Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Article
Die Rassentheorie des Prinzen von Oréans
Date
1899-12-22
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315848-3393135--16588-3393278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite Z Nr. 51 „Die # Welt« Prinzen von Orleans Gompagniegeschäfte zu machen unternahmen, hat er wahrhaftig kein Recht, die Rasse zu schmähen, deren integre, moralisch und geistig achtenswerte Mitglieder derzeit sammt und sonders zu den Gegnern des Prinzen von Orleans zählen. Wegen eines Monsieur Meyer und einer Madame Porges — das sind ja die verkommenen Abkömmlinge der jüdischen Rasse — deren intimen Verkehr Se. Hoheit suchte oder fand, soll die ganze jüdische Rasse sich das Brandmal der Verworfenheit auf die Stirne drücken lassen? 0 nein, ein solches dreistes Attentat auf die Ehre des ganzen Judenthums muss mit aller Entschiedenheit und mit aller Entrüstung zurückgewiesen werden, möge es von wem immer versucht werden. Die beschimpften Juden werden freilich selbst eine Entschuldigung für den Prinzen von Orleans gelten lassen müssen. Er handelt an den Juden, wie man an den Juden eben zu allen Zeiten handeln zu dürfen glaubte. Und nicht allein so verächtliche Subjecte wie Arthur Meyer, die nicht nur der Moral, sondern dem Judenthum und seiner Religion längst den Rücken zugekehrt hatten, erfuhren in dem Augenblicke, wo man ihrer nicht mehr bedurfte, die Behandlung, wie sie der Prinz von Orleans ihm angedeihen lässt. Dieses Schicksal theilen die Auswürflinge mit den edlen und sittlich reinen Juden. Auch diese duldete man nur, wenn man ihrer Dienste bedurfte, man kannte auch sie als Freunde und Bundesgenossen nur so lange, bis man den Augenblick gekommen wähnte, wo man sie nicht mehr kennen musste. Das ist gemeinsames Schicksal aller Juden, in dieser Beziehung erfahren sie früher oder später alle eine gleichmässige Würdigung, mögen sie niedrig und verächtlich wie Arthur Meyer oder sittlich hochstehend wie — Lasker, Fischhof, Cremieux sein. Das höhnische, missachtende Urtheil über die jüdische Rasse ist bald bei der Hand, man spricht es erbarmungslos aus, ohne Milderungsgründe gelten zu lassen, ohne zu bedenken, dass es die Rasse ist, der nicht nur die grössten Gestalten des alten wie des neuen Testamentes, sondern so viele ruhmvolle Erscheinungen späterer Zeiten angehören. Die Rassentheorie des Prinzen Philipp von Orleans, so hässlich und unvernünftig sie auch sein mag, erfreut sich in den weitesten Kreisen einer ausserordentlichen Wertschätzung. Verjudet. Von 8. T. Wenn einer heule das Wort „Jude“ ganz laut, ohne Scheu ausspricht, so ist er ein Zionist oder ein Antisemit. Aber wenn zwei das Gleiche thun, ist es noch nicht dasselbe. Der eine will damit documentieren, dass er sich nicht von seiner Art losgelöst hat, der andere hat gewöhnlich „schimpfliche“ Absichten. Man schreitet in der Wortbildung fort und sagt: das ist jüdisch. Und ab und zu hört man auch klagen, dass „alles veijudet sei“. Verjudet? Was bedeutet das? Verdeutschen heisst ins Deutsche übersetzen, den Sinn kann es nicht haben. Dann hat es wohl den anderen Sinn. Nämlich, dass irgendwo sich das jüdische Element breitgemacht, dass Hoch und Niedrig unter jüdischem Einfluss stehe, dass alle Aemter von Juden besetzt und alle Würden und Titel an Juden vergeben würden. In solchen verjudeten Gegenden tritt gewöhnlich die merkwürdige Gestalt des Judenknechtes auf. Was ein Judenknecht ist? Man könnte wohl im Anfänge an den christlichen Sabbathdiener denken, der zur Zeit des vollkommenen Ghettos am Sabbath alle die Verrichtungen besorgte, welche selbst zu thun den Frommen und Orthodoxen Gesetz und Tradition verboten. Aber das ist er nicht. Schon deshalb nicht, weil heute die meisten Juden am Samstage arbeiten oder auch nicht arbeiten und sich nicht mehr um die Gesetze des Säbbatlis kümmern, folglich auch keinen Sabbathdiener brauchen. Der Judenknecht ist ein Christ, ein Vertreter der anderen Welt. Man darf ihn aber nicht mit jenen Nichtjuden identifizieren, die, unbeeinflusst vom allgemeinen Irrthum und Hasse, sich in jüdischen Fragen ein gerechtes, ehrliches Urtheil bewahrt haben, und deshalb von der gedankenlosen Menge als „Judenknechte“ bezeichnet werden. Das ist nicht der Judenknecht, den ich meine. Dieser ist ein echter und rechter Antisemit, der, meist aus materiellen Gründen, aus dem Feindeslager übergieng. Im Kreise der Juden ist er hochgeschätzt als echter Christ. (Denn ein Jude, der zum Christenthum Übertritt, ist ja bloss ein „Getaufter“.) Er fühlt sich als Hahn im Korbe, und führ ein Dasein, das man ein recht lustiges nennen könnte, wenn es nicht ob seiner Lächerlichkeit ein recht trauriges wäre. Seine beständige Redensart ist: Ja, wenn alle Juden so wären wie Sie ... Er ist ein echter, überzeugter Antisemitt denn er kennt die Juden nur von ihrer Ghettoseite, die ihre minderschöne ist. Er sagt den Juden seiner Umgebung alle möglichen Sottisen und Frechheiten, er sagt ihnen antisemitische Beleidigungen, man nimmt alles freundlich an; er hat ja recht ... So tyrannisiert der Judenknecht. In der christlichen oder nichtjüdischen Gesellschaft muss er für diesen Judendienst büssen. Sie behandelt ihn als Fahnenflüchtigen, als Verräther an der guten oder Judensache. Und wie im Mittelalter der entehrt war, der ehrloses Volk, den Stöcker, den Henker, berührte, so wird auch er als entehrt angesehen. Also bedeutet demnach das Wort „verjudet“ nichts absonderlich Gutes? Es ist wohl synonym mit den Worten „corrumpiert“, „verkommen“, „verunreinigt“ und ähnlichem? Was ist da die Ursache? Um diese zu finden, wollen wir die Verjudung an Ort und Stelle untersuchen. In den hohen und höchsten Classen finden sich wenig Juden. Der hohe Adel ist judenrein. Zwar versuchen es einzelne mosaische Mitbürger, sich auf Grund eines Taufzeugnisses in die Aristokratie einzuschmuggeln. Aber man kann da nicht von zahlreichen Fällen sprechen, trotzdem reich gezahlt wird. Im uniformierten, im Staatsdienst, sowohl civilen, als militären, schaut es nicht viel anders aus. Die hohen Beamten und Officiere bezieht man überhaupt nur aus bevorzugten Familien. Es bleiben also die mittleren und niederen Rangclassen. Zu den niederen lässt man den Juden gerne bei. Er stiehlt also seinen armen christlichen Mitbewerbern das Brot? Man beruhigt sich. Der Jude wird immer nur im Nothfalle genommen. Will nun so ein jüdischer Beamter oder Officier es etwas weiter bringen, so zeigt man ihm keineswegs ganz öffentlich das Kreuz und sagt: In hoc signo vinces. Nein, so ehrlich ist man nicht. Man lässt den jüdischen Beamten oder Officier kommen und sagt ihm unter drei Augen, eines drückt man gnädig zu: Sie sind ein sehr begabter Mensch, der es sehr weit bringen kann, aber, Sie verstehen, es gibt gewisse Rücksichten, — es ist ja wirklich ein Unsinn, darauf was zu geben, aber die Leute sind einmal so, Sie verstehen doch . . . In den meisten Fällen „versteht“ der junge Beamte oder Officier, und die Kirche hat ein Schäflein mehr. Aber dieses neue Schäflein wird von seinen Mitschäflein durchaus nicht christlich und liebevoll empfangen. Die Christen haben vor dem Getauften stets den Vortritt. Und so kommt der junge Beamte oder Officier aus dem Regen in die Traufe. Die Gelehrtenrepublik bleibt dem Juden gleichfalls verschlossen. Der Weg vom Assistenten bis zum Ausserordentlichen ist für ihn hundertmal so beschwerlich als für andere. Und wird er schliesslich ungetauft Ordentlicher, so fühlt er sich doch im Kreise de* christlichen Co liegen als Ausserordentlicher. Es versteht sich von selbst, dass der Jude auch hundertmal soviel Talent, hundertmal soviel Protection haben muss.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.