Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 3 (18.1.1901)
- Article
- Das Jahr 1900
- Date
- 1901-01-18
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Das Jahr 1900. Von Berthold Felwei. n, : Der Zionismus hat sich in diesem Jahre sowohl nach aussen als auch nach innen in einem Masse entwickelt, mit dem wir nicht unzufrieden sein dürfen. Wenn auch in manchen Ländern, wie in Rumänien, Bessarabien, Südafrika, die zionistische Propoganda durch katastrophale Ereignisse gehemmt war, so ist dafür in anderen Ländern ein bedeutendes Anschwellen der zionistischen Bewegung zu verzeichnen, Mit Genugtuung aber müssen wir feststellen, dass auch in den erstgenannten Gebieten, beispielsweise in Südafrika, die zionistische Arbeit in demselben Augenblicke wieder mit wlier Kraft eingesetzt hat, als die natürlichen Hindernisse geringer zu werden begannen. Man ist es gewohnt, die zionistische Bilanz eines Jahres aus den Ergebnissen seines Gongresses zu ziehen. Die Fülle und der Wert der vollzogenen Arbeitsleistung, die Art und die Bedeutung der Beschlüsse, die die zionistische Arbeit bis zum nächsten Gongresse regeln sollen, bilden den Massstab für die ßeurtheiiung unserer Fortschritte. Es wäre aber ebenso unklug als ungerecht, wollte man bei einem Werke von so weiter Ausdehnung und so reichem Inhalte, als es der Zionismus ist, für jeden Zeitabschnitt irgendeinen „grossen Erfolg* erwarten. Die Antizionisten, die unsere Arbeit controlieren, zeigen dabei manchmal eine Ungeduld, die geradezu rührend ist. Ais ob sich die „Erfolge* auf Tag und Stunde vorherbestimmen Hessen! Es wäre ein Fehler, wollte einZionist sich dieses „Nichterwartenkönnen* aneignen. An Stelle der Ungeduld muss etwas anderes treten; Der Ehrgeiz, Erfolge mit aller Kraft vorzubereiten, ein Ehrgeiz, der ungenügsam sein darf in Bezug auf die geleistete und noch zu leistende Arbeit, der aber nicht ermüden darf, weil ihm die Saat zu langsam aufzugehen scheint Die Bedeutung des verflosseneu Jahres liegt für uns darin, dass viel gute zionistische Saat ausgestreut worden ist. Es ist in diesem Jahre auch manches Wesentliche erreicht worden. Viel Grösseres und Wichtigeres aber wurde vorbereitet und wird, so hoffen wir, in den kommenden Jahren der Erfüllung zugeführt werden. Wollen auch wir den Gongress zum Ausgangspunkte unserer Betrachtung wählen. Mit einer gewissen Berechtigung haben manche seine vornehmliche Bedeutung darin gesehen, dass er in London abgehalten wurde. Dass unser Gongress nicht von dem Lärm der Millionenstadt begraben wurde, dass es vielmehr gelang, die Aufmerksamkeit der englischen Politiker und der weitverbreiteten englischen Presse auf den Gongress zu lenken, ist gewiss ein ausserordentlich bemerkenswertes Ergebnis. Und es ist erfreulich, dass die englischen Zionisten dieses schöne Ergebnis dem Zionismus sehr bald nutzbar zu machen verstanden haben. Die Action, die unsere englischen Gesinnungsgenossen anlässlich der Parlamentswahlen unternahmen, hat dazu geführt, dass eine grosse Zahl englischer Parlamentarier sich bereit erklärt hat, die Bestrebungen des Zionismus zu tördern, und wird über kurz oder lang eine parlamentarische Behandlung des Zionismus zur Folge haben. Gewiss ein Umstand, dessen günstiger Einfluss auf die politische Seite des Zionismus nicht zu unterschätzen ist. Doch es gibt viele Zionisten, die die wesentliche Bedeutung des vierten Gongresses in etwas anderem sehen, in der Thatsache nämlich, dass dieser Gongress eine innere Entwicklung des Zionismus angebahnt hat. Das Arbeitsprogramm der Zionisten ist um das sogenannte Gegenwartsprogramm bereichert worden. Diese Gegenwartsarbeit, die der ökonomischen, physischen und geistigen Hebung der Juden gewidmet ist, dient direct und indirect dem Gedanken der nationalen Selbsthilfe, Sie schliesst eine Fülle fruchtbringender Thätigkeiten ein, die den Zionisten helfen sollen, das jüdische Volk zu seinem Volksthum zurückzuführen, ein körperlich kräftigeres, geistig höherstehendes und wirtschaftlich gestärkteres Volk heranzuziehen, als w7ir jetzt haben. Vielleicht sind auch uns „40 Jahre der Wüste* bestimmt, ehe wir das gelobte Land erreichen. In dieser Zeit sollen die jüdischen Armen und Schwachen von den Zionisten gestützt, soll das Volk für die Heimstätte vorbereitet werden. Diejenigen, die diese Arbeit verrichten, haben eine gewaltige Aufgabe vor sich, die durch die vielen Besciiränkungen des Gmüs noch mehr erschwert ist Aber die Arbeit muss geleistet werden. Die körperliche, wirt-