Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- Gewissensbisse
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315849-3393403--16843-3393507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Die H Welt“ Seite 15 Nr. 52! Strom, als das Baden, im Freien noch erlaubt war,, um nie wieder das Licht zu erblicken! Was hat Jaankel zur Nachtzeit, dort zu suchen? Was macht er auf einem Platze, auf dem sich eine Kirche erhebt, den die Juden selten bei Tageslicht, aber nie zur Nachtzeit besuchten? Der Jude, der ihn zum erstenmale dort erblickte, entfloh vor Angst, indem er das Gaukelspiel irgendeines bösen Geistes vor sich zu sehen glaubte. Doeh kehrte er bald wieder mit einigen Genossen zurück, und siehe da, es war keine Täuschung. Dort stand seine hohe Gestalt am Ufer, gebeugt, vom Mondlichte beschienen. Er stand bewegungslos, wie angewurzelt, und sah starren Blickes aut die Wellen. Die Nachricht verbreitete sich in der ganzen Stadt wie ein Lauffeuer. Die an Wundererzählungen gewöhnte jüdische Jugend begann bereits mit bunter Phantasie zu combinieren und das Factum mit einem überirdischen Gewebe zu umgeben, aus dem man sich sowohl die Fähigkeiten, als auch den hohen Grad der Enthaltsamkeit Jaankels zu erklären versuchte. Man flüsterte sich sogar in seiner Gegenwart gegenseitig in die Ohren, doch niemand wagte es, eine Frage an ihn zu richten oder ihn gar zur Rede zu stellen. Als Ihn der Rabbi zu sich hatte rufen lassen und ihm sein Gebaren am Ufer der Weichsel vorhielt, füllten sich seine treuen, unschuldigen Augen mit Thränen. „Rabbi,“ sagte er, „der Tag ist nicht fern, wo ich Euch alles erzählen will, jetzt lasst mich in Frieden.“ „Geh’,“ sagte der ehrwürdige Greis,“ ich will nicht aufhören, an Dich zu glauben.“ Und der Tag war nicht fern. Jaankel merkte, dass die ganze Stadt von seinen nächtlichen Spaziergängen wusste, und er nahm sich das so zu Herzen, dass er ernstlich krank wurde. Das erste Symptom seiner Krankheit war der mähliche Verlust seiner klingenden Stimme. Er war nicht mehr imstande, laut zu lernen, er fühlte immer einen Stich in der Brust, wenn er allzu laut sprach. Eine fahle Blässe überzog sein schönes, durchgeistigtes Gesicht. Seine hohe Gestalt war gebeugt, er ward zum Greise über Nacht. Ais er dann eines Tages, beim Talmudfolianten sitzend, zusammen brach, trug man ilin ins jüdische Spital. Dort gieng es mit ihm rapid abwärts. Die angesehensten Juden besuchten ihn, er sprach aber mit ihnen sehr wenig und antwortete grösstentheils mit einem Kopfnicken auf ihre Fragen. Seine einzige Beschäftigung war der Talmud, den er so lange im Bette las, bis der Band seinen spindeldürren Händen entfiel und seine müden, tiefliegenden Augen sich schlossen. Als er einmal an einem lachenden Frühlingsmorgen erwachte, schien ihm etwas in der Kehle zu stecken. Er wollte athmen und es gieng nicht. Er richtete sich im Bette auf, schnappte nach Luit und machte eine Anstrengung nach der anderen. Da stürzte ihm plötzlich ein heftiger Blutstrom durch Mund und Nase. Und als es Nacht wurde und der Mond einen hellen Silberglänz in der Lazarethstube verbreitete, drückte Jaankel auf den elektrischen Kopf seines Bettes, Der Diener kam und fragte nach seinem Verlangen. „Geh’ zum Rabbi,“ brachte er mit Anstrengung hervor, „und bitte ihn in meinem Namen, herzukommen.“ Der Bursche gieng, der Rabbi kam. Als der greise Mann an das Krankenbett herantrat, richtete sich Jaankl ein wenig auf und sagte halblaut: „Boruch Habo.“ Der Rabbi reichte ihm die Hand und sagte : „Boruch Hanimzo.“ Der Rabbi setzte sich neben das Bett, blickte den Kranken an und sah sofort, dass er es mit einem Sterbenden zu thun habe. „Rabbi,“ begann Jaankl, „ich sterbe noch heute nachts.“ „Gott macht Todte lebendig,“ unterbrach ihn der Greis. „Rabbi, ich sterbe noch diese Nacht,“ wiederholte er mit einem bestimmten Tone, „und mich drückt eine schwere, schwere Sünde. Rabbi, ich will Euch erzählen, und wenn I h r mir verzeiht, so sterbe ich ruhig.“ Er hielt inne. Der Greis heftete auf ihn einen forschenden Blick, der sich zu umfloren begann. „Rabbi, ich wohnte bis zu meinem zwanzigsten Jahre bei Nathan, dem Träger, der sich meiner nach dem Tode meines Vaters annahm. Er hat mich sehr geliebt. Und eines Tages kommt er auf mich zu und sagt: „Jaankl, ich soll nur etwas Nedän für meine Schifra haben, und Du wirst mein Eidam werden .... Rabbi, das war der schönste Tag meines Lebens . . . Denn ich habe, Rabbi, seine Schifra heiss geliebt Er hielt wiederum inne, grosse Tropfen traten ihm auf die Stirne. Der Rabbi schwieg. „Da kam, Rabbi, ein Mann mit vielem Gelde — und man hatte sie verlobt.... Rabbi, da beginnt meine Sünde, ich hatte die bösesten Gedanken, die mich Tag und Nacht verfolgten . . Seine Stimme bekam plötzlich einen ganz anderen Tonfall. „ . . . . Rabbi, es war Sefiroth. Der Tag war heiss. Da kam sie nachhause und fragte mich, ob sie baden gehen dürfe. Rabbi, ich wusste ja, dass man in den Sefirothtagen nicht baden darf.... Es ist verboten, und die Leute ertranken immer, wenn sie das Gebot überschritten .... aber es kam mir ein böser Gedanke . . . Rabbi“ — ein krankhaftes Schluchzen erschütterte ihm die Brust — „und ich sagte ihr: Ja . . . .“ „Und sie gieng,“ ergänzte der Greis mit dumpfer Stimme, „und ertrank.“ Tiefe Stille. Der Mond guckte zum Fenster herein und beleuchtete die beiden todesblassen Gesichter. „Du hast gemordet!" Das Wort erscholl aus dem Munde des Rabbi wie ein Donner. Jaankl sprang, wie vom Blitze getroffen, in seinem Bette auf und ergriff krampfhaft des Rabbi Hand. „Jetzt hat Dir Gott verziehen, Jaankl. Das war die Strafe für Deine Sünde. Geh’, leg’ Dich nieder.“ * . * * Als der Sarg des unschuldigen Mörders angesichts aller jüdischen Bürger der Stadt in das Grab gesenkt ward, erhob der Rabbi seine durch Schluchzen unterbrochene Stimme und begann seinen Nachruf: „In der heiligen Schrift heisst es: „Wenn da ein Mann im Zelte stirbt. . ..“ Das bedeutet, sagen unsere Weisen, dass die Thora sich nur an dem bewährt, der sich ihretwegen zugrunde richtet. . . Zuschriften für die Jargon-Ausgabe sind auf dem Couvert mit dem deutlichen Vermerke : „Für die Jargon-Ausgabe“ zu versehen. Vom Neujahr 1900 an geht unsere Vertretung für Russland an den Verlag „Tuschijah“ in Warschau und an dessen Subagenturen über. Briefkasten. Anonyme Zuschriften können nicht berücksichtigt werden. M. S., Gaya. Besten Dank. Anonymus* Wir haben Ihre Anregung dem Actionscomitd übergeben. „Daniel“. Wir bitten um nähere Angabe der Adresse. Mihaly Geburger. Die Adresse des Herrn D. T. ist uns derzeit nicht bekannt. D. B. (Judenlage in Rumänien, Zionismus etc.) Wir bitten um nähere Angabe der Adresse,