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Die Welt · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
50 (15.12.1899)
Article
Die Judenfrage und die Bagdad-Bahn
Date
1899-12-15
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 50 Seite 2 „Die H ohne dass sie ihr Gewissen mit der Schmach der: ungeheuren Cutturwidrigkeit der Jüdenpeinigung zu belasten brauch eh.. r Wie zu diesem Ziele zu gelangen ist, kann man au£ mancherlei Fingerzeigen entnehmen, welche die Cuitur selbst auf den neuen Wegen, die sie einschlagt, mit geradezuüberraschender Deutlichkeit darbietet. Ein solcher Fingerzeig ist die Coneessionierung der Bagdad-Bahn, deren Bau demnächst beginnen wird. Diese Balm von zweitausend Kilometern wird zwischen dem Mittelländischen Meere und dem persischen Golf eine directe Verbindung hersteilen, sie wird der europäischen Arbeit ein gewaltiges Gebiet erschHessen. Man weiss, dass England sich schon seit dreissig Jahren vergebens bemühte, zu dieser Errichtung des kürzesten Weges nach Indien die Zustimmung des Sultans zu erlangen, dass der russische Concessionswerber Graf Kapnist, dem englischen Interesse entgegenarbeitend, in Constantinopel die Bewilligung eines Schienenstranges vom Kaspischen Meere zum persischen Golf beirieb, dass aber schliesslich das deutsche Capital den Sieg davontrug. Dieser Sieg ist ersichtlich ein Sieg des' Culturinteresses üb£r das politische Interesse, denn Deutschland sucht keine territoriale Expansion in jenen Gegenden, es will nur dem Handel und Verkehre der Wett ein nrnies Culturgebiet eröffnen, wobei es sich selbst die'Priorität sichert. In die Cultursphäre der Bagdad-Bahn fallen aber uralte Gebiete der Cuitur, die nur der Gang der Geschichte seit zwei Jahrtausenden seitwärts liegen liess, so dass sie nothwendig verkümmerten. Die Bagdad- Balm wird Mesopotamien durchschneiden und nicht ohne Anschluss nach Palästina bleiben können. Das ist eine grandiose Perspective. Aus dem Schlafe soll geweckt werden, was lange vereinsamt und verarmt war, mit der goldenen Wünscheiruthe der Cuitur. Doch das grosse Werk kann nicht verlieissungs1; oller in Angriff genommen werden als dadurch, dass es einsetzt, wo sich ihm die historischen Uebcrlieferungen zur Anknüpfung darbieten. Und diese historischen Ueberlieferungen weisen deutlich genug auf die Juden hin, welche nicht aufgehört haben, die Cuitur des Occidents in ,sich aulzunelimen, und darum j<lzt am geeignetsten sind, sie im Orient, in ihrer geschichtlichen Heimstätte als Bürger und Pionniere dem geliebten Boden einzupflanzen. Die Juden als Sendboten der Cuitur werden kein territoriales und kein Machtinteresse irgendeiner einzelnen Macht vertreten, sie repräsentieren, politisch betrachtet, im eminentesten Sinne das neutrale Weltbürgerthum. Eben deshalb vereinigen sie in sich alle Bedingungen, um in erster Reihe und insbesondere auf dem Boden ihrer alten Heimat erfolgreich an der Verwirklichung des grossen Culturgedankens mitzuarbeiten, der sich anschickt, auf der Locomotive die Erstatten der Wellcivilisation zu durchfahren, sie für dieselbe zurückzugewinnen. Auch dieser Zusammenhang, den man fürwahr nicht erst künstlich zu construieren nöthig hat, zeigt, dass die Judenfrage eine Weltfrage ist. Als solche aber reicht sie über alle Sonderkampfe hinaus. Nicht dort, wo die Culturschande von Rennes und Polna möglich ist, haben die Juden ihr Bürgerthum zu suchen. Erst wenn sie mit dem alten Spruche werden sagen dürfen: „Musst mir meine Hütte doch lassen stehen, die Du nicht gebaut*4, erst dann wird die Judenfrage in dem idealen Cultursinne gelöst sein, in welchem der Gedanke der Bagdad-Bahn gereift, und gerade von derjenigen Seite verwirklicht worden ist, wo ihm am J Weit44 wenigsten der Antrieb des selbstsüchtigen. Machtinteresses supponiert werden kan n. Kaiser Franz Joseph über die antisemitischen Excesse. In den allgemeinen Audienzen wurde an* M* Deeember vormittags in der Wiener HofburgTOter^äUderen der Rabbiner der Prager israelitischen Cultusgemeinde, Dr. Alexander K i s c h, vom Kaiser empfangen. Doctor Ki sc h war gekommen, um dem .Monarchen: -füx die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes: mit der Krone den Dank zu sagen. Als der Rabbiner, der seinen Ornat trug, ins Audienzzimmer eingeti eten war, bat er - den Kaiser um die Erlaubnis, das Haupt bedecken und den von der mosaischen Religion vorgeschriebenen Segen sprechen zu dürfen. Der Kaiser ertheilte die Erlaubnis, und der Rabbiner sprach, zuerst in deutscher, dann in hebräischer Sprache, die Worte : * Der göttlichen Majestät Abglanz und reichster Segen ruhe stets auf dem Haupte Eurer Majestät.“ Der Kaiser dankte, und Dr. Ki sch sprach seinen Dank für die Auszeichnung raus,worauf der Monarch erwiderte: „Ich habe Sie sehr gerne ausgezeichnet, denn Ich -kenne Ihre Lozmlit ät und ihre: Verdienste, namentlich um die Prager Garnison.“ Dry Kisch sagte nun: „Diesen Dank empfinden meine Glaubensgenossen in meinem engeren Vaterland Böhmen in diesen schweren Tagen mit mir, da die Gnade Eurer Majestät allein ihnen Trost bietet.“ Der Kaiser erwiderte darauf: „Ja, Ihre Glaubensgenossen haben jetzt schwere Tage, aber es ist schon besser geworden.“ „Ja, sie haben schwere Tage, Majestät,“ sagte Dr. Kisch, und der Kaiser fuhr fort: „Ich bin sehr empört über diese Rohheiten.“ Der Monarch wiederholte dann das Wort: .„über diese R o h h e i t44. Docl or Kisch bat um die Erlaubnis, diese gnädigen Worte seinen Glaubensgenossen mittheilen zu dürfen, und der Kaiser sagte zu ihm: „Ich bitte, thun Sie das.“ Damit war die Audienz beendet. Moriz Lazarus. (Zu seinem Doctorjubiläum.) Von Max Aram. Moriz Lazarus, der Honorarprofessor an der Berliner Universität und Geheime Regierüngsrath, der unlängst sein fünfzigjähriges Doclorj ubiläum feierte und aus diesem Anlässe vom Akademischen Vereine für jüdische Geschichte und Literatur zum Ehrenmitglieds ernannt wurde, sagt irgendwo: „Nationale Einheit ist nicht von Natur gegeben und nicht durch rein objective Merkmale fest begrenzt, sondern sie wird durch geistige Thät und historisches Leben erst erzeugt und muss durch gleichartiges und gemeinsames ethisches Wollen -unaufhörlich erneut werden. Würde man es nicht lächerlich finden, wenn jemand behaupten wollte, dass Kant der deutschen Nation nicht angehöre, weil er von Abstammung ein Schotte war? Seine Voreltern, sogar sein Vater noch hatte sich auch „Cant“ geschrieben. Das Judenthum aber ist in dem nämlichen Sinne wie das Christenthum deutsch. Die deutschen Juden sind deutsch-national, denn wir erleben keine andere Geschichte als die Geschichte des deutschen Volkes; was ihm zuliebe und zuleide geschah, seine Sorgen, Kämpfe und Triumphe sind auch die unseligen, seit das Staatsgrundgesetz uns zu vollen Bürgern des Landes gemacht hat. Im Felde haben wir mitgekämpft, in den Parlamenten mitberathen, derweil auch auf den comrmmalen Rathsstühlengesessen, in den Laboratorien'■•mitgearbeitet, in den Krankenhäusern mitgeheilt und mitgepflegt, auf den Kathedern mitgelehrt. Aber auch an allen nationafeh Werken

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