Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Article
- Siehe "Österreichische Wochenschrift"!
- Date
- 1901-01-11
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Weit** Erhaltes Mütterchen, gewärtig, einst die Hilfe der Strasse zu erproben, sie ruft wohl einen Wachmann, mir beizustehen. Sie kennt mich nicht, sie weiss nicht, wer ich bin. Wenn sie es wüsste! Wenn es die anderen wüssten! Manche gleichgiltige Miene würde sich verfinstern, manche lose Faust sich ballen. Giftiger Hass schleicht durch die Strassen der Stadt, sei auf der Hut!---— Alter Mann mit dem weissen Zottelbart, Du kennst die Schrecken der Strasse. Müde wankst Du aus den raucherfüllten Räumen des Kaffeehauses in jene des Restaurants gegenüber. Ehe Du eintrittst, wandelt sich der Ausdruck Deiner Mienen. Ein Lächeln zieht auf in Deinem verrunzelten Antlitze, ein Lächeln, gar schreckhaft anzusehen, Dein Gesicht ist verzerrt — das Lächeln wird Lügen gestraft von den tiefen Falten um Mund und Augen, aus denen der Jammer eines Lebens der Noth und der Erniedrigung herauslugt —- Der alte Mann, er sieht mich nicht, er sieht nichts, er blickt auf den kleinen Kasten in seiner zitternden Hand. Er tritt in die helle Thüre. Rauch und Dunst dringen auf die Strasse. Er lächelt dem Fiakerkutscher zu, der beim Tische nahe dem Eingange sitzt, er verbeugt sich vor dem kleinen Kellner „Bei an Juden kauf i nix!a Der Kutscher ruft's, der Kellnerknabe lacht laut auf — Der Alte wankt heraus, das höhnische Lachen ihm nach. Er klappt seinen Kasten zu. Das Lächeln, die hässliche Grimasse, ist mit eingeschlossen. Das alte, müde Auge kreist suchend im Dunklen, fragend: Was nun?" Wohin in der Einsamkeit des Alters, wohin in der Kälte des Abends, wohin in der menschenvollen Verlassenheit der Grossstadt, wohin in dieser hasserfüllten Zeit? Komm mit mir, Du mein Bruder, lass meine Einsamkeit an Deiner einen Gesellen finden! Lass uns eine Weile zusammen wandern! Da drüben an der Brücke und weiter und nochmals um die Ecke. Siehst Du, wie sie Deiner harren, ernste Frauen und lachende Mädchen? Durch die Küche in die Halle. Fühlst Du die Wärme? Komm und setze Dich. Du bist unter Brüdern, Du bist unter Schwestern, diese Herzen schlagen für Dich. Hier ein stärkender Trunk! Lass Dir's wohl geschehen! Blick' empor und horch! Ein Mann liest Dir vor, ein stattlicher Mann mit tiefen, nachdenklichen Augen im ernsten Angesicht. Er hat's wohl selbst ersonnen in seinen einsamen Stunden. Schau nur recht in sein Gesicht. Siehst Du darin die schmalen, tiefen Furchen, wie die Einsamkeit sie gräbt? Und dort der blonde Herr mit den rosigen Wangen. Lass Dich von den frischen Farben nicht täuschen, alter Mann, sie bergen die bleiche Furcht vor der Grossstadt-Einsamkeit. Hörst Du die Worte? Und ob Du sie verstehst? Du hast sie selbst geschrieben. Man erzählt von Deinem geheimen Leid, von Deinem tiefen Weh. das Du unter der verzerrten Maske des Lachens verbirgst. Und nun weinst Du. Lass sie rollen über Dein dürres Antlitz, die befreiende Thräne! Bald wirst Du lachen, lachen, wirklich lachen, jenes ehrliche, gesunde, herzerfreuende Lachen, über die sichtbaren Schwächen Deines Stammes. Du darfst die Schwere Deines Gemüthes durch ein Lachen der heiteren Selbsterkenntnis lösen. Hier darfst Du es. hier sollst Du lachen — — Sie sprechen von Dingen, die Du kennst. Ein Leben voll Sorge und Entbehrung hat einen Schatz von kleiner Erkenntnis in Dir aufgespeichert; Di* schwere Sorge hat Dir aber zugleich den Mund verschlossen. Sie lastete auf Deinem Haupte, auf Deiner Zunge. Dort steht ein junger Mann, und er spricht von all dem, was sein Herz erfüllt, sein Gemüth beschwert. Steh auf, sprich, lass uns lernen, Dich selbst wollen wir erkennen. Sprich! Dein Wissen von all den Dingen, die wir nicht /kennen, wollen wir hören. Sprich es aus, sag' es, was Du all Dein Lebtag in Deiner Seele mit Dir schleppst, ungelöst, ungesagt! Der Abend ist verflossen — ein frohes Lied begleitet Deine Schritte. Geh mit Gott, mein Bruder, aber danke nicht. Wenn Dir die Wahrheit lieb ist, so danke nicht. Du Einsamer, danke nicht dafür, dass Du den Einsamen ein Genosse gewesen bist! Siehe „Oesterreichische Wochenschrift"! Folgende Zuschrift, die wir dieser Tage erhalten haben, ist ein lehrreiches zeitgeschtliches Docum°nt. Sie beweist, mit welcher Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit gewisse jüdische Kanzelredner ihre mit Actualitäten gewürzten Predigten producieren. Diese Herren Protestrabbiner scheinen wirklich zu glauben, dass der Schulz der Kanzel den Zweck hat, sie des Nachdenkens zu entheben, und ihnen gestattet, sich von ihrem hitzigen Temperament blindlings hinreissen zu lassen. Die Zuschrift lautet: Geehrter Herr Redacteur! Sie würden mich zu Danke verpflichten, wenn Sie eine Berichtigung der Notiz in der „Welt" vom 28. December 1900 aufnehmen. Es ist nicht meine Art, auf Zeitungsangriffe zu antworten, aber in der Notiz finde ich eine Unrichtigkeit, und da ich mich immer — wie mir ja jener Herr selbst zugesteht — der gewissenhaftesten Objectivität befleissige, will ich bloss dem mir unbekannten Referenten, der scheinbar des Böhmischen nicht ganz mächtig ist, jene Stelle der Predigt in deutscher Sprache wiederholen. „ . . . Diese Aufforderung beachten auch die Frommen nicht, die sich nur selbst in das Studium des göttlichen Gesetzes verliefen^ ohne auf den Brand zu achten, der draussen wüthet, . . . ihnen genügt der eigene Glaube, wenn auch ein grosser Theil sich gleichgiltig zur Religion verhält, oder sie abstreift, um gänzlich mit den Völkern verschmelzen zu können. Hier habet Ihr wieder jene traurige Erscheinung, wo die Juden den gemeinsamen Boden der Religion verlassen . .. Nicht „Religion* ist auf ihrem Banner geschrieben, sondern „bloss Nationalität" und von hier aus überschütten sie die Glaubensbrüder mit einer unreligiösen Flut von Schmähungen und Hass. Aber selbst diejenigen, , die sich für die Jüdischen erachten, verfolgen mit Hohn jene, die ihrem Banner nicht folgen wollen, die nicht auf nationalem, sondern auf religiösem Boden ihre Aufgabe finden; ja, ihr Führer (siehe „Oesterr. Wochenschrift") überhäufe sogar mit Verdächtigungen das Andenken unserer Väter, die für die Gleichberechtigung kämpften, er drückt den Feinden die Waffe in die Hand, dass auch die wenigen Rechte den Glaubensgenossen genommen werden. Wenn wir auch anerkennen das edle Bestreben jener Vereine, die den armen, bedrängten Brüdern helfen wollen, müssen wir doch entschieden das Handeln jenes Mannes verurtheilen, der aus Freien Bedrückte machen will. Bieten wir nicht alle auf diese Art ein trauriges Bild der Zerklüftung im eigenen Lager? So wird das Judenthum seine Sendung nie erfüllen, es wird zum Gespött der Nationen!" Im weiteren ermahnte ich, dass alle, in welchem nationalen Lager sie immer stehen, in erster Reihe die religiösen Gebote der Liebe und Duldung befolgen und bethätigen, damit sie die Völker, an deren culturellen Aufgaben sie mitarbeiten, durch das mustergebende Beispiel zur Liebe und Duldung anleiten.44 Da wird doch der Herr Referent nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich auch die Jüdisch-Nationalen zur Befolgung der religiösen Gebote ermahne, sowie ich es allen andersuationalen Juden überhaupt zugerufen habe. Indem ich mich Ihnen bestens empfehle, zeichne ich achtungsvoll Dr. Wein er, Kgl. Weinberge, 3. I. 1901. Diese Berichtigung des Herrn Rabbiners Dr.