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Die Welt · 1901-01-04 · 1 (4.1.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
1 (4.1.1901)
Article
Israel unter den Völkern
Date
1901-01-04
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die & Weit44 Nr. 1 Mittelalters heftete sich Schmach an den Namen der Juden, als der Heilandsmörder und Gottverfluchten. In dem.;^darauffolgenden Zeitalter waren die Juden das allgemeine ÄDg^iifsobject, weil man sie für Feinde und Lästerer der herrschenden Religion hielt und ihnen vorwarf, dass sie die Brunnen vergiften. Auch sagte man, dass sie Christenkinder schlachten, um das Blut für rituelle Zwecke . zu verwenden, dass sie Hostien aus den Kirchen stehlen, um sie zu schänden und ihr Gespött damit zu treiben. Und nicht bloss der Glaube der Juden, sondern auch ihre Nationalität war die Zielscheibe aller Gehässigkeit und Rachsucht. Man sagte, dass ihrem Korper ein übl^r Geruch (foetor judaicus) entströme und ähnliches mehr. Heutzutage wirft man ihnen vor, dass sie Wucher treiben, dass sie das Volk aussaugen, dass sie alle Güter des Landes an sich ziehen,. dass sie ein Schmarotzerdasein führen und dass sie die Völker berauben, die ihnen die Thore ihres Landes gastlich geöffnet 'haben. Da also die Gründe des Hasses verschieden sind, heben sie sich gegenseitig auf. Die Vorwände wechseln, und der Hass bleibt Es ist merkwürdig, dass alle Beschuldigungen, die man gegen die Juden erhebt, gegen jede Minderheit erhoben werden, die von einer Mehrheit gehasst wird. Der Kindermord zu rituellen Zwecken ist als eine alte Beschuldigung bekannt, die schon die alten Römer gegen die ersten Christen erhoben; und heute begegnen die Missionäre und Europäer in China demselben Vorwurf. Alle Vorwürfe, die man den Juden macht, erhebt man in anderen Ländern sowohl gegen die deutschen Arbeiter wie überhaupt gegen alle Eingewanderten, mögen sie woher immer gekommen sein. Das ist der Schlüssel zur Lösung dieser schwierigen Frage und zur Auffindung der Wahrheit. Es ist Mfnschenart von altersher, jeden, der sich von uns in seiner Eigenheit und in seinem Gehaben unterscheidet, tief zu hassen. Wir können es nicht ertragen, dass es einen Menschen gibt, der anders geartet ist, als wir; rasch haben wir herausgefunden, dass er uns im Wege steht, dass er unsere Ruhe stört, dass er die Ordnung, an die wir gewöhnt sind, umkehrt und uns zwingt, uns neuen Lebensgewohnheiten anzubequemen, die uns schwer fallen. Sind nun diese Andersgearteten eine Minderheit, so werden wir keinen Grund finden, unsere bösen Triebe zu unterdrücken und unser Hassgefühl zu verbergen; wenn aber kein Anlass vorhanden ist, den guten Trieb vorwalten zu lassen, so gewinnt der böse von selbst die Oberhand.; Das erklärt den allenthalben bestehenden Hass der Vielen gegen die Wenigen, die unter ihnen wohnen — ganz besonders, wenn der Hass gegen die Wenigen auf einer Tradition beruht und gar, wenn die Wenigen sich in irgend einem Punkt hervorthun. Was nun die Juden betrifft, so besteht ja ein von jeher genährter religiöser Hass und der Einfluss der vom Mittelalter herrührenden grausigen Märchen von Knaben morden u. s. w. Die Minderheit kann es der Mehrheit niemals recht machen. Daher kommt es, dass die Mehrheit stets die Minderheit zum Sündenbock macht, wenn sie Fehler begeht oder von Ungemach betroffen wird. Denn es ist auch ein psychologisches Gesetz, dass Kinder und Wilde, wie auch Völker, deren kritischer Sinn wenig entwickelt ist, für alles Leid, das sie trifft, denjenigen aus ihrer Umgebung verantwortlich machen, der ihnen verhasst ist. Deswegen beschuldigte man zur Zeit der „schwarzen Pest" die Juden, der Brunnen Vergiftung. In unser Zeit machen die Agrarier den Juden zum Vorwurf, dass sie die Getreidepreise herabdrücken. Die arischen Arbeiter hinwiederum klagen die jüdischen Arbeiter an* dass diese sie unterbieten. Die Rückschrittler in allen Ländern beschweren sich, dass die Juden sich den Radicalen zugesellen, die Umsturz-Bestrebungen fördern und der Regierung Hindernisse bereiten. In den Ländern, wo es gar keine Juden gibt, finden sich alle diose Uebel und Plagen in weit höherem Grade, und man wälzt dort die Schuld auf andere veihasste Minderheiten über, zumeist auf die Ausländer, die zu hassen als verdienstlich gilt, allenfalls auch auf inländische Minderheiten, iu Frankreich z. B. auf die Protestanten und Freimaurer, anderwärts auf die Jesuiten u. s. w. Das ist einfach eine Abwälzung der Verantwortlichkeit. Es zeugt durchaus nicht gegen denjenigen, der beschuldigt wird, es zeugt nur davon, dass die ihn beschuldigen, Hass gegen ihn hegen; und weil sie aufgebracht und gehässig gegen ihn sind, schieben sie ihm alles Böse unter. Der Urgrund ist der Hass; dessen Folgen erst sind die verschiedenen, immer wechselnden Anschuldigungen. Der Antisemitismus umfasst nicht die ganze Judenfrage, sondern nur einen Bruchtheil von ihr. Der andere Theil — das ist, was die Juden selbst über ihre Lage inmitten der Völker und über ihr künftiges Geschick denken. Es ist kein Wunder, dass alle Juden, die den Antisemitismus zu spüren bekommen, ihm zu entrinnen wünschen. Die wenigen reichen Juden, denen der Antisemitismus nichts anhaben kann — denn bekanntlich macht der Antisemitismus vor den Palästen der reichen Juden, selbst in Rumänien, Halt — zeichnen sich durch ihren Optimismus aus, durch die Art, leichthin, seelenruhig lächelnd, von dieser Sache zu sprechen. Diese Leute sagen stets: „Der Antisemitismus ist eine vorübergehende Krankheit; noch eine Weile, und er verschwindet." Jedoch die Masse d«*r Juden fühlt, dass dies unrichtig ist. Freilich hat sie nicht die klare Erkenntnis von allen den Umständen, die wir hier aufgezählt haben, aber instinctiv sagt sie sich, dass der Antisemitismus eine heftige Abneigung ist, wie sie jeder Mensch — und auch jedes Thier — gegen diejenigen fühlt, die anders beschaffen sind, als er;- und deswegen wird der Antisemitismus nicht aufhören, so lange die Juden eine kenntliche, charakteristiche Minderheit unter den Völkern bleiben. Um nicht mehr gehasst und verfolgt zu werden, um ein genügend gesichertes und normales Dasein führen zu können, wie alle Völker, müssten die Juden entweder aufhören, eine Minorität zn sein oder aufhören, kenntlich zu sein. Das sind die zwei Lösungen der Judenfrage, die erstrebt werden. Auf der einen Seite räth man, die Juden an irgendeinem Orte zu einer imponierenden Mehrheit zu vereinigen. Aus historischen und religiösen Gründen haben die Leute, die solches anrathen, Palästina, das Land der Ahnen, als den geeigneten Ort ins Auge gefasst Das sind die Zionisten. Würde Palästina wieder ein von Juden bewohntes Land und könnten die Juden sich darin aus eigener Kraft und Arbeit ansässig machen (gegenwärtig beträgt die Zahl der Bewohner Palästinas 600.000 Seelen, darunter 60.000 Juden, während es ungefähr 6,000.000 Juden gibt, die den Wunsch hegen, in dieses Land zurückzukehren), so würde der Antisemitismus sie nicht mehr heimsuchen, denn dort könnten sie Ruhe und Arbeit finden, ungestört ihrem Erwerbe nachgehen, wie jedes Volk, das auf seiner Scholle in Sicherheit lebt. Die Juden aber, die nicht nach Palästina zurückkehren wollen, mögen nur hübsch bleiben, wo sie sind, und wenn der Antisemitismus sie weiterhin bedrücken wird, so müssen wir uns darein fügen. Sie hätten entfliehen können und haben es nicht gethan; also befinden sie sich entweder sehr wohl und tragen ihr Leid mit Gleichmuth, oder sie werden gar nicht betroffen, oder haben möglicherweise ein anderes Heilmittel. Wie dem auch sei: um diese Leute mag man unbekümmert sein. Andere Juden erstreben eine andere Lösung ihrer Frage, Sie wollen nicht wieder ein besonderes Volk in einem besonderen Lande werden. Sie ziehen es vor, eine

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