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Die Welt · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Article
Colonialpolitik
Date
1899-12-08
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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4 ...4 Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. ♦-i> Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. 4-4 Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 15 kr. <>--♦ RwndcmrflicA ■ Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. — 12 Kr., halbjährig 3 ü. ----- 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch« LK/ZiUgupl tüuUa land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 49 Wien, 8. December 1899. 3. Jahrgang Colonialpolitik. Von Rudolf Kohn-Schlackenwerth. Wir Zionisten versuchen Colonialpolitik — ohne Mutterland. Wir Juden haben ja kein Mutterland, höchstens ein Stiefmutterland. Wo immer wir unseren Platz im Hause, der uns ebenso wie den anderen Landeskindern zukommt, für uns haben wollen, wirft man uns scheele Blicke zu und leistet uns activen oder passiven Widerstand. Solche Colonisationsversuche ohne Mutterland sind keineswegs neu; die englischen Puritaner, welche, von religiösen Impulsen getrieben, Nordamerika besiedelten, die protestantischen Emigranten, welche als verfolgte Protestanten die französische Industrie nach dem damaligen industriell und verwaltungstechnisch etwa der heutigen Türkei vergleichbaren Deutschland brachten, zuletzt die holländischen Buren, deren nationale Bedrängnis im Caplande am meisten dem Schicksale der Juden gleicht, sie haben alle ihr Mutterland ohne Brücken hinter sich verlassen. Und der Erfolg hat ihnen recht gegeben, denn nur diejenige Colonialpolitik hat eine gesicherte ökonomische Basis, welche — die Colonisationsfäliigkeit des Zielpunktes vorausgesetzt — auf einem drängenden Bedürfnisse nach Auswanderung gegründet ist. Colonisationspolitik als Machtpolitik zur Befriedigung des Landkartenappetits festländischer Expansionspolitiker hat im vorigen Jahrhundert in Nordamerika, später in allen spanischen und portugiesischen Colonien in Südamerika, Westindien, Afrika und überall sonst schwere Niederlagen erlitten und wird voraussichtlich noch weitere Loslösungen stärker gewordener Niederlassungen vom Mutterlande zeitigen. Die modernste Art der Colonisation endlich, die Erstürmung chinesischer Zollmauern und die Eröffnung neuer Absatzgebiete für die heimische Production kommt für uns nicht in Betracht. Ueber die Colonisationsfähigkeit von Palästina habe ich nicht zu urtheilen, aber über das passive Colonisationsbedürfnis in Oesterreich ist noch einiges ungesagt geblieben. Oesterreich ist nämlich unter allen mitteleuropäischen Staaten vielleicht der relativ übervölkertste. Infolge des hierdurch — nicht nur unter den Juden — verschärften und verbitterten Concurrenzkampfes sind die Verhältnisse auf den meisten Wirtschaftsgebieten, soweit nicht eine Cartellierung dem vorgebeugt hat, geradezu unerträglich geworden. Alle Berufe und insbesondere die den Juden zugänglichen Berufe sind überfüllt, und die dadurch hervorgerufenen Reibungen haben in Gebieten, in denen der Wettbewerb sonst in milderen Formen auftrat, in den sogenannten liberalen Berufen, Erscheinungen gezeitigt, welche beschämend wirken und den Anschein erweckt haben, als ob nur das Ueberhandnehmen der Juden in gewissen Berufen die Ursache des Niederganges in den Standesgewohnheiten sei. Es ist auch nothwendig, die Täuschung zu verlassen, als ob es damit in absehbarer Zeit erheblich besser werden könnte. Man redet jetzt viel und schreibt noch mehr von beabsichtigter Exportförderung, von dem bevorstehenden industriellen Aufschwung und dergleichen, aber es liesse sich ziemlich leicht nachweisen, dass die vorgeschlagenen Massnahmen diesen Zweck keineswegs erreichen werden. Man vergisst eben, dass die industrielle Rückständigkeit Oesterreichs und sein Export von nichts als Brotfrüchten und Producten der landwirtschaftlichen Industrien neben den hohen indirecten und directen Abgaben vom Lohngulden, vom Materialwert und vom Unternehmergewinn auch in tiefer liegenden natürlichen Productions- und Verkehrsverhältnissen die Ursache findet. Ein Land, welches seine besseren Kohlen und Goakes mehr als 500 Kilometer weit von Westfalen und Schlesien beziehen muss, wird in gewissen wichtigen Industrien niemals einen grösseren Export erzielen können, wenn ihr nicht durch sogenannte Schutzzölle, die in Wirklichkeit Sperrzölle darstellen, die Consumenten des Inlandes ausgeliefert werden. Mit dem Fortfallen der Möglichkeit, einen gewinnbringenden Industrieexport für Oesterreich zu etablieren, entfällt aber für Oesterreich die Möglichkeit, eine wesentlich grössere Bevölkerung zu ernähren, weil der bestehende Import von Industrieartikeln zu klein ist, um bloss durch seine Vernichtung eine wesentliche Besserung der Verhältnisse erhoffen zu lassen. Wenn also die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes keine günstigen Aussichten verheisst, so ist das für alle Oesterreicher betrübend, für die Juden aber am schlimmsten. Für die Juden, die überall in der Welt nur diejenigen Plätze occupieren, welche ihnen die anderen übrig gelassen haben, für die Juden, die auch

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