Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- Was unsere Söhne werden sollen
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction un d A dministration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199, Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. ♦--* Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 15 kr. <►-<► RpyndonrAlOfl■ Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- OCAUgopivluCi land ganzjährig 18 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Ct. Nr. 48 Wien, I. December 1899 3. Jahrgang Reflectanten auf Einbanddecken des Jahrganges 1899 wollen Bestellungen bis Mitte December anmelden und gleichzeitig den entfallenden Geldbetrag einsenden. Die Einbanddecke kostet fl. 1.20, hierzu Porto für Oesterreich-Ungarn und Deutschland 15 kr., für das übrige Ausland 33 kr. Was unsere Söhne werden sollen. Von 0. Erter. Immer lauter und unabweislicher pocht eine grosse Frage an jede jüdische Thür. Es ist die Frage aller Fragen. Sie lautet: Welche Berufe stehen unserer Jugend offen, und welche soll sie wählen, um aus der Noth der Gegenwart zu einer hoffnungsvollen und gesicherten Zukunft zu gelangen? Zu sagen, wie in der echten jüdischen Familie das gesammte Leben aus der Liebe zu den Kindern und aus der Sorge um ihre Wohlfahrt quillt, wäre ein Gemeinplatz. Und darauf zu verweisen, dass auch der ärmste Jude den zärtlichen Ehrgeiz besitzt, seine Söhne in der geistigen sowohl wie in der materiellen Entwicklung über sich selbst hinauszuheben, ist überflüssig, denn dieses Phänomen ist als eine nationale Eigenschaft unseres Volkes weltkundig. Der Talmud spricht das schöne Wort: „Seht her, die Lehre geht von den Söhnen der Armen aus?' Sind aber wir nicht alle arm, wenn wir vor der Frage der Berufswahl für unsere Söhne stehen? Und gibt es einen Unterschied zwischen Reich und Arm angesichts dieser fundamentalsten unter allen unseren Lebensfragen? Das ganze Mittelalter hindurch bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein haben uns Gesetz, Geschichte, Politik nur die Wahl gelassen zwischen dem Handelsbetrieb und dem Betrieb unserer Lehre. Wir waren mit unserer Begabung und unser er Ausdauer darauf angewiesen, als Kauflente unser Dasein zu fristen, denn nicht einmal zum Handwerke Hessen uns die Innungen zu. Es war ein trauriges Dasein, von Feindschaft und Missgunst umbraudet, von Verfolgungen gepeinigt, und bis zum heutigen Tage trägt man es uns nach, dass wir zum Handel begabt sind, obgleich man weiss, dass er die einzige Berufs- und Erwerbsart war, die uns — und unter welchen Fahrlichkeiten! — gegönnt wurde. Dass nebstbei trolz alledem Gelehrte lind Dichter, die unter dem Strahle flüchtiger Hofgunst es sogar zu Staatsmännern und fürstlichen Leibärzten brachten, aus der dumpfen Atmosphäre des Jammers und der Verfolgung, die uns umgab, sich.emporarbeiteten, rechnet man uns nicht an, weil man uns überhaupt nichts anrechnet, woraus wir einen gerechten Anspruch herleiten können, als Gleiche betrachtet und behandelt zu werden. Als dann das Mittelalter zu Ende war — für uns Juden hat es ja in Wahrheit niemals geendet — kam der moderne Staat mit seinen Verfassungen, deren Grundstein die bürgerliche Gleichberechtigung ist. Auch für uns Juden? Als cjualificiert für die bürgerliche Gleichberechtigung haben wir uns erwiesen, denn wir stellten den Literaturen, den Künsten unvergessliche Talente zur Verfügung, wir lieferten den Universitäten Leuchten der Wissenschaft, und sogar eine Menge von Ministern war von unserem Blute, die freilich erst durch die Taufe ihre Eignung für Ministerfauteuils und Regierungsgeschäfte darthun mussten. Doch es nützte uns wenig, dass wir mit wahrem Feuereifer bestrebt waren, uns der verfassungsmässigen Gleichberechtigung würdig zu zeigen, dass unsere Söhne nicht bloss den gelehrten und bürgerlichen Berufen-zuströmten, sondern auch als tapfere Soldaten die Kriege milinachtcn; zum Wettkampfe um höhere Richterslellen und Verwaltungsposten Hess man sie auch in der Blütezeit der Assimilation nicht, heran, und jetzt sind ilinen schon lange alle Stellungen im Staate versperrt. Sie können als Advoeaten, als Aerzte ihre Ambilionen befriedigen; aber wie kümmerlich ist diese Befriedigung! ln den grossen Städten ist der Advbcat wie der Arzt durch die ungeheure Concurrenz zum mühseligen Proletarier herabgedrückt, auf dem flachen Lande gibt es überhaupt keine Stätte für ihn, denn dort ist er als Jude unablässig geschürtem Vorurtheil und Hass ausgelicfeii. Ja, nicht einmal der Handel bietet dem Juden mehr die Zuflucht vergangener Zeiten, denn es ist unterdess ein abgegriffener Mythus geworden, dass er im Handel den anderen überlegen sei; er findet an ilinen seine Meister. Wir sind aber trotz aller Bedrängnis nicht weniger bildungsbeflissen geworden, wir trachten nicht weniger, unsere Söhne mit allem auszustatten, was ihnen eine ehrenvolle und eine günstige Zukunft verbürgt. Man wird uns diese Natur mit der antisemitischen Heugabe