Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Article
- Die Judenfrage und die Bagdad-Bahn
- Date
- 1899-12-15
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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4--—;-i Redaction * Erscheint jeden Freitag. 4 >-1-;-* Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petitzeile WIEN an die Redaction oder Administration : Wien, IX., Der Inseratentheil IX., Türkenstrasse Nr. 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. wird Dienstag abends geschlossen. Telephon 14199. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. ♦---1 > Manuscripte nicht zurückgesendet. < >-*-<► R A7I1 dcnroicD1 Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. ---- 12 Kr., halbjährig 3 fl. *= 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DO/mgoJJI ulou» land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig. 17 Frcs.. halbjährig 8 Fr cs. 50 Gts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Kr. 50 Wien, 15. December 1899. 3. Jahrgang Nachdem mit Jahresschluss eine sehr grosse Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzetig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Reflectanten auf Einbanddecken des Jahrganges 1899 wollen Bestellungen bis Mitte De« ember anmelden und gleichzeitig den entfallenden Geldbetrag einsenden. Dia Einbanddecke kostet fl. 1.20^ hierzu Porto für Oesterre.ch-Ungarn und Deutschland 15 kr., für das u rige Ausland 33 kr. — Auch sind noch einige Einbanddecken pro Jahrgang 1899 vorräthig. Die Administration. Die Judenfrage und die Bagdad-Bahn. Von 6. Marcus. Die Judenfrage ist eine Weltfrage. Darüber gü t es keinen Streit. Aber sie nimmt unter den Weltfragen einen ganz eigentümlichen Platz ein, weil sie zugleich die objectiven und die subjectiven Merkmale eines über die ganze Welt ausgedehnten Problems besitzt, was nicht von allen sogenannten Weltfragen behauptet werden kann. Die Juden sind über die Welt zerstreut. Man findet sie als Kaufleute in Wladiwostok, als Goldgräber inKondyke und Transvaal, als Thierhändler in Kassala, als Commissionäre in Hammerfest. Ihr Verhältnis im und zum Staate ist überall ein Thema, um das man sich nicht mit Stillschweigen und Hinwegsehen herumdrücken kann. Es ist dabei ganz gleichgiltig, ob es sich um einen constitutl mell oder absolutistisch regierten Staat, um eine nationale oder föderalistische Republik bandelt. Aber mit dem Geschicke der Juden selbst, mit der Verschiedenheit der Behandlung, die ihnen zutheil wird, ist das Problem nicht erschöpft. Es fragt sicl^ auch, ob die Juden aus der geschichtlich gewordenen Gesellschaftsordnung, aus dem Handel und Wandel, aus der Reihe der productiven Elemente hinweggedacht werden können, ohne dass eine klaffende Lücke entsteht, und .auf diese Frage hat noch niemand eine decidiert bejahende Antwort zu geben gewagt. Man kann im Gegmtheile bemerken, dass überall eine grosse Scheu vorhanden ist, sich nach dieser Richtung hin mit dem Judenproblem auseinanderzusetzen. Auch die wüthendsten Antisemiten und Nationalisten sagen nicht: „Wir wollen die Juden austreiben;“ sie sagen nur: „Die Juden sollen mit uns nicht Recht und Wohlfahrt theilen.“ Das ist es aber, was die Juden nicht wollen und nicht wollen können. Und darum hat der Zionismus, der keine Secte, sondern der wahre Ausdruck des Judenthums ist, die Forderung formuliert, dass den Juden, die nicht bleiben wollen oder können, wo ihnen Recht und Wohlfahrt versagt sind, auf dem Boden ihrer alten Heimat eine rechtlich-gesicherte Heimstätte eingeräumt werde. Es gibt keine gradlinigere Logik und keinen unzerreißbareren Causalnexus. Wenn, wie die Philosophen sagen, der Grad der Wirkung dem Grade der Ursache ent-pricht, so wird niemand behaupten können, dass das von dem Zionismus angestrebte Mittel dem Uebel, dem es abhelfen soll, nicht völlig angepasst sei. Die Judenfrage ist aber nicht, wie die meisten übrigen Weltlragen, eine Machtfrage. Sie ist ganz und gar eine Culturfrage. Nicht von Macht zu Macht kann sie gelöst werden, sondern alle Mächte werden früher oder später zu ihrer Lösung sich vereinigen müssen, weil sie dazu durch die Unwiderstehlichkeit des Culturbedürfnisses genöthigt sein werden. Man kann Neger und Kulis hin- und herschieben, ohne sich viel darum zu kümmern, ob Recht und Menschlichkeit dabei zu erröthen Ursache haben; aber die Juden sind ein Theil der heutigen Gulturwelt, sie haben zu dem ethischen und moralischen Fundamente derselben die Grundsteine geliefert, sie sind mit ihr im Gange der geschichtlichen Ereignisse geistig und materiell so sehr verwachsen, dass es — ein umgekehrter Spruch der Porzia — nicht möglich ist, dieses Pfund Fleisch aus der Gulturwelt hei auszuschneiden, ohne dieselbe der Gefahr der Verblutung auszusetzen. Es wird nun also, wie sehr man sich auch sträuben mag, ein Weg der Lösung gefunden werden müssen, kraft welcher das Wertelement, welches die Juden in der allgemeinen Cultur darstellen, für diese erhalten, zugleich aber dem Rechte, das sie beanspruchen, Rechnung getragen wird. Nicht bloss im Interesse der Juden, sondern im Interesse aller. Mit anderen Worten: Was der Zionismus als Lösung anstrebt, bedeutet, dass nicht bloss den Juden um ihretwillen eine rechtlich-gesicherte Heimstätte zu freier und menschenwürdiger Entfaltung eingeräumt werde, sondern auch um der anderen willen, denen die jüdische Culturarbeit zustatten kommen wird,