Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 1 (4.1.1901)
- Article
- Der Waisenknabe
- Date
- 1901-01-04
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Wem ja sonst wie eine Kerze zusammenschmelzen. .Schwiiidsucht, sagt man zwar, sei ansteckend; aber mag man immerhin sagen! Wir wissen, dass der Tod wie dasj Lejäen; in/der Hand des Ewigen ruht Gegen seineji Willen } tiai! '* der Würgengel keine Macht und ohne sein Wissen wird niemandem ein Haar gekrümmt." Dabei also blieb es, am Vormittag sowohl beim Morgengebet wie ..nicht minder am Nachmittag beim Abendgebet, und dennoch.gieng die Schule auseinander. sr Den ersten Streich führte „einer vom Pöbel", ein emporgekommener, rücksichtsloser- Mensch, der mit dem Bader der Stadt weitläufig verwandt'war; nach ihm jedoch konnten sich auch die anderen nicht mehr zurückhalten. Aber die Gemeinde konnte nicht zusehen, dass ein Gelehrter Hungers stirbt, absolut nicht! ' 1 Man musste etwas thun! Die religiöse Pflicht sowohl gebot es wie nicht minder der Anstand. Die Schwierigkeit lag nur darin: Wer sollte thun? Das Bethaus behauptete : jene Bürger, welche zuletzt ihre Kinder unterrichten Hessen; diese jedoch erklärten, „ganz Israel habe einzustehen/ zur Erhaltung eines Gelehrten müsse die Gesammtheit beisteuern, sie würden die Hände nicht in den Schoss legen und bei Seite bleiben, aber die ganze Last könnten sie nicht auf sich nehmen. Daraus aber entsprang eine weitere Schwierigkeit: Woher sollte die Gemeinde das Geld nehmen? Es gab drei Gemeinde-Aelteste. Der erste Vorsteher jedoch, der die ganze Macht in Händen hatte, Heb Schmerl, der fromme, sanfte talmudbeflisseneReb Schmerl, erklärte, dass er ohnehin mit den Einnahmen kein Auslangen finde. Die Gemeinde gleiche einem durchlöcherten Sack, es seien nie zwei Groschen beisammen und er müsse aus seiner eigenen Tasche zusetzen. Er stehe vor der Wahl, entweder auf sein Ehrenamt zu verzichten, oder sich von seiner Frau scheiden zu lassen, die ihm das Leben verbittere. Mag ein anderer die Herrschaft übernehmen! Nun dafür gab es Rath, die Frage gehörte nicht zu den unlösbaren: Man konnte ja einen neuen Gemeindevorsteher wählen oder sonst irgend ein Mittel anwenden, etwas besteuern, man biauchte nicht weit zu gehen: Sabbath-Kerzen beispielsweise oder einen sonstigen Gebrauchsartikel. Flüssige Hefe allerdings war bereits belastet, aber man konnte ja gepresste nehmen. Man konnte das Bad auf drei Jahr verpachten, oder besser noch, einen vierten Schächter zulassen. Mag noch ein Jude, nicht grade lauter Angehörige von Reb Schmerl, sein Brot verdienen und obendrein der Gemeindecasse einige Groschen abführen. Ohnehin seien neue Einnahmen vonnöthen. Die Armenschule sei, leider Gottes* seit Jahren geschlossen und wäre längst für eine Auferstehung reif. Wenn aber der Gemeinde diese Vorschläge nicht zusagen, könne man ja ein Coliecte veranstalten, von Haus zu Haus gehen und milde Gaben zusammennehmen. An Kostgängern, die Zeit und gesunde Füsse haben, fehle es ja nicht, gottlob. Inzwischen wurde demAvigdor die Wohnung gekündigt. Die ersten Tage verbrachte er provisorisch^ bald im Bethaus, bald bei Bekannten. Ueberall, wohin er mit seinem Knaben kam*., wurde er freundschaftlich aufgenommen und erhielt Brantwein (süssen für das Kind!) und Honigkuchen; nur zu Nacht lud ihn niemand ein. Nach dem Abendgebet blieb Avigdor mit seinem Knaben allein im Bethause, sogar diejenigen, welche sonst zumLernen zurückzubleiben pflegten,, beeilten sich diesmal frühzeitiger ihr Heim aufzusuchen. Nach einigen. Stunden begann es AVigdqr in dem grossen, öden Hause zu frösteln. Er liess den Knaben, der auf einer Bank eingeschlummert war, zurück und gieng zum Bäcker, bei dem die ganze Nacht gearbeitet wurde, um sich zu erwärmen., Man liess ihn gewähren und*§r setzte sich an die Wand neben dem brennenden Ofen, fiine wohlthuende Wärme;durchrieselte seinen Leib und er^schlummerte ein, und. da ihn niemand weckte, schlief er ■ bis gegen Sonnenaufgang. Am nächsten Abend brachte Avigdor bereits den Knaben mit Er suchte den gestrigen Platz wieder auf, der Knabe setzte sich neben ihn, legte den'Kopf in den Schoss des Vaters und beide schliefen bis zum Morgen. So vergiengen mehrere Tage, bis endlich die Polizei dahinter kam. Da gab es einen Lärm! Der Bäcker kam schier ins Gefängnis, kaum, dass er sich mit einigen Rubeln loskaufen konnte, und er musste ausserdem mit seiner Unterschrift bekräftigen, Avigdor nie mehr ir sein Haus zu lassen. Was kümmerte es die Polizei, dass Avigdor ein Gelehrter war! Einige Bürger giengen zwar hin, um ein gutes Wort für ihn einzulegen, aber was bedeutet ein gutes Wort eines Juden? Avigdor gieng ins Bad .. . und wieder geschah dasselbe. Die Polizei mischte sich hinein und drohte, das Bad mitsammt der „Mikweh" zu schliessen. Mit der Polizei gibt es keine Discussionen, ein Wort und sie legt ihr Amtssiegel, dann kostet es Tausende ... Wer der Angeber war, konnte nicht ermittelt werden. Von selbst schreitet ja die Polizei nicht ein. Gleichviel, Avigdor und sein Knabe hatten kein Nachtlager mehr und blieben im kalten Bethaus ... Nun wurde das Mitleid mit dem Vater und seinem Kinde allgemein; jetzt erst gewahrte man, dass beide kein Hemd mehr auf dem Leibe hatten. Nun war das ganze ßethaus darüber einig, dass etwas geschehen müsse. Aber was sollte geschehen? Man berathschlagte und kam zu dem Schlüsse, dass es unmöglich sei, das Bad für drei Jahre zu verpachten. Es sei eine Ruine, für die, solange sie nicht hergestellt sei, niemand einen Dreier hergeben würde. Einen neuen Schächter aufzunehmen, war eine heikle Angelegenheit. Ohne Zwistigkeiten gieng so etwas nie ab, und wie lange war es denn seit den letzten Unruhen, da eine halbe Stadt in Strafe genommen wurde. Dafür sei man ja eben im Golus. Gepresste Hefe war, wie es sich gezeigt hatte, mehr in christlichen als in jüdischen Händen. Die Besteuerungeines Lebensmittels hätte die Handwerker aufgebracht. Handwerkerschaft und Trägerschaft*) gehörten zusammen," es wäre alsozu Verwickelungenmit der Bruderschaft gekommen. Blieben also die Hühner. Dagegen protestierten jedoch die Bürger und drohten, sich vom Genüsse des Geflügels zu enthalten. Ausserdem war Umgehung des Schächt-Monopols zu befürchten. Fische waren ohnehin theuer, und die Sache wieder auf die lange Bank schieben, gieng nicht an; es blieb daher nichts übrig als eine Coliecte zu veranstalten, und man berathschlagte bereits über das Wie und Wo. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt. Auf dem stillen Marktplatz wurde es eines Tages besonders lebhaft. Ahivlo, der Fuhrmann, erschien mit seinem Gespanti und jagte mit seinen feurigen „Löwen" über Stock und Stein, auf und nieder, hin und zurück, dass es in den Ohren dröhnte. Im Wagen sass Reb Gabriel, zur Rechten gestützt von seiner Zvvoit»>n oder wohl schon von seiner dritten Frau, zur Linken vom Heilküasiler der Stadt, und alle hieben in den Nacken Ahreies ein und riefen aus Leibes* ■*) Die „Trägerschaft" oder „Bruderschaft der Todtenträger", ein frommer Verein, der sich seit jeher aus der Handwerkerschaft recrutierte zur Verrichtung der letzten Liebesdienste am Todten. Die Arbeit geschieht unentgeltlich, nur die ganz Mittellosen werden von der „frommen Bruderschaft" entlohnt, welche aus den vornehmsten Bürgern der Stadt sich zusammensetzt und die Friedhofs-Angelegenheiten verwaltet. Zwischen beiden Vereinen kommt es,noft zu mannigfachen -Reibungen, und da die TodtenbesßÄmg Sache der „Trägerschaft" ist, die ausschliesslich aus Hand- Werkern besteht, so wissen letztere, indem sie mit der Ein- .stellunihres-Dienstes drohen,: manche Vorttreiie von der ^Bruderschaft", das heisst von den Bürgern, herauszuschlagen. Anm, d. Uebersetzers.