Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Article
- Die Menorah
- Date
- 1899-11-24
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315844-3392311--16071-3392392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 47 „Die Welt“ falten, wie sie das Volle niemals gesehen. Alles, was Vespasmn lind Titus an geraubten Schätzen aus dein fernen Osten gesammelt, sollte im Triumph vor ihnen berge! ra gyn werden. Götzenbilder aus kostbaren Materialien, wunderbar an Gestalt und Arbeit, behängt mit den seltensten Stoffen und babylonischen Spitzen. Drei- und vierstöckige Wagen mit goldenen Decken, auf denen die verschiedenen Episoden der Kämpfe dargestellt waren. Oben aut' der Spitze jedes Wagens stand der Befehlshaber der erroberten Stadt, wie er gefangen genommen worden. Eine Unzahl von Schiffen wurde ebenfalls im Zuge mitgeführt. ebenso eine Menge anderer geraubter Gegenstände. Vospasinn und Titus, mit Lorbeer gekrönt und in Purpur gekleidet, nahten heran, laut bejubelt von den Massen. Ein plötzliches Schweigen der Menge, als der letzte Th eil des Triumphzuges herankam. Gekleidet in Gewänder, welche die Wunden des Leibes verbergen sollten, nahten die jüdischen Gefangenen, unter ihnen Simon ben Gioras und .Johann von Giskala, ersterer mit einem Stricke um den Hals. Mit ihnen kamen andere jüdische Gefangene, die aus dem Tempel geraubten Heiligtlnimer tragend. Den goldenen Leuchter, den goldenen Tisch und die Gesetzestafeln. Das war das Grossartigste des ganzen Zuges. Der .Jubel verstummte, und ein ehrerbietiges Schweigen schien sich der Römer bemächtigt zu haben, als diese den Juden ge rau Iden Gegenstände vorbeigetragen wurden, so wenig gleich jenen der anderen Städte oder Völker. Die hohen, hageren Gestalten der Träger vergrößerten den Eindruck, und in der Stille, die (ringsherum herrschte, vernahm ich plötzlich eine ferne Stimme, die zu mir sprach: Folge uns! Gleichzeitig fühlte ich meine Füsse sich heben, und plötzlich war ich mitten in die Menge geschoben. Niemand schien von mir Notiz zu nehmen, so dass ich dem Zuge unangefochten und unhelästigt folgen konnte. Der Weg war nicht lang. Bald hatten wir den Tempel des Jupiter Capifcolinus erreicht, wo die Menge erwartete, dass man ihr an kündige, welche neue Menschenopfer in Aussicht ständen, wie es hei solchen Gelegenheiten Gebrauch war. Das Opfer, für diesen Tag bestimmt, war eben Simon ben Gioras, der General der Juden, den Titus zu diesem Zwecke aufgespart hatte. Die Menge jubelte vor Freude, als diese Neuigkeit bekannt wurde, und die beiden Kaiser zogen sich in ihren Palast zurück, wo die Kostbarkeiten medergelegt waren. Mittlerweile folgte ich den jüdischen Gefangenen und befand mich plötzlich in einem engen, unterirdischen Raume, dessen einzigen Eingang ein eisernes Gitter bildete, das gleichzeitig als Thüre, sowie um Luft und Licht ein treten zu lassen, diente. Es gieng auf einen schmalen Gang hinaus, der von oben sein Licht erhielt. Der Raum zeigte nur die nackten Wände. Auf dem Fussböden, in eine Ecke gekauert, der abgemagerte Körper Joch an an von Gi Skalas, unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten. Der Stolz und die Würde, die er während des Zuges gezeigt, waren geschwunden, nahezu hilflos lag er da, leise einige hebräische Verse aus der Bibel murmelnd. Von Zeit zu Zeit wurde die Stille unterbrochen durch das Gebrüll der wilden Thiore oder das Geschrei dar Menge. „Morgen endlich, das letzte Gefecht“ — war das erste Wort ries einen der Gefangenen. „Und mit vierfüssigen Thieron“, lautete die Antwort eines anderen. „Weniger teuflisch wie die menschlichen Bestien, die unser Blut mit ihren Augen trinken möchten“, klagte ein Dritter. „Wie einen Hund haben sie mich behandelt, die Schrecklichen, ein geschlossen hat man uns“, murmelte Jochanan. — Keine Thräne glitzerte in den Augen der Armen. Bei diesen Worten erst kam es mir in den Sinn, dass wir uns in den unterirdischen Gefängnissen des Colosseums befänden, und dass über uns das Gemetzel und die Abschlachtung von tausenden jüdischer Gefangenen stattfinden sollte im Kampfe mit wilden Thieren und anderen Gefangenen. Alles zur Freude und zum Ergötzen jener Römer, die den wirklichen Krieg nicht mitmachen konnten, die aber nach Blut dürsteten und nach dem Schauspiel des Thierkampfes in der Arena. Das also war das Schicksal, das der Gefangenen harrte, ein Verhängnis, dem schon zehntausend jüdische Gefangene zum Opfer gefallen. Der Fussboden war mit ihrem Blute getränkt. Das Gebrüll kam von einem Löwen, der sich in einem nahen Käfige befand, mit Ungeduld sein Opfer erwartend. Das Gejohle aber war jenes der Menge, die sich ins Amphitheater drängte. „Und er!“ rief plötzlich Jochanan. Alle wussten, wen er meinte, wenn er auch keinen Namen aussprach. Einen Augenblick war alles still, wie in einer Todtenkammer. Er verstand es und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. „Ach, wäre ich doch todt an Deiner statt, Simon,“ kam es dann murmelnd von seinen Uppen, „Das ist römischeMannestreue, römisches Manneswort! Das ist der Lohn für unsere Sünden! Gott ist gerecht und seine Wege sind voll Erbarmen! Wir sind zum Gespötte geworden unter den Heiden/ „Nein, Jochanan, nicht zum Gespött11, fiel ihm der Gefangene ins Wort, welcher die Menornh getragen hatte, „wir spotten ihrer und ihrer Götzen. Klebte ihnen nicht die Zunge am Gaumen, als sie uns gelängen nahmen? Erstarb nicht jeder Laut auf ihren Lippen? Erzitterten sie nicht im Angesichte der Gesetzestafeln?“ „Du warst immer ein muthigor Mann, Sohn des tapferen Mat hat ins. noch ist in Dir das alte Feuer der Hasmonäer nicht erloschen. Aber haben wir nicht unser Allerheiligstes den Blicken der Heiden ausgesetzt, nicht auf unseren Schultern die heiligen Gebisse in die Gefangenschaft gebracht?“ „In die Gefangenschatt? Niemals! Wahr, wir;siml ihre Gefangenen, aber nur unsere Leiber gehören ihnen,nie unser Geist, nie unser Gesetz. Während wir im Zuge gierigen, kam es mir vor, als wären wir die Sieger und sie die Besiegten. Ich fühlte, wie der Roden unter meinen Füssen erzitterte, aber ich merkte kaum das Gewicht der Menorah, es schien, als würde ich von langein unterstützt. Ich sah die Paläste hin- und herschwanken, die Tempel erzittern und erbeben, und ihre Säulen schienen, als ob sie vom Sturme schwankten wie die Räume des Waldes. Ihre Götzen fielen von den Riedestalen und ihre Statuen stürzten herab angesichts unserer Menorah. Ich fühlte, dass das Feuer, welches sie zu verlöschen suchten, nun erst recht entzündet war in den Herzen der ganzen jüdischen Nation, dass das Lieht, welches einst mein Vorvater Juda, der Hasmonäer. in dieser seihen Menorah, die ich auf meinen Schultern getragen, entzündet, über die ganze Welt sich ergossen und ein mächtiges Feuer entfacht, verzehrend die ganze Herrlichkeit dieses grausamen und heidnischen Roms. Der »Sieger, in seiner Verblendung, und um sie als Triumphstücke zu zeigen, brachte selbst das Zerstörungswerk seines Reiches mit sich, nicht bedenkend, dass unser Triumph den söhligen und den seiner Mithelfer überdauern wird. Dieses Colosseum, wo wir mit unserem Leben unseren Glauben besiegeln werden, unseren Glauben an Gott, der der Gott unserer Väter ist und der unserer Nachkommen in ungezählten Generationen, der der Gott der Gerechtigkeit ist und des Erbarmens — dieses Colosseum wird in Stücke fallen, die stolzen Paläste und Tempel werden dem Boden gleiohgemacht werden und nur Ruinen werden von ihrer alten Pracht erzählen. A b e r dieses L i c ht, d a s L i c h t u n s o r e r M e n o r a h wird n i e verlöschen \ " „Ist es nicht wunderbar“, fuhr er fort, „dass bis jetzt nur jüdische Hände die heiligen Gegenstände berührten, und selbst der Verräther, der sie aus dem brennenden Heiligthurae hinausgebracht, Jose Meschito, war ein Judo. Er wurde in Stücke gehauen zum Lohn für seinen Verrath.“ „Möge allen wie ihm geschehen“, warf Einer ein.