Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- Gewissensbisse
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die A Welt4- Nr. 5Z Jahren betrat, so bot sich einem ein eigenthümlich-merkwürdiges Bild dar. Man erblickte da gegen achtzig junge Leute, die auf den nicht eben besonders blank gescheuerten Bänken sassen und mit lauter Stimme den Talmud studierten. Es waren durchwegs blasse, blutlose Gesichter, engbrüstige Gestalten. Sie behielten fast alle ihren Körper in einer gleichmässigen pendelnden Bewegung, deren Acceleration nur dann zunahm, wenn der Inhalt des grossen, vor einem jeden liegenden Folianten eine besondere Anstrengung ihres Geistes erheischte. Gleich monoton wie die Bewegung ihres Oberkörpers war die Melodie, in die sie ihre Ausführungen kleideten, jene traditionelle Weise, in der der polnische Jude sein Talmudblatt heruntersingt, ohne die ein eindringendes Studium für ihn gar nicht möglich wäre. Inmitten dieses für ein fremdes Ohr gar nicht anzuhörenden Lärmens konnte man deutlich eine einzige Stimme unterscheiden. Sie klang rein und sonor und hell und weich wie ein Frauenalt. Man kannte sie in der ganzen Stadt. „Jaankl lernt“, sagten die Leute ohne Weiteres, die zufällig an den trüben Fenstern des Bethauses vorübergjengen und den Klang dieser Stimme vernahmen. Wer sollte ihn denn nicht kennen? Fünfundvierzig Jahre wohnte er in der Stadt, die er nicht auf eine Minute verliess. Und hätte er nur den fünfzigsten Theil seiner Eigenschaften und Eigenthümlichkeiten besessen, er musste eine jener Personen werden, die sich tief ins Gedächtnis ihrer jüdischen Mitbürger eingraben, deren Namen allen Lippen geläufig werden und sich im Laufe der Zeiten zu einer Typusbezeichnung, zu einem Begriffsnamen erheben. Ja an kl hatte keinen einzigen Verwandten in der ganzen Stadt. Seine Gehurt hatte den Tod seiner Mutter, einer Krämerin, zur Folge gehabt, und als er zwölf Jahre alt urde, starb ihm auch der Vater, der wegen seiner kabbalistischen Gelehrsamkeit eines Stadtruhms sich erfreute. Da nahm sich seiner ein armer Träger an, bei dem er seine Jugendjahre in Nofchdurft und Entbehrungen verbrachte. Man hörte nichts von ihm bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre, als er mit einnemmale und dann immer mehr und mehr von sich reden machte. Das erste, was damals an ihm auffiel, war die tiefrührende, seinem Alter gar nicht entsprechende Frömmigkeit, Entgegen dem Gebrauch der Beth-Hamidrasch-Besucher, die ihre Gebete auf- und abgehend, mit lauter, rasch recitierender Stimme verrichteten, sali man ihn gewöhnlich in einem Winkel stehen, den Kopf bewegungslos an die Wand gelehnt und heisse Thränen vergiessend. Manchmal durchlief ein Schauer seinen ganzen Körper, worauf dann ein heisses Schluchzen folgte. Wenn am heiligen Versöhnungstage die andächtig Betenden U’nethane fcaukef zu Ende weinten und in der tiefen darauffolgenden Stille den Vortrag des Vorbeters erwarteten, brachen plötzlich seine jammernden Töne hervor, sein gebrochenes Schluchzen, und man wusste: Jaankel betet. Man hat nie an seinem Thun und Lassen etwas entdecken können, das den Anforderungen und Gesetzen des „Schulchan - Aruch" zuwiderlief«;. Die unschuldigsten Märchen und Sagen des Talmuds waren ihm Dogmen. Sein Fl ei ss im Talmudstudium bildete oft das Stadtgespräch. Er soll achtzehn Stunden täglich studiert haben. Im Winter durchwachte er monatelang die Nächte, um sich dann wieder mit einer übermenschlichen Gier auf das Studium zu werfen. Man erzählte sich von ihm, dass er bereits dreimal den Talmud mit seinen Commentatoren durchstudiert habe, eine Arbeit, die nicht vielen Gelehrten in Israel gelang. Die Talmudjünger nannten ihn ihren Vater. Er schlichtete ihre Streitigkeiten, gab einem jeden zuvorkommende Auskunft über irgend eine schwierige Stelle, ohne sich jedoch jemandem anzuschliessen und mit ihm enger zu verkehren. Dieser letzte Umstand hat ihm in der ersten Zeit so manches Schmähwort eingebracht. Als aber bei jeder Gelegenheit seine Selbstlosigkeit, seiö£ ffer^ensgüte und sein Wohlwollen einem jeden Menschen gegenüber zutage traten, begegnete man ihm überall mit der strengsten Achtung. Sogar der Bethamidrasch-Vorstand, der ihn zu unterstützen beschloss, that dies in einer besonders zarten Form, indem er Jaankel mit einem zu diesem Zwecke neucreierten Amte eines ßibliothekscustos im Beth - Hamidrasch betraute, wofür er einige Gulden wöchentlich erhielt, aus denen er seihen Unterhalt bestritt. Er hatte sich nicht verheiratet. Dies war umso erstaunlicher, als die professionellen Heiratsvermittler ihm die besten Partien der Stadt antrugen, und er doch als Talmudgelehrter wohl wissen musste, dass unsere Weisen dem Manne die Heirat mit achtzehn Jahren als Pflicht auferlegen und einen ihrer bösesten Flüche über denjenigen ausstossen, der dieses ihr Gebot Übertritt. Man drang deshalb in ihn von allen Seiten, er aber erklärte seinen unerschütterlichen Entschluss, nicht heiraten zu wollen. Als einst eine Gesellschaft, mit dem ehrwürdigen Rabbi an der Spitze, um Mitternacht auf ihrem Heimwege von einer Hochzeit die Gasse passierte, in der sich das Beth- Hamidrasch befand, da drang die herrliche Stimme des lernenden Jaankel an ihr Ohr. Er las gerade jene denkwürdigen Seiten des Talmud, auf denen von den rohen Zerstörungen der Römer und ihrer unersättlichen Kriegswuth, von der todesmuthigen Tapferkeit der jüdischen Jünglinge und der makellosen Sittenreinheit der jüdischen Mädchen erzählt wird. Er sass ganz einsam und allein im unheimlich grossen Betsaale, und seine Stimme klang so traurig, so jammernd-melodiös, dass die draussen Stehenden in ihrem Innern erbebten und der greise Rabbi eine Thräne zwischen seinen Wimpern zerdrückte. „Der braucht nicht zu heiraten,“ sagte damals der Rabbiner, „er hat sich, wie jener denkwürdige Ben-Asai, der heiligen Thora auf ewig verlobt.“ Das innere Wesen seines Charakters war keinem Menschen bekannt, denn er hatte sich niemandem vertraut. Er sprach möglichst wenig und nie von sich. Man wusste nur soviel über ihn, dass er schon vor langen Jahren seinen Adoptivvater verliess, um sich bei einer alten Frau einzuquartieren, die auch für ihn kochte und die er mit seinem Gehalte bezahlte. Mehr nichts. So lebte er seinem Thorastudium, gut und wohlwollend gegen jeden Menschen, naiv, von dem heranwachsenden Geschlechte der Taimudjünger geliebt, von den Bürgern geehrt — als er plötzlich von neuem mit einem Schlage die ganze Stadt von sich reden machte. Man erblickte ihn nämlich einigemale, wie er in später Nachtstunde im Mondlichte an den Ufern der Weichsel unweit vom Schlosse nachdenkend auf und ab gl eng. Es ist dies, einer der schönsten Punkte der Stadt. Jenseits der Weichsel befindet sich ein Dorf, dessen herrliche Fluren von dem ruhig dahinfliessenden Strome sachte bespült werden. Diesseits erhebt sich das uralte Schloss, das wie ein Greis auf die sich ewig verjüngenden Wellen des Stromes herabsieht. Hundert Schritte weiter erblickt man die alte Kirche, auf deren Spitze unweit dem Kreuze das verrostete Schwert ist, mit dem der dreiste Polen-» könig den heiligen Stanislaus am Altäre durchbohrte. Es herrscht hier zur Nachtzeit eine unheimliche Ruhe. Nicht einmal die Weichselwogen verursachen irgendein Geräusch, sie fliessen in grösster Ruhe dahin, als würden sie sich ihrer That schämen, die sie hier einst vor mehr als einem Jahrtausend verübten, als sie der schönsten aller Jungfrauen, der Königstochter Wanda, das Leben rauhten. Und wie viele Menschenopfer hatten sie nicht seit jener Zeit gefordert? Wie viele unschuldige Mädchen sprangen nicht lustig in den