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Die Welt · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
52 (29.12.1899)
Article
Jahrhundert-Ende?
Date
1899-12-29
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. RpyUÖQnrPlQP" 0 6 St erreich- Ungarn: ganzjährig 6 fl. -----12 Kr., halbjährig 3 fl. ----- 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- UvAUgdpiuiuvi land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Ct. Nr. 52 Wien, 29. December 1899. 3. Jahrgang Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile SO kr. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 15 kr. <►-♦ --♦ Redaction und Administration: WIEN IX., Tilrkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. *—-4> SHr* Nachdem mit Jahresschluss eine sehr grosse Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Jahrhundert-Ende? Von 0. Erter. Ob das zwanzigste Jahrhundert am 1. Jänner 1900 oder am 1. Jänner 1901 beginnt, darüber ist ein heftiger Streit entbrannt. Man kann sich schwer etwas Unhistorischeres denken als diese Conlro verse. Für die geschichtliche Entwicklung der Menschheit bedeutet sie gar nichts, und für diejenigen, die aus dem einen Jahrhundert in das andere hinüberleben, handelt es sich um nichts mehr als um einen mechanischen Abschnitt, höchstens um einen Locus memorialis. Das Jahr 476, in welchem das weströmische Reich unter dem letzten Stosse zusammenbrach, das Jahr 1492, in welchem Amerika entdeckt wurde, das Jahr 1789 mit der Erstürmung der Bastille waren einschneidende historische Etappen, aber sie schieden nicht zwei Jahrhunderte voneinander, sondern eine Menschheitsära von der anderen. Die Zeit ist an und für sich nichts als eine Kategorie, nur als Maas und Aufeinandei folge der Ereignisse liat sie einen Inhalt. Wer sich am Abende des 3l. December, sei es 1899 oder 1900, zu Bette legt und am Anderen Morgen sich erhebt, wird nicht zu einem anderen, weil das Jahrhundert gewechselt hat; nur eine astronomische, nicht eine historische Thatsache vollzieht sich unter dem Geläute der Sylvesterglocken. Aus unserem Ideenkreise heraus können wir deshalb den Streit um das Jahrhundert-Ende gelassen beobachten, denn zu ausschliesslich historischer Betrachtung ist kein Volk der Erde durch die Geschichte selbst so sehr erzogen und prädestiniert, wie das jüdische. Wir zählen nach Jahrtausenden und haben an uns erfahren, wie wenig der Wechsel der Jahrhunderte unser Geschick veränderte; in unserem geschichtlichen Leben galt ein Jahrhundert wirklich niemals mehr als eine qualvolle Verlängerung von Leid und Demüthigung, seitdem wir als Fremdlinge über die Welt verstreut sind. Wir können von welchem Jahre {.immer beginnen und von hundert zu hundert zählen' •es ist stets das Nämliche. So wenig wie die grossen Daten der Menschheit, fallen die unseivn mit den Säcularwechseln zusammen. Soll aber nur ein Standpunkt gewonnen sein, von dem aus sich über ein Slück Geschichte Rückschau halten lässt, nun, so mag immerhin der Moment, in welchem ein Jahrhundert von dem anderen abgelöst wird, dazu geeignet sein, vorausgesetzt, dass man sieh dabei bewusst bleibt, es sei damit eben nichts weiter erreicht, als wenn man auf der Wanderung rastbedürftig den Stock iu dm Erdboden stösst und, einen Augenblick verschnaufend, den Blick umherschweren lässt. Gewaltig genug hat das neunzehnte Jahrhundert, begonnen; es war kein banaler, sondern ein sehr ambitiöser Scherz Heinrich Heines, dass er, von dmi französischen Gelehrten Philarete Chasles um eine autobiographische Notiz ersucht, schrieb, er sei der erste Mann des Jahrhunderts, weil am 1. Jänner 1800 geboren. Der Dichter log ein wenig, aber die Lüge war eine grosse Schmeichelei für das Jahrhundert. Europa siand in Brand, als dasselbe einsetzte, doch es war eines jener furchtbar schönen Feuer, bei deren Anblick man erschauert, ohne die Augen ab wen den zu können. Ein Brandopfer auf dem Altäre der allgemeinen Menschenrechte. Die Historiker beginnen die Geschichte der neuen Zeit mit dem Datum der Entdeckung Amerikas, das zugleich das Datum der Austreibung der Juden aus Spanien ist und dem Anfänge des sechzehnten Jahrhunderts vorangeht. Warum sollten wir Juden uns nicht daran erinnern, dass das Datum der Erklärung der Menschenrechte durch die französische Nationalversammlung den Beginn der Geschichte der neuesten Zeit bezeichnet und dem Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts vorangeht? Für uns Juden erwies es sich nachträglich als bittere Täuschung, dass wir die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte auch auf uns bezogen; aber der schöne Wahn dauerte doch an die siebzig Jahre und mehr. So wie er sich an der Niedersetzung der jüdischen Notabienversammlung und des Synhedrions in dem Bonaparte’schen Frankreich entzündete, so ist er verglommen, als mit der Niederwerfung des zweiten napoleonischen Kaiserreiches der Nationalismus über den Kosmopolitismus den entscheidenden

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