Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- Bar-Kochba
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 48 „Die A Weit“ Seite 13 lesen, dass ein Mathematikprofessor, Dirichlet, ein Schwiegersohn des geistreichen Mendelssohn 'sehen Hauses in Berlin, nach einer Aufführung von Goethes „Iphigenie“ gefragt habe: „Was beweist das?“ Man darf aber wirklich als ein Ketzer skeptisch vor dem Grundsätze des l'art pour l’art stehen. Man darf sich fragen, woher denn die Geberheblichkeit und masslos ausgebreitete Subjectivität eines modernen Dichtetlebens ihre Berechtigung nehmen, wenn ehedem einfache Handwerksburschen oder Scholaren neben der Erfüllung ihres eingeschränkten, gemeinverständlichen, privaten Daseins so wundersame unerreichte Lieder sangen als: „Heute muss ich fort von hier und muss Abschied nehmen. . . oder: „Zu Strassburg auf der Schanz’ . . . .“, oder: „Es steht ein Baum im Odenwald . . . oder: „Wenn ich ein Vöglein war’ . . .; wenn selbst Dramatiker wie Calderon und Shakespeare ihr Talent nur als eine erfreuliche Hand- und Geistfertigkeit wie jede andere und nicht als eine Complicierung ihres privaten Lebens betrachteten. Wenn dergestalt also schon das private goldene Alltagsdasein bedeutsamer erscheint, als eine geistige Fertigkeit mit ihren tausend und abertausend Feinheiten, um wieviel mehr das politische und sociale Dasein, das in der neueren Zeit sich so mächtig über das private erhoben hat. Der Grundsatz des l’art pour l’art hat sich am besten den decadenten^oeten angeschmiegt, die in unserer Epoche fin de siede doch überaus zahlreich sind. Die neurasthenischen Knaben aber, die vielleicht Zuckerwasser einem kräftigen Trünke bayrischen Bieres und süsse Speisen derbem, würzigem Fleische vorziehen, müssen mit all ihrem feinen ästhetischen Sinn doch vor den turnfrohen nationalgesinnten Jünglingen zusammenknicken« Die leuchtende Gestalt Theodor Körners mag bei all der unerhörten Wertlosigkeit seiner nichtkriegerischen Dichtung noch wertvoller und sympathischer erscheinen, als etwa die eines der eunuchenhaften Brüder Schlegel, und es könnte geradezu peinlich berühren, wenn ein deutscher Literatur- Professor jetztnach der Reichsgründung nicht den nationalen Gehalt eines dichterischen Kunstwerkes hervorheben wollte. Zwischen diesen beiden Polen des Urtheils bleibt dem Betrachter zumeist nur die bange Wahl. Nur ein Shakespeare vermochte neben der subtilsten Psychologie und der mondscheinzartesten, hingehauchtesten Poesie noch eine Heinrich P e r cy-frische, gesundheitstrotzende Ritterlichkeit* und Männlichkeit zu geben und neben aller Freude am Behäbigen und Behaglichen des privaten Alltagsdaseins noch mit nationalen, ja beinahe chauvinistischen Versen in den Historien das königliche Britannien zu verherrlichen. Erst auf der Stirn des Uraniden leuchtet der vermählte Strahl. Sonst wird doch die literarische Tendenz jedes Zeitalters bestimmt durch die politischen und socialen Bedingungen. WH he Im Meister geht mit all seinen Wurzeln in das völlig unpolitische Deutschland des ausgehenden vorigen Jahrhunderts zurück. Schillers Dramen von der „Jungfrau von Orleans“ und „Wilhem Teil“ wurzeln mit ihrem nationalen Gehalte in def*Epoche, in der um Preussen Deutschlands spätere Grösse köünte. Ja, bei verschiedenen Nationen sind die Bedingungen für ein Geberwiegen der einen oder der anderen Tendenz zu einer und derselben Epoche verschieden. Für die deutsche Nation war durch die grossen Erfolge der Regierung Wilhelms des Grossen eine so echt künstlerische, artistische Literatur möglich geworden, wie sie der Naturalismus von L i l i e n c i o n bis Gerhard Ha u p t man n trotz aller socialistischen Velleitäten darstellte. Wenn nach Goethes bekanntem Worte Friedrich der-Grosse dadurch eine grosse Bedeutsamkeit für die deutsche Literatur gewonnen, dass er ihr durch seine Siege einen nationalen Gehalt gegeben, so B i s m a r c k dadurch, dass er die politischen Aufgaben der deutschen Nation endgiltig gelöst und ihr dergestalt sozusagen einen klaren Kopf für eine ästhetische Bethätigung geschaffeit. Hingegegen das Judenthum ist durch die Diaspora zur Zeit in einer so wunderlichen Lage, dass sein privates Alltagsdasein anerkennen, zugleich auf eine würdelose Weise die nationalen Afgaben des Volkes vergessen und verleugnen hiesse. Während sonst jede nationale Bewegung gerade das betriebsame, emsige Alltagsleben auf eine höhere Stufe heben und so consolidieren möchte, will die jüdisch-nationale Bewegung das Volk aus einem trägen, schwammigen Privatdasein, wie aus einer ägyptischen Knechtschaft hinausführen. Gnd so kann die Dichtung „Bar-Koch b a“*) des berühmten czechischen Dichtes Jaroslav V r c h 1 i c ky all denen, die an der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes hängen, gar nicht warm genug'.empfohlen-werden. Einzelnheiten mögen vielfach von einem rein künstlerischen Standpunkte aus zu bemängeln sein: sprachliche, technische. Man vermisst plastische Bilder und Gleichnisse und etwas von jener sprachlichen Prägnanz, die unser Entzücken bei Shakespeare oder Kleist oder Goethe bildet. Die Ruinen sprechen. (Auch bei Schiller sollen Steine redend zeugen; aber dies dürfte sein trivialstes Gedicht sein.) Die Sehnsucht des Volkes nach einem Messias wird breit und eigentlich allegorisch statt in einer concreten Situation dargestellt. Aber wie es hier schwer sein mag, den Namen Schiller im Busen zu bewahren, so sind, gerade wie bei Schiller, die Gleichnisse doch, wenn auch nicht von einer artistischen, so doch von einer grossen rethorischen Schönheit: Doch wie der Fluss auch unterm Eise strömt, So unter'm Druck der römischen Tyrannen Lebt unser Volk; wer kann’s verstummen machen? Wir sind, wir leben, athmen und wir fühlen. Vor dieser Mauer ist das Eis geborsten, I Ein Volk sind wieder wir — darin liegt alles. Die ganze sonnenhelle Reinheit des Idealisten leuchtet aus dieser Dichtung. Und eine hohe geistige Potenz kann doch auch über alle künstlerische hinausragen. Dass Ibsens „Catilina“ im Revolutionsjahre, also mehrere Jahre, bevor M o mm sen s grosses Werk erschienen war, den aristokratischen Verschwörer in einem menschlichen Lichte sah, bezeugt doch eine geistige Potenz, wenn auch die künstlerische noch sehr in Frage stehen mag. Zwar, was V.r c h 1 i c ky in der Vorrede an höchst instructiver historischer Einleitung gibt, gleicht Hamlets Worten an seinen Oheim: es sind nicht mehr seine. Dem Künstler bleibt eben verwehrt, anders zu reden, als indem er gestaltet. Wenn Shakespeare Jen Geist seines Cäsardramas blosslegfc, thut er es. indem er diese Explication von den wohlbeleibten Leuten mit glatten Köpfen, die des Nachts gut schlafen, dem Cäsar in zwanglosem Zusammenhänge in den Mund legt. Aber der czechisehe Poet streut auch im zwanglosen Verlaufe seiner Darstellung politische Weisheiten aus, die gerade für einen Nationaljüden von besonderem Interesse sind. Wie wird nicht gerade ein Zionist an die Vertreter der Messiasidee unter den Juden denken, wenn Bar-Kochba, „in tiefes Sinnen versunken“, dem Judas antwortet: Dann müsste schlecht ich doch die Menschen kennen, Die Zukunft wird’s beweisen, dass ich mich Nicht täusch’ und Recht in diesem Streite habe. Heut’ urtheilst weise du — ich glaub’s ja gern', Dass ihr dem Geiste gleicht, der über den Gewässern schwebt, nur seiner Sendung folgend. Wie lang doch währt das? Ihr seid Menschen auch, Gnd wenn aus euch der Mensch erst spricht einmal, Dann werdet ihr viel schlimmer sein als wir. *) Kraft- und ausdrucksvoll üeberselzt vorn G r a f e n VI ctor Hoos-Walde c k. — Dresden und Leipzig. E. P i e r s. o n s Verlag.