Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- Bar-Kochba
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 Seite 14 „Die "s^Welt“ „Der Geist”'— eiti schönes Wort — ist eben Geist nur. Doch soll er zu Volksscharen feurig sprechen Und soll verjüngen er der Erde Antlitz, So muss Gestalt annehmen er; lind welcher Gestalt bedarf er, wenn er herrschen soll? Der Kraft, der Macht! Wie aussert die sich nun? Durch Körperliches — Heimat nennen wir's Und Volk — um von dem Glauben nicht zu reden. — Doch auch der Glaube selbst wird suchen die Verkörperung der eigenen Symbole Dereinst in Kraft und Herrschaft; nenne das, Wie du selbst willst. — Was sagst du mir darauf? Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) „Unser Talmudist soll sprechen, unser Jerusalemite“, hiess es. Chajim wurde in die Mitte der Gruppe geführt, hinter seiner hohen Gestalt schritt der Waisenknabe mit der Holzhacke auf der Schulter wie der Knappe hinter dem Ritter. Er wagte es kaum aufzuschauen. Dicht vor ihm stand — Mirjam. Nun musste sie ihn sehen. Sie fuhr lebhaft auf, als sein bleich gewordenes Gesicht im Mondens che in auf tauchte. „Vater, Vater, das ist der junge Talmudist, der Tante Rosens kleine Taube zum Doctor getragen hat! Ich hab’ ihm schon damals gesagt, dass er in die Colonien gehen soll. — Das ist schön, das ist sehr schön, dass Sie gekommen sind, das freut mich!" Sie reichte ihm die Rechte und er, er griff nach dem kleinen Händchen — er konnte sie doch hier nicht beschämen und es als Sünde erklären. „Ihr Bekannter wird ein tüchtiger Arbeiter“, rühmten die Männer von Rechobot. Sie drückte ihm warm die Hand. „Das freut mich." — Er aber stand stumm und fand kein Wort der Entgegnung. Doch gegen die Rückkehr zu Pferde sprach er sich entschieden aus. „Die Angst der Frauen", wurde ihm eingewendet. „Man sendet einen Boten." „Wo sollen all die Männer Unterkommen für den Sabbath?" Grosses Hailoh unter den Frauen von Kattra. „Man wird schon Platz finden!" Da entschied aber der Administrator wie folgt: „Wir reiten heim, denn wenn künftig wieder einmal am Sabbath die Nachricht kommt, dass Brüder in Noth sind, dann wird niemand ihnen zuhilfe eilen, aus Furcht, den Sabbath über seiner Famil ie fern bleiben zu müssen." Die Entscheidung wurde mit grossem Gelächter angehört, aber gerne als vernünftig und praktisch angenommen. Nur Chajim wollte nicht nochmals den Sabbath entweihen, seiner harrte auch niemand in Rechobot. Er blieb, und der Waisenknabe mochte sich unter keiner Bedingung von ihm trennen. „Deine Frau wird böse sein", redete ihm Chajim zu. „Sie ist nie sehr gut." »Aber sie wird Dich davonjagen.“ „So, glauben Sie? Dann bleib' ich erst recht da. Hier braucht man jetzt zur Lese Arbeiter; ich will keine Magd sein, ich will ein Arbeiter werden, ein Bauer, ein Colonist." Mirjams Vater lud Chajim und den Knaben zu sich. Es gab keinen Widerstand. Die anderen Colonisten schienen Kattowitz den Vorrang zu lassen,., konnte ersieh weigern, ein Haus zu betreten, dessen Insassen er nicht ganz fremd war, ja, die ihm mit einem Gefühl des Dankes gegenübertraten? Und das andere, das konnte er schon gar nicht sagen. Die Sünde. Ja, war es Sünde? Hatte er nicht ein schönes, feierliches Gefühl empfunden, als er ihr Händchen drückte? So sabbathmässig, friedlich war es in seinem Herzen gewesen, als er die zarten Finger in seiner Hand fühlte. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte nochmals das weiche Händchen gedrückt, gestreichelt. Sie sass ihm gegenüber in der feiertägiglich beleuchteten Stube, freudig lächelnd, unbefangen plaudernd, stets bemüht, den Gast zu unterhalten. Die drei Brüder wurden vorgestellt. „Wissen Sie, meine Brüder, von denen ich in Jerusalem sprach, die Stützen des Hauses Kattowitz. Dies hier der Cultivateur von dreissigtausend Reben, Ihr Namensvetter, gerade so schweigsam wie Sie. Nur im Weingarten, da wird er redselig, da erzählt er Ihnen die Lebensgeschichte einer jeden Rebe und Schemuel und Moscheh, seine stillen Zöglinge, tollen darin herum, wie die jungen Füllen." * ,jHalt", gebot der Vater lächelnd, „heute ist Sabbath über alle Welt, Gottesfriede, von Geschäften sei keine Rede zwischen uns. Wir wollen uns am Gottes>vort und an der Gotteslehre erfreuen.“ „Ja, lieber Vater", warf die Tochter ein, „aber dann bitte ich, dass wir über Kilajim und Ofiah discutieren. Das sind Fragen, die uns direct an gehen- ' Chajim suchte gar nicht sein Erstaunen zu verbergen. „Sie interessieren sich für den Talmud, Sie verstehen-“ Mirjam lächelte schelmisch. „Vater war ja Melamed in Charkow. Ich hörte von Jugend auf Tag um Tag Bibel, Raschi und Talmud vortragen. Ist es da ein Wunder, wenn ich nach und nach Interesse für die alten, heiligen Bücher fand? Hebräisch wurde von jeher im Hause gesprochen. Als ich heran wuchs, in den Achtzigerjahren, wurde in Russland damit begonnen, Hebräisch auch als Umgangssprache zu pflegen. So ist es mir leicht geworden, mit Vater und Bruder Chajim manchen harten Strauss auf diesem Gebiete auszufechten.“ „Ja, aber sie ist eine heillose Rationalistin“, schmälte der Vater, „das heisst, sie sucht die heiligen Gebote Gottes nur auf natürlichem Wege zu erklären." „Es sind auch grösstentheils G es undheits Vorschriften und Wohlfahrtseinrichtungen im religiösen Gewände“, entgegnen sie. ... Die Mutter, eine zarte Frau ruhigen Wesens, kam herein und stellte Backwerk, Trauben, Melonen und grüne Mandeln auf den Tisch, „Hier thuet Gott, unserem Hause und den Gaben des Feldes-Ehre an. Das ist auch eine fromme Handlung.“ Sie strich mit einer runden Bewegung über den Tisch. „Das ist alles uns von Gott beschert, auf eigenem Boden gewachsen — auf seinem Boden.“ Ein frommer Blick zog hinauf zum Himmel. Die Tochter stand auf und streichelte der Mutter Gesicht. Die beiden Frauen waren sich ähnlich von Angesicht, nur das Mirjam des Vaters Lebhaftigkeit geerbt hatte. Mit hastiger Bewegung umfasste sie die Mutter, drückte sie an sich und küsste sie auf Stirn und W an gen. Plötzlich aber war es, als besänne sie sich, sie wurde feuerroth, blickte verlegen nach.Chajim und setzte sich wortlos nieder. Es entstand eine Pause im Gespräche, die Herr Kattowitz benützte, um, die strittigen Talmudtractate zur Sprache zu bringen. Der Tractat Orlah gebietet, dass der Jude vom Obstbaume und von der Rebe in den ersten drei Jahren keine Frucht geniesse. .Diese Vorschrift hatten die Colonisten genau befolgt, in den ersten drei Jahren wurden die wenigen Trauben, die heranreiften, vernichtet. Nun wurden aber abgestorbene Reben durch Schösslinge ersetzt, das heisst, man grub einen Zweig der nächsten Rebe in die Erde und schnitt ihn erst ab, bis er Wurzel geschlagen hatte. Die Frage stand nun so: Ist dies eine neue Pflanze, deren Frucht man drei Jahre nicht gemessen darf, oder ist es als Th eil einer alten Rebe zu betrachten, die der Orlah nicht mehr unterliegt? Herr Kattowitz und Chajim suchten im Wortsinne, in der Satzstellung und in der Erläuterung der Commentätoren eine Entscheidung, bis Mirjam sich in die Debatte mengte. Sie versuchte die Gründe für dieses Gesetz darzuiegen. „Der Gesetzgeber wollte offenbar, dass die Bäume und Reben in den ersten Jahren fleissig geschnitten werden, damit sie Kräfte sammeln für die. eigentliche Fruchtzeit, die erst nach drei Jahren ein tritt. Damit niemand versucht werde, Raubbau zu treiben und alle Triebe stehen zu. lassen, um etwa ein paar Trauben mehr zu erhalten, verbot er den Genuss dieser Früchte. Doch diese Frage ist recht unwichtig. Was bis zu drei Jahren wächst, ist kaum der Rede wert, und die Schösslinge sind selten. Viel ernster, denke ich, ist die Frage des Kilajim. Man soll nach dem. Gesetze nicht Getreide zwischen Obst oder Wein säen. Auch dieses Gesetz ist praktisch zu erklären. Wenn der Wein gut gedeihen soll, dann muss er alle Kräfte des Bodens zur Verfügung haben, so lehren die Agronomen, und so sagt Bruder Chajim. Als die deutschen Colonisten der Templergemeinde, die als Christen unsere Gesetze nicht kennen, Getreide zwischen die Reben säeten, war ihr Wein so geringwertig, dass sie es später unterlassen." „Die Frage ist aber für uns sehr wichtig," warf der Vater ein. „Wir wollen nämlich zur Verbesserung des Bodens.Lupinen in den Gärten säen, um sie dann einzuackern, weil die Gründüngung jetzt von allen Agronomen sehr empföhlen wird. Die Rabbinen sind dagegen, sie halten sich an das Wort." - „Das is der Fehler unserer ganzen G-esefzesauslegung," eiferte Mirjam.