Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-01-04 · 1 (4.1.1901) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
1 (4.1.1901)
Article
Israel unter den Völkern
Date
1901-01-04
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315907-3393575--23813-3393709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 1 „Die x£ Welt44 Seite 5 unbedeutende Minorität inmitten der Völker zu bleiben, und ihr einziger Wunsch ist, eine unkenntliche Minorität zu werden. Das sind die Assimilanten, welche hoffen, dass die Judenfrage gelöst sein wird, wenn die Juden erst aufhören, aus ihrer Umgebung hervorzustechen, wenn sie erst unter den Nationen verschwinden. Allein nur wenige von diesen Leuten erfassen die Sache klar genug, auch haben sie nicht den Muth. auf ihr Ziel geradenwegs loszusteuern. Wer sich ernstlich assimilieren will, der wird nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Er wird sich gedrängt fühlen, alle Scheidewände niederzureissen, die . zwischen ihm und der Mehrheit der Landesbewohner aufgerichtet sind. Die ersfe und hauptsächlichste Scheidewand ist die Religion. Ein solcher Mensch muss das Glaubensbekenntnis wechseln und sich einer christlichen Kirche anschliessen. Er muss trachteu, eine Mischehe einzugehen, um sein Blut mit dem des Mehrheilsvolkes zu mengen und mit der Mehrheit in einen Volkskörper zu verschmelzen. Dann, aber auch nur dann, kann er hoffen, dass nach drei oder vier Menschenaltern seine jüdische Nationalität unkenntlich werden wird und seine damaligen Nachkommen von dem Antisemitismus nicht mehr zu leiden haben werden. Will er aber nicht so weit gehen, so wird er auch nicht sein Ziel erreichen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, Jude zu bleiben und dabei aufzuhören, als Angehöriger der Minorität kenntlich zu sein. Das wird nicht durch Halbheiten, durch die Verlegung des Sabbath auf den Sonntag oder durch die Verbannung der hebräischen Sprache aus den Synagogen erreicht. Höchstens, dass damit erreicht wird, die Juden noch auffallender und dazu lächerlich zu machen. Eine unvollständige Assimilation verstopfe nicht die Quelle des Antisemitismus, den Hass der Vielen gegen die Wenigen in ihrer Mitte, die leicht kenntlich sind, auch wenn sie sich vermummen. (Fortsetzung folgt.) Doctor Bloch. Jedes Thierchen hat sein Plaisierchen, Das weiss man. Die Hunde zu Aachen, die jeden Fremden unterthänigst anflehen : „Gib uns einen Fusstritt!" gehören aber schon zu den Sonderlingen. Noch merkwürdigere Geschöpfe aber sind jene kleinen Schlafgesellen, die mitunter auch den gutmüthigsten und weichherzigsten Reisenden zur Verzweiflung bringen. So lange quälen und peinigen sie ihn, bis er ihnen die Gnade erweist, sich ihrer brutal zu entledigen.. Doch, wir wollten ja von Doctor Bloch sprechen, dein Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift". Dieser Mann hat seit einigen Wochen sein Geschäft in Antizionismus wieder eröffnet. Der Handel ist in den letzten Zeiten wieder lohnend geworden, insbesondere in Wien, wo die Zionisten gezwungen waren, in Opposition zum Cultusvorstand und zur „Allianz" zu treten. Wir sind die Letzten, die dem Doctor Bloch sein Geschäft verderben wollten. Aber der gute Mann ist ehrgeizig. Es genügt ihm nicht, wenn man ihn ungestört seinen Handel in Antizionisticis treiben lässt. Wie der Hund den Mond, so winselt er den Zionismus ari : „Thut mir doch bloss den einzigen Gefallen und reisst mich herunter!" Doctor Bloch kann's haben, wenn er es gerade will, so vollständig, als es nur sein kann. Aber heute noch nicht, weil wir vorläufig keine Lust haben, uns mit seiner Person abzugeben. Unser UrtheiJ über die persönliehen Qualitäten dieses Mannes ist längst gebildet. Aber wir glauben riieht, dass wir es sind, die Ursache haben, uns mit seiner Person abzugeben, vielmehr sind es diejenigen Körperschaften, die ihn "in den Stand setzen, sich noch immer als ihren Vertreter nach aussen zu geriren. Die Wähler des Doctor Bloch habeji ihn längst abgeschüttelt; Im politischen Leben ist er glücklicherweise eine plusquamperfectische Erscheinung. Das Gros seines Lesepublicnms mag er sich behalten, wenn es ihm nicht unter der Hand stirbt: jene guten, dummen Juden vom Lande, denen das Herz im Leibe hüpft, wenn Rabbi Bloch den Antisemiten im Jargon des „Deutschen Volkslilattes" zu Leibe rückt, oder wenn er an einer anderen Stelle von der glücklichen Entbindung der Frau Cuhusvorstand X rührende Dinge zu eizähleh weiss. Aber man wird sich mit Doctor Bloch, oder besser gesagt, mit der „Oesterreichis<hen Wochenschrift" noch für einige Zeit beschäftigen müs.-cn, so lange nämlich, als sie von einzelnen grossen Wiener jüdischen Körperschaften gestützt wird. Man darf vermuthen, dass das nicht mehr lange der Fall sein wird. Es verlautet, dass wenigstens der Cultusvorstand die Absicht habe, die „Wochenschrift" zu,umgehen, indem er ein eigenes Amtsblatt herausgeben wjjl. Die „Union", die vom 1. Jänner ab monatliche Mittheilühgen an ihre Mitglieder versendet, hat es bereits gethan. Wir glauben annehmen zu können, dass auch die „Allianz" diesem Beispiele über kurz oder lang folgen wird. Heute aber darf sich die „Wochenschrift" noch der verschieden gearteten Unterstützung der Körperschaften rühmen und freuen. Darum müssen wir uns von Zeit zu Zeit mit ihrem Inhalt beschäftigen, so wenig sympathisch es uns ist, dass wir dadurch auch mit Doctor Bloch in Berührung kommen. Der grosse Erfolg der Zionisten bei den Cultuswahlen war für die Wochenschrift der Anlass zur Eröffnung einer scheinbar nur aus moralischen und journalistischen Gründen eröffneten Campagne, der unwürdigsten und unanständigsten Campagne, die je gegen den Zionismus geführt wurde. Lügen, Verdrehungen, Entstellungen, Anrempelungen persönlichster Art charakterisieren die Kampfes weise der „Wochenschrift." Der rohe Angriff hat uns sicherlich nichts geschadet. Die „Wochenschrift" als Kämpfer gegen die Weltbewegung des Zionismus! Wir können uns mit einem Lächeln des Bedauerns und der Verachtung abwenden. Aber, wenn man dazu schweigt, muss man fürchten, dass die geschilderte Taktik der„Wochenschrift4, da oder dort Nachahmung finden oder solche Juden irre machen könnte, die die wahre Ursache des ßioch'schen Geschäfts-Antizionismus nicht kennen. Darum werden wir uns in der nächsten Nummer eingehend mit der „Oesterreichischen Wochenschrift" beschäftigen. (Fortsetzung folgt.) Die politische Gleichberechtigung der Juden. Die Artikelserie Dr. Max Nordaus, die unter obigem Titel in der „Welt* erschienen ist, hat einen Sturm der Entrüstung in der — sit venia verbo — B 1 o c h'schen „ Wochenschriftu und den geistesverwandten Blättern hervorgerufen. In zionistischen Kreisen ist der „Sturm" ausgeblieben. Es ist nicht ausgeschlossen, sogar wahrscheinlich, dass sich sachliche Opponenten der Nordau'sehen Theorien finden werden. Eine sachliche Gegnerschaft wird Dr. Nordau sicherlich nicht unangenehm berühren, und er wird jedem Zionisten gewiss antworten, schon weil er in seinem ersten Artikel ausführte, dass er eine höchstpersönliche Anschauung vertrete, die mit der Publicierung in der „Well/ den Zionisten zur Beurtheilung und eventuellen Besprechung übergeben wurde. Mit Entrüstung aber müs-en jene unwürdigen Angriffe zurückgewiesen werden, die von antizionistischer Seite nicht gegen die Sache, sondern gegen die Person Doctor Max Nordaus geführt wurden. Die Zionisten sind nicht irre gemacht worden. Auch die schärfste Opposition gegen die Anschauungen eines Parteimannes ändert nicht einen Augenblick die Gefühle gesinnungsgenössischer Tieue und Dankbarkeit. * Herr Rabbiner Dr. Ad. F r a n k 1 (Kremsier) sendet uns zu der Artikel-Serie des Dr. Max Nordau über die politische Gleichberechtigung der Juden nachstehende Notiz, durch die er beweisen möchte, dass „die Vertreter der Emanzipation die Rechte ihrer Glaubensgenossen mit Mannesmuth und Unerschrockenheit vertheidigt haben" : Der Landes-Rabbiner S.U. Hirsch schrieb am 20. ivlärz 184-8 : „Ein Wort zur Zeit an unsere christlichen Brüder im gemeinsamen Vaterlande!" Es tagt an Oesterreichs' Himmel, Schatten hundertjähriger Nacht beginnen zu .fliehen, und ein Tag vorkündendes Morgenroth zieht herauf. Eine neue Zeit ist eingeti-eten. Mit allmächtigem Schritte schreitet das göttliche Licht in der Menschenbrust seinem ■endlichen Siege entgegen. Schon haben deutsche Fürsten ihre Gerechtigkeit besiegelt, indem sie gleiches Recht auch den jüdischen Kindern ihres Reiches zugesprochen. Werden Oestet reichs edle Söhne die letzten sein? Nicht auch sofort das Gold ihres erwachten Rechtsbewusstseins dadurch als echt bewähren, dass sie die Bitte um gleiches Recht auch für den ärmsten Juden vor den Thron unseres erhabenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.