Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 2 (11.1.1901)
- Article
- Israel unter den Völkern
- Date
- 1901-01-11
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315905-3315908-3393786--23956-3393924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 „Die 2$ Welt" Nr, 2 Israel unter den Völkern. Von Max Nordau.*) IL Es ist schon längst alles genau beschrieben, und neuerdings hat auch Anatole Leroy-Beaulieu in seiner Schrift „Israel chez les Nations" getreulich dargestellt, was die Juden auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Kunst geleistet haben. Allein die Thätigkeit der Juden auf politischen Gebieten hat noch keine Beleuchtung erfahren. Da und dort geschieht dieser Thätigkeit Erwähnung, meist unrühmlich und von judenfeindlicher Seite. Der deutsche Antisemit Paul Lagarde zieht in seinen „Deutschen Schriften" gegen das Wahlrecht los, das die Juden besitzen, und meint, dass diese das öffentliche Leben in Deutschland durch ihre Theilnahme vergiften und zersetzen werden. Eduard v. Hart mann, der Verfasser der „Philosophie des Unbewussten", dem sein Scharfsinn und die Schneidigkeit seines Stiles einen Namen gemacht haben, behauptet in seiner Schrift; „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft", dass alle Juden ohne Ausnahme der liberalen Partei angehören, und folgert daraus, dass die Juden sich am Parteienwesen nicht zugunsten ihres Vaterlandes, sondern im Interesse ihres Stammes beteiligen, welcher selbstverständlich viel mehr zum religionslosen und neumodischen Freisinn hinneige als zum christlichen, patriotischen Conservatismus, dessen Wurzeln tief in die letzten Daseinszwecke, in das Leben und in die uralte Geschichte des Volkes hinabreichen. Ich will mich auf die Thorheit der Beschuldigung, dass alle Juden freisinnig seien, nicht näher einlassen. Es ist genau so, als wollte einer gegen die Juden mit der Anklage hervortreten, dass sie „allesammt darnach streben, ihre Kinder in die Schule zu geben", oder dass sie „allesammt der Trunkenheit abhold" seien. Aber die Behauptung Eduards v. Hartmann ist an sich unrichtig. Leider kann man den Juden derartiges, das ihnen gewiss nur zur Ehre gereichen könnte, nicht nachsagen. Die meisten reichen Juden sind nicht liberal, sondern conservativ, einige sogar vollgiltige Rückschrittler, und Eduard v. Hartman n weiss wohl, dass zwei getaufte Juden, Leo und Stahl, die Begründer der orthodoxen Partei der preussischen Conservativen waren, dass sie es gewesen sind, die dieser Partei Geist von ihrem Geiste eingehaucht, ihr die Richtung vorgezeichnet, ihr ein politisches und philosophisches System gegeben und sie auf die Grundlage gestellt haben, auf der sie sich nun seit einem halben Jahrhundert befindet. Und noch heute waltet der Geist diesem beiden Juden unter den preussischen Conservativen. Auf die gleiche Weise hat auch der getaufte Jude Disraeli die Partei der Tories in England verjüngt und ihr neue Lebenskraft zugeführt. In Wirklichkeit bethätigt sich der Jude — von einzelnen Ausnahmen abgesehen, auf die ich noch zu sprechen komme — in politischen Angelegenheiten durchaus nicht in seiner Eigenschaft als Jude. Unter den Ländern, in denen die Juden das Bürgerrecht haben, gibt es kein einziges, das seine jüdische Wahl hätte nach dem Vorbilde der deutschen oder irischen Wahl in «Amerika. Die Juden, die des Wahlrechtes theilhaftig sind, gehören alle zu der vorhin erwähnten zweiten Kategorie: zu der, die nicht erkannt und bemerkt werden will im Lande. Diese Leute hüten sich ängstlich, irgendetwas zu unternehmen, was geeignet sein könnte, die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Sie schliessen sich nicht zusammen, sie gründen keine jüdischen Wahlcomitös, sie zeigen sich nicht beflissen, ihre Macht jm Wahlkampfe geltend zu machen. Ja, *) Aus dem von N. So köl o w herausgegebenen hebräischen Jahrbuche (Sefer HäSchanah). Uebersetzt von Moriz Zobel, selbst dort, wo sie imstande wären, einen ihrer Brüder durchzubringen, ziehen sie es vor, einen Christen zu wählen, und nur dann und wann getrauen sie sich an eine der Parteien;' die'ihrer Hilfe bedürftig ist, mit der schüchternen, demüthigen Bitte heran, einen jüdischen Gandidaten in einem Wahlkreise, wo keine Juden wohnen, aufzustellen. Das East End von London ist der einzige Ort, wto die Juden den Muth gehabt haben, einen Juden ins Parlament zu entsenden. In einzelnen Städten Europas ist es sogar vorgekommen, dass viele Juden ihre Stimmen für bekannte Antisemiten abgaben. Durch diese zage Scheu und Mattherzigkeit wollen sie vor ihren Nachbaren darthun, wie nichtig und bedeutungslos ihnen ihr Judenthum geworden ist und wie unjüdisch sie bereits fühlen. Wenn die öffentliche Meinung dem Antisemitismus geneigt ist, muss der Jude nach der Assimilations- Theorie selbst Antisemit werden. Bei den Wahlen, die im Jahre 1898 in Frankreich stattfanden, unterstüzten viele Juden die französischen Nationalisten und Antisemiten, und der Jude K 1 o t z rief von derTiibüne herab, er könne sich nur unter der Bedingung wählen lassen, dass alle Wähler sich gegen die Revision des Dreyfus-Processes erklären. In Berlin hätten die Juden da und dort die Wahlen zu ihren Gunsten entscheiden können, fanden aber nicht den Muth. einen Candidaten aus ihrer Mitte aufzustellen. Die Socialisten, die man bisher nicht zu den Antisemiten zählen kann, wählten den Juden Singer, aber unter seinen Wählern war auch nicht ein Zehntel Juden, und er wurde nicht als Jude von Juden, sondern als Socialist, trotz seines Judenthums, von christlichen Socialisten gewählt. In Galizien beläuft sich die Zahl der jüdischen Einwohner auf 12 Percent derGesammteinwohnerschaft, ihr Antheil an den Wahlen sollte also gleichfalls 12 Percent betragen, erreicht aber nur die Höhe von 2*8 Percent. Bios in Algier gibt es eine Art jüdischer Wahl; deren Ergebnisse jedoch sind höchst ungünstig. Das Decret Cremieux gewährte den Juden von Algier im Jahre 1870 die Rechte französischer Bürger, darunter auch das Wahlrecht. Allein diese Juden hatten sich die europäische Gesittung noch nicht zu eigen gemacht und waren darum "nicht genügend vorbereitet, von ihrem Wahlrecht vernünftigen Gebrauch zu machen; sie folgten daher, wie eine Schafherde dem Leithammel, ihren Gemeindevorstehern, von denen sie zum Vorschub für ihre eigennützigen Zwecke missbraucht wurden. Diese trieben mit der Wahl Mandel; wer mehr bezahlte, wurde candidiert, und die jüdischen Wähler gaben ihm ihre Stimmen für 5—10 Francs, So wurden die Parteien, denen die jüdische Wahl Schaden zufügte, enragiert antisemitisch,; nicht durch die Schuld der Juden, sondern durch die Schlechtigkeit der Reichen, die Stimmvieh feilboten — und das Ende der Gehässigheiten und Reibungen wird voraussichtlich die Aufhebung des Decrets Cremieux sein. Bekanntlich sind die Juden daran ganz unschuldig. Schuld trifft nur die Zeitumstände. Die Juden waren zur Erlangung des Wahlrechtes nicht reif, und als sie es bekamen, fielen darüber die hochmögenden Grossen her, die nur nach Herrschaft, Ehrgeiz und Gewinn geizen. Diese mästeten sich an dem fetten Bissen, und die jüdische Masse muss jetzt die Kosten tragen. Wo und wann immer auch die Juden im Besitze politischer Rechte waren, nie wussten sie sich ihrer zu ihrem Vortheil zu bedienen : im Gegentheil: oft arbeiteten sie direct ihren Widersachern in die Hände. Sie thaten dies, weil sie hofften, durch diese Unterwürfigkeit den üblen Nachreden zu begegnen und vor aller Welt zu bekunden, dass sie nicht als Juden, sondern als Landeskinder pflichtgemäss ihr Bürgerr recht üben. Und die jüdischen Abgeordneten sind noch schlimmer als ihre Wähler und stehen ihnen an jüdischem Bewusstsein noch nach. Zu allem lassen sie sich eher bereit finden,