Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Colonialpolitik
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die 2$ Welt44 in ihren bisherigen Positionen von offener Gewalt und von einem viel wirksameren stillen Boycott bedroht sind, ist diese Lage eine fürchterliche und nach schleuniger Abhilfe drängende. Der Wiener „Figaro1* hat sich bei der Persiflierung des Zionistencongresses den Witz geleistet, die Juden hätten sich so stark vermehrt, dass sie schliesslich sich selbst zuviel geworden sind, und dass sie deshalb den Zionismus erfunden haben, um die überlästigen Stammesgenossen nach Palästina zu exportieren. Wir’ wissen, dass nicht die materielle Noth, sondern vor allem die ethischnationale Noth des Judenthums den Gedanken des Zionismus gezeitigt und gefördeit hat, aber die Wahrnehmung, dass den ethischen Gedanken starke socialökonomische Triebfedern unterstützen, macht den Zionismus nicht lächerlich, sondern nur noch ernsthafter. Ja, der „Figaro“ hat ein klein wenig recht, es sind zuviel Juden in Oesterreich, selbst für uns zuviel. Die Zustände im jüdischen Zwischenhandel sind bekannt, die Zustände im Aerzte- und Juristenproletariat, in der Lage der jüdischen Lehrer, der erbitterte Wettbewerb der jüdischen Journalistik, in der Mann gegen Mann kämpft und der in Oesterreich einen blutigen Ton hervorgebracht hat, dem man nirgends sonst, ausser vielleicht in den südamerikanischen Räuberrepubliken begegnet, sind unerträglich geworden. Die Oesterreich er, welche zur Auswanderung gezwungen sind, gerathen mangels einer Auswanderungs-Organisation, mangels eines Stützpunktes in der Heimat und infolge der Unkenntnis der fremden Sprachen sehr oft in die Lage, nach jahrelangen Mühsaien noch ärmer als vorher zurückzukehren, um zuhause die proletarische Reservearmee zu vermehren. Es gibt auf dem ganzen Erdenrund kein Land, in dem die fiscalischen Abzüge vom Arbeitslohn in Form von Mietssteuern, Gebäudesteuern, Verzehrungssteuern. Staatsmonopolen und Gebüren so hoch sind, wie in Oesterreich, und kein Land, in welchem so niedrige Durchschnittslöhne gezahlt werden. Eine planmässige Colonisation, welehe von einer vorbereitenden Centralstelle ausgeht und über genügende Mittel verfügt, begegnet nirgends so günstigen natürlichen Vorbedingungen wie in Oesterreich. Sie ist deshalb, gleich gütig ob sie in Palästina gelingen wird oder nicht, ein latentes Bedürfnis — nicht nur für die Juden — und eine drängende Aufgabe für die österreichische Socialpolitik. Alle anderen Heilmiitel, welche die allzu zahlreichen politischen Doctoren Oesterreichs vorgeschlagen haben, sind nutzlos oder schädlich und nur dadurch möglich geworden, dass die politische Discussion in Oesterreich ausschliesslich aus liederlichem, persönlichem Geschwätz besteht und die sogenannten volkswirtschaftlichen Schriftsteller meisthin nur Stilisten flusch euge wordene Alpine-Actien und dergleichen sind. Während von allen Nachbarländern ökonomische Eroberungszüge nach den entlegensten Gebieten der Erde organisiert werden, wird bei uns geschwätzt und gespielt. Der Sinn für erspriessliche Arbeit ist unter dem Drucke der Verhältnisse in weiten Volkskreisen zurückgegangen und eine ganze Generation von jungen Leuten träumt von keiner anderen Hoffnung, als von einem Haupttreffer oder einer guten Partie. Und so wie bei den einzelnen die impulsive Thatkraft sich in verträumte Apathie verwandelt hat, so sieht man in Oesterreich ganze Völker in unmöglichen Hoffnungen dahintaumeln. Die einen träumen davon, durch die Majorisierung eines ganzen Volkes ein (in wirtschaftlicher Beziehung wünschenswertes, aber durch Gewalt unmöglich zu erlangendes) Staatsrecht aufzurichten, andere wieder glauben einen wirtschaftlichen Aufschwung nur durch das Eingreifen des reichen Onkels in Berlin an- Nr. 0 bahnen zu können. Kein Mensch, bedenkt, dass Mße österreichische Landwirtschaft, welche den Zollsc&ptz dringender nöthig hat als die deutsche, durch die Aufhebung der Zollschranken einen schweren Schlag :verleiden würde und dass die Industrie betteln gehfen könnte. Wenn Deutsche, welche wenig Gelegenheit, haben, sich in Fragen ökonomischer Natur zu vertiefen, glauben, eine auswärtige Macht, welche unsere stärkste Rivalin auf industriellem Gebiete ist, wollte und könnte bei uns den erträumten „Aufschwung“, den sich niemand concret vorstellen kann, durchführen, so ist das entschuldbar. Dass aber viele Juden, welche mitten im Wirtschaftsleben stehen, ähnlichen Gedanken anhängeii, ist nur durch die unpolitische Oberflächlichkeit, welche sich zumeist in Personenfragen erschöpft, erklärlich. In Oesterreich muss colonisiert werden, nach innen und nach aussen, nach innen brauchen wir eine Golonie thatkräftiger Pionniere, welche das Land aus seiner wirtschaftlichen Lethargie aufrütteln, nach aussen eine Golonie, die unsere Ueherzähligen aufnehmen kann. Wir brauchen alle — nicht nur die Juden — Colonien, aus materiellen und aus ethischen Gründen. Gelingt es, in Palästina einen Platz für die Bethätigung der überschüssigen jüdischen Volkskraft zu finden, so wird das sittliche und körperliche Niveau unserer Rasse gehoben werden, bei den Ausgewanderten sowohl als bei den Zurückgebliebenen. Orlöans-Guörin-Porges & Co. Von A. 6. v. Suttner. Es stehen uns aus den Untersuchungen des Pariser Staatsgerichtshofes noch allerhand hübsche, kleine Ueberraschungen bevor, eine jedoch ist uns schon zu allem Anfang verkündet worden, nämlich: der Bestand eines Syndieates, das die Aufgabe hatte, für den bedürftigen Prätendenten durch Geldsammlungen und Anhängerkauf den Boden vorzubereiten. Der Geiz und die Geldgier der Orleans ist ja längst sprichwörtlich geworden. Lange konnte man es ihnen in Frankreich nicht verzeihen, dass sie zur Zeit der höchsten Noth, nach den Niederlagen des Jahres 1870, ihre Entschädigungsansprüche aufrecht erhielten und auch geltend machten. Tm gegenwärtigen Thronprätendenten verleugnet sich die Herkunft nicht. Ei* möchte um sein Leben gern König werden — aber die Kosten sollen andere tragen, und so wurden denn seine getreuen Agenten ermächtigt, bei allen jenen französischen „Patrioten“ schnorren zu gehen, die aus einem künftigen Königthum irgendwelche Vortheile für sich herausschlagen zu können glaubten. Mit einer halben Million Francs dachte man. die Arbeiterparteien bestechen und noch soviel erübrigen zu können, um dem Buffo Guerin, der das orieanistisch-antisemitische Fort Ohabrot bis zum Einzuge des „roy“ zu halten hatte, unter die Arme zu greifen. Der tapfere Herzog selbst schlich mittlerweile, wie die Katze um den Brei, um Frankreich herum; bald war er an der südfranzösischen Grenze, bald an der bretonischen. bald in Belgien, bald wieder anderswo — aber nie wagte er es, die Pfote in die Schüssel zu setzen: der Brei mochte ihm denn doch zu heiss scheinen. Die versprechendsten Depeschen seiner Getreuen vermochten den Operetten-Staatsstreiehler nicht zu bewegen, dem Feuer zu nahe zu kommen, und als die „Affaire“ eine für diese Gesellschaft unerwünschte Wendung nahm, packte der edle Prinz schleunigst seinen Reisesack und zog sich in die Niederungen Ungarns auf das Gut seines Schwiegervaters zurück, wohin der Arm des Staatsgerichtshofes unter keinen Umständen zu reichen vermag.