Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Article
- Jahrhundert-Ende?
- Date
- 1899-12-29
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die Hr Welt“ Nr. 52 Sieg davontrug. Da war es aus mit unseren Hoffnungen auf die befreienden Ergebnisse der Revolutionen, mit unserem Glauben an die verfassungsmässigen Errungenschaften, mit unserer grossen' Kinderthorheit der Assimilation. Heute wird niemand mehr sagen, Moses Mendelssohn und seine Schüler hätten die Juden in Deutschland fähig gemacht, jüdische Deutsche zu sein; es ist uns Juden zu drastisch klar gemacht worden, dass es eine höhnische contradictio in adjecto ist, wenn der Jude sich eine andere Nationalität anzuschminken beflissen ist, da er doch nur der einzigen zugehört, der jüdischen. Aber wie Spinoza trotz seines Abfalls, hat auch Mendelssohn trotz seines schönen Wahns uns Juden reif gemacht für die Cultur, und so können wir — wenn nun schon einmal nach Jahrhundert-Kriterien geforscht werden soll — von uns sagen, wir seien mit den Anderen auf der Bildungshöhe des neunzehnten Jahrhunderts angelangt aus eigener Kraft, trotz Ungemach und Enttäuschung, ganz allein vermöge des immanenten Givilisationstriebes, den wir vor zweitausend Jahren aus der Heimat mit uns hinausgerettet haben in die Bitternisse der Fremde. Und dieser immanente Givilisationstrieb ist unser erhaltendes Element. Man sagt, die Geistesgeschichte der Menschheit habe in diesem neunzehnten Jahrhundert ihre Physiognomie verändert. James Watt, Alexander v. Humboldt, Darwin, Helmholtz, Edison seien die neuen Glassiker. Nun wohl, auch für diese neue Welt haben wir Juden uns gerüstet, auch in ihr können wir uns als Bürger legitimieren. Hatten wir mit Spinoza den Antheil an der grossen Zeit der Erneuerung der Philosophie, mit Mendelssohn den an der herrlichen Aufklärungsepoche, so haben wir mit heissein Bemühen dafür gesorgt, dass auch die Epoche des Naturerkennens mit ihrer umwälzenden socialisierenden Kraft ans nicht theilnahmslos fand, wir haben uns in dem ganzen grossen Reiche der Gedanken und Triebe, welche den Inhalt des neunzehnten Jahrhunderts ausmachen, ehrlich das Bürgerrecht erarbeitet und verdient. Und so dürfen wir sagen-, es sei auch für uns nicht umsonst gewesen, dass die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts sich von den alten Idealen zu neuen, von der philosophisch-ästhetischen Weltbetrachtung zur, naturwissenschaftlichen, von der Metaphysik zur Technik sich kehrten. Wir schreiten rüstig mit auf der grossen Fortschritts Wanderung der Menschheit. Und dieses Bewusstsein hat sich unweit vor dem Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts in uns zu dem erneuten Glauben an unser Volksthum und an unser Heimatsrecht vergrössert. Für uns endet das neunzehnte Jahrhundert im Zeichen des Zionismus. Man missverstehe uns nicht! Das Judenthum hat die Zeiten überdauert durch den phänomenalen Trieb der Selbsterhaltung, aber dieser Trieb der Selbsterhaltung war und ist ja nichts anderes als die geschichtliche Mission, das Judenthum der Menschheit zu erhalten. Das Judenthum war die Geburtsstätte des Monotheismus, es ist das Protoplasma des Christenthums, und wie immer auch neue und künftige Gulturwandlungen sich gestalten mögen, sie werden unter der Antheilnahme des Judenthums sich vollziehen. Aber dieses Bewusstsein der eigenen Lebensnothwendigkeit im Vereine mit dem Bewusstsein der Daseinsnothwendigkeit des Judenthums für die anderen, das ist es, was den Inhalt des Zionismus ausmacht und diesen selbst zugleich als einen Theil der heutigen Civilisation kennzeichnet. Hat das Judenthum Veranlassung und Ursache, an der Jahrhundertwende betrachtend eine Weile stillzuhalten, so ist es nur, weil seit bald einem Decennium der Zionismus die Lebenskeime des Judenthums sammelt und wieder triebkräftig macht, weil er mit Einem Worte eine grosse sociale Erscheinung in der Reihe " der" übrigen socialen Phänomene darstellt. Man kann, wenn man will, die Jahrhundertbetrachtung an eine gewisse Paranomie anknüpfen, an die fast gesetzmässige Erscheinung, dass gegen das Jahrhundert-Ende stets eine Steigerung der lebendigen Menschheitskräfte sich bemerklich macht. Wir Juden könnten sagen: im Jahre 1492 Austreibung der Juden aus Spanien und. Verstärkung ihres Selbsterhaltungstriebes unter allen Völkern, 1690 Stabilierung des Volkssouveränitätsprincips durch den Oranier, in England, 1790 Erklärung der allgemeinen Menschenrechte. Und 1890 Zionismus. Ein Weg unter Thränen und Leid und Mühsal, aber ein Weg zu grossem Ziele, das näher gerückt ist, seitdem der Zionismus es aus dem Bereiche vager und platonischer Sehnsucht in den Bereich der energischen Thatsaehenbestrebung verpflanzt hat. Das erstarrende Judenthum hat der Zionismus mit der volkstümlichen und verjüngenden Empfindung neuen Lebens erfüllt. Das ist das grosse Phänomen der jüdischen Geschichte an dieser Jahrhundertwende. Symptome. Von Max Rotter. Von einem berühmten englischen Historiker stammt das Wort, dass man das charakteristische Wesen der Menschen wie der Zeit am besten aus — kleinen, unbedeutend scheinenden Zügen zu erkennen vermöge. Solche kaum beachtete, von niemandem kritisch gewürdigte Kleinigkeiten, die aber das Wesen des Antisemitismus, seine Bedeutung und seine Wirkungen in das grellste Licht stellen, bringt fast jeder Tag. Wir wollen heute einige davon herausgreifen, die äusserlich ganz verschieden voneinander, eine innerliche grosse Aehnlichkeit nicht verkennen lassen. Da meldeten einige Wiener Blätter von einer Verhandlung, in der ein Wiener Einspänner als Angeklagter erschien. Der Mann hatte einen Juden beleidigt. Daran wäre nun weder etwas Neues, noch etwas Bemerkenswertes. Der Comfortablekutscher hatte dem Manne, in dem er einen Juden zu erkennen glaubte, auch nicht darum seine Missachtung ausgedrückt, weil er mit dem „Trinkgeld“ nach gethaner Fahrt unzufrieden gewesen. Soweit war es gar nicht gekommen. Nein, er hatte einfach erklärt, dass er einen Juden überhaupt nicht fahre. Dass der Kutscher bei dieser principiellen Erklärung ein häufig auch von Parlamentariern benütztes Epitheton Omans taxfrei für den Juden hatte, mag für den Strafrichter besonders in Betracht gekommen sein, als das Wichtigere und Bedeutsamere erscheint uns aber jedenfalls die principielle Fahrtverweigerung, selbst wenn sie in den diplomatischesten Wendungen erfolgt wäre. Also es gibt in Wien auch schon Comfortablekutscher, die auf dem Standplatze, oder wie es sonst richtiger heisst, auf dem Standpunkte stehen, dass der Jude ein Mensch zweiter Glasse ist, der Gott danken soll, wenn man ihn gehen lässt, von dem es aber eine Anmassung ist, wenn er das Recht beansprucht, für sein Geld zu fahren. Der landläufige Antisemitismus erstreckt sich gewöhnlich darauf, dass man den Juden boycottiert und alles versucht, um ihm den Erwerb abzuschneiden. Man hätte meinen sollen, dass diese von dem Prinzen Liechtenstein vertretene Art des Boycotts an Schärfe und Härte nicht übertroffen werden könnte. Das kindliche Gemüth des Rosselenkers fand, was die führenden Geister der Antisemiten nicht erkannt hatten, dass man nämlich auch das Geld des Juden verschmähen müsse. Dass ein