüdischen „Staat des Alterthums", sondern eine ^öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte" für das Heer der jüdischen Arbeitslosen, das sich, unbeeinträchtigt durch den antisemitischen Weltboycott, zu einem organisierbaren Proletariate entwickeln will. Diese Heimstätte ist nicht identisch mit dem „socialen Staate" der Herren Zetterbaum und Genossen. Der Zionismus hat sich niemals als Lösung der socialen Frage geriert, er will nur die Lösung einer socialen Frage — der Judenfrage — sein, und als solche ein Schritt auf dem Wege zur Selbstemancipation des jüdischen Proletariates. 3. Leitsatz : „Für den C lassenkam pf innerhalb des Judenthums haben die Zionisten keinen Rau m." Dieser Satz illustriert die bekannte Thatsache, dass die Gedankenfreiheit in den Organisationen „der Genossen" nur auf der Manege der ausgetretenen Classenkampftheorie geübt werden darf. Personen, Gedanken und Empfindungen werden uniformiert, registriert, classificiert — wehe allem, was nicht marxismuafähig ist! Das jüdische Volk ist nun noch nicht reif für den Marxismus — und das ist sein Verderben. Herr Zetter bäum selbst schildert den weltumspannenden Antisemitismus als Mittel zum Zwecke des Boycotts, der Aussperrung des Juden aus allen Erwerbszweigen. „Seine Erwerbsquellen werden immer mehr bedroht, seiner Intelligenz der Weg zur staatlichen Anstellung, zum Amte versperrt". In der Diagnostik der Judenkrankheit war die Socialdemokratie immer gross, nur in der Therapie lässt sie gar manches zu wünschen übrig. Was räth Herr Zetterbaum dem in seiner Existenz bedrohten^ jüdischen Volke? Gewerkschaftliche Organisation und Classenkampf! Wahrlich, man muss staunen über den Grad von Frivolität bei der Behandlung der Judenfrage seitens jüdischer Socialdemokraten! Bettler und Arbeitslose soll man organisieren zum Kampfe gegen nicht vorhandene Ausbeuter? Heloten, deren Arbeitskraft brachliegt, und nicht einmal als „Ware" gilt, sollen in den „Lohnkampf" eintreten gegen Unternehmer, denen sie selbst alsStrikebrecher gerne Dienste leisten wollten — wenn es überhaupt soweit kommen würde. All dies nur, um die Ehre der Classenkampftheorie zu retten! Wenn die Socialdemokratie den Massen der jüdischen Arbeitslosen erst die Gelegenheit geben wird, ausgebeutet zu werden, dann wird sich das jüdische Proletariat auch gewerkschaftlich organisieren! Wir verstehen ja die Gleichgiltigkeit der Socialdemokratie gegenüber dem Ruin des jüdischen Mittelstandes — ist er doch endlich ein Beweis für die fadenscheinig gewordene Verelendungstheorie — aber wir verstehen es nicht, wenn jüdische Socialisten die Ertrinkenden mit Stangen vom rettenden Ufer des Zionismus in die Fiut zurücktreiben wollen. Das jüdische Volk soll warten, bis die sociale Katastrophe, der grosse Kladderadatsch, eintritt? Nein, Herr Zetter bäum, die Juden wol Ten ni ch t f a ll en als O p f er j ener starren Dogmen treue, die trotz der that-.