Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- Was unsere Söhne werden sollen
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 48 „Die H Welt“ nicht austreiben. Will der Staat — er nennt sich modern und ist doch uns gegenüber so wenig modern — will er uns alle Thüren sperren, die er uns auf dem Papier der Constitutionen geöffnet hat, versagt er uns, Universitätsprofessoren, Richter, Gymnasiallehrer zu werden, nun gut, so kann er uns doch nicht versagen, was wir von ihm nicht begehren! Noch zu Friedrichs cles Grossen Zeit konnte es geschehen, dass Moses Mendelssohn, der als junger Mann nach Berlin einwanderte, am Thore, das er, von Dessau kommend, zu passieren hatte, nach seinem Gewichte gewogen wurde, weil der Jude die gleiche Behandlung wie das importierte Vieh erfuhr. Aber die Weigerung, die Wahl Mendelssohns zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften zu bestätigen, hat doch nicht verhindern können, dass er für alle Zeit unter die Leuchten der deutschen Philosophie sich einreihte. Die sogenannte Omnipotenz des Staates hatte damals und sie hat auch heute ihre Grenzen. Der grundstürzenden socialen Evolution, in der wir uns befinden, der immensen Wirkung der fortgeschrittenen Naturergründung, welche die eigentliche Triebkraft der heutigen Weltpolitik bildet, kann auch der Staat, heisse er constitutioneile Monarchie oder absolutistische Autokratie oder Republik, nicht widerstehen, und das Deutsche Reich, das die Veränderung am raschesten begriffen hat, sucht sich ihr bereits zu accommodieren, indem es dem Techniker und Ingenieur den akademischen Grad des „Doctor-Ingenieurs“ geschaffen. Wie kann es anders sein? Mit Professoren, Richtern, Gymnasiallehrern, mit Advocaten und Medicinern kann man keine Golonien in fernen Meeren occupieren, keine Flotten bauen, keine Industrien schaffen. Der Techniker im ganzen Umfange des polytechnischen Erziehungsprogrammes, als Ingenieur und Fabrikschemiker, als Architekt und Maschinenbauer und Elektriker, marschiert an der Spitze der heutigen Wohlfahrtsentwicklung, und er klebt nicht wie der auf die Nostritication angewiesene Arzt, wie der Advocat an der Scholle, ihm, dem Freizügigen, steht die ganze Welt offen, weil die Welt seiner bedarf. Man fragt ihn nicht nach Nationalität, Rasse oder Confession, seine Tüchtigkeit ist sein Testimonium. Es kommt uns darum nicht enfernt in den Sinn, die Liebe unserer Söhne zur Wissenschaft und Lehre abzulenken oder zu ersticken. 0 nein, die werden auch weiter den gelehrten Facultäten nicht fernbleiben und sie sollen es nicht, wenn sie imstande sind, der Wissenschaft um der Wissenschaft willen zu leben. Aber wir haben unsere „Söhne der Armen“ im Auge, dieses kostbare Capital, das wir besitzen, und das wir nicht wollen sich zweck- und trostlos zerbröckeln lassen in ohnmächtigem Ringen mit den Vorurtheilen des Staates und der Gesellschaft. Auch die Technik ist Wissenschaft, modernste Wissenschaft mit der Zuthat des Könnens, die unentbehrlich geworden im Kampfe ums Dasein. Wenn in der traurigen Proletarisierung der Advocatur und der ärztlichen Kunst der Rückgang zum Handwerk wahrzunehmen ist, und zwar zu einem Handwerk, das doch nicht ohne die schweren Kosten gesellschaftlicher Repräsentation und akademischer Selbstachtung geübt werden kann, so ist der Techniker dagegen der wahre Kosmopolit, und bald wird er der erstgeborene Sohn im neuen Jahrhundert sein, denn die sociale Entwicklung, die fast märchenhafte Entfaltung von Handel, Industrie und Verkehr hat erst begonnen, ganze, grosse Welttheile warten der Segnungen der neuen Cultur, deren Pionnier der Techniker ist. Im grössten wie im kleinsten zeigt sich dies, der Techniker sieht uns über die Schulter, wenn wir durchs Telephon sprechen, an den Techniker denken wir, wenn von dem kolossalen Eisenbahnproject Alexandrien-Gapstadt die Rede ist, der Techniker steht vor unseren Augen, wenn uns die Ausbeutung der Kohlenschätze in Kiaotschau angepriesen wird. Damit ist aber für uns — und gerade für uns — die grosse Frage der Berufswahl unserer Söhne, welche unsere schwerste Sorge einschliesst, in die richtige Bahn gelenkt. Um die Zulassung zu den Staatsämtern zu betteln ist unwürdig und vergeblich, den Ueberschuss an Aerzten und Advocaten zu vermehren ist herostratisch, denn doppelt und dreifach harrt unserer Söhne die Sisyphusarbeit, weil sie Juden sind. Sollen wir es noch weiter und immer wieder ansehen, wiesle als Märtyrer des gehässigsten Vorurtheils sich aufreiben und verkümmern, „von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, und ringsumher ist schöne, grüne Weide.“ Man hat uns vom Ackerbau ferngehalten und dann die Unwahrheit geredet, dass wir zu ihm nicht taugen; wir haben das Gegentheil bewiesen. Man hat uns die Facultäten geöffnet und dann die Aemter versperrt, deren Bekleidung eine wissenschaftliche Vorbildung zur Prämisse hot. Man hat uns zum Militärdienste zugelassen, und das Portepee vor enthalten. Aber die Natur hat ihre Wunder aufgethan, und die Natur macht keinen Unterschied zwischen Rassen und Confessionen. Von dieser Wunderthätigkeit der Natur können wir Gebrauch machen, ohne uns taufen zu lassen. Die Technik ist die grosse Gleichmacherin, sie weiss nichts von jener traurigen Malthuslehre des gedeckten Tisches, an den nicht alle sich setzen dürfen. Die Technik, arbeitet nicht mit Menschensatzungen und mit Menschenwillkür, sondern mit den Gesetzen der Natur, sie verlangt nichts als Kenntnis, Ernst, Willenskraft, Rührigkeit, und darin, denken wir, können unsere Löhne es den anderen gleichthun. Unsere Techniker werden uns den Weg bahnen zu unseren Idealen, denn sie werden, wie die anderen, die Schrittmacher der Gultur sein. Unsere Söhne sind unser „heiliger Frühling“, sie sind auch unsere Zukunft. Wie eine Wunderblüte wird, auch uns mitten in unserer unseligen Bedrängnis die gewaltige Evolution erscheinen, welche zu einer neuen Weltordnung hindrängt. Zu dem Wissen, dessen sie bedart, steuern wir nach Kräften bei; das bezeugt unser Antheil an aller wissenschaftlichen Arbeit. Aber höher noch steht jetzt das Können im Preise, das Können der Technik, in welcher sich die Seele der heutigen Welt spiegelt. Auch an ihr, die frei und durch keine Vorurtheile beengt ist, wollen wir unseren Antheil haben, den ungeschmälerten Antheil, den wir uns verdienen können. Vertrauen wir ihr unsere Söhne an, sie wird an ihnen gut machen, was zwei Jahrtausende an uns gesündigt haben. Wie man Antisemitenführer wird. Wir verkünden keine neue welterschütternde Wahrheit, wenn wir sagen, es hat noch in jedem politischen Parteilager moralisch delecte Individuen gegeben, und es wird auch niemanden überraschen, zu hören, dass es auch Lumpen gibt, die gar keine politische Parteistellung haben. Das sind Thatsachen, die jeder kennt und niemand bestreitet. Aber ebenso wahr ist es, dass die politischen Parteien — mit einer einzigen Ausnahme — die erwähnten moralisch corrupten Personen, die sich an ihre Rockschösse anhängen, nur widerwillig dulden, dass sie sie am liebsten abschütteln würden. Man muss diesen moralisch schiffbrüchigen Leuten übrigens die Anerkennung zutheil werden lassen, dass sie für die niedrigen Handlanger-