Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Article
- Wir siegen
- Date
- 1899-11-24
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 47 „Die H Weit?« Da stossen sie auf den ernsten Widerstand der wirtschaftlich geschulten Männer, die ihre Ideen kennen und lieben ohne deren letzte Consequenzen zu accepetieren und die Coalition der wirtschaftlichen Gegner, die Vereinigung der besitzenden Classen, vorerst der Arbeitsgeber, tritt ihnen entgegen. Auch uns Zionisten beehren sie mit ihrer Verfolgung, auch der jüdisch-nationale Gedanke wird bekämpft, obwohl die socialistisehe Partei in Oesterreich sich auf nationaler Basis constituiert hat und trotzdem sie sich bereit erklärte, die Rechte der Nationalitäten zu vertheidigen. Jede Gelegenheit wird von der socialistischen „Arbeiter-Zeitung“ benützt, um uns anzurempeln. Diesesmal ist es die merkwürdige Versammlung der „Israelitischen Union“. Warum darf es keine jüdische Nationalität geben? Weil so viele Juden leitende Stellungen in der socialdemokratischen Partei einnehmen? Gründe der Taktik? Vielleicht dieselben Gründe, die den Genossen Berner nöthigten, die Geplünderten von Holleschau als Ausbeuter zu stigmatisieren, seine jüdischen Brüder dem Pöbel zum Prasse hin zu werfen? Die Herren in der socialistischen Partei sind doch nicht so rückständig, dass sie nur den Arbeiter für productiv halten. Bringt der Händler der Gesammtwirtschaft denn gar keinen Nutzen? Erhöht er gar keine Werte? Und nehmen wir an, sie seien alle Ausbeuter im Sinne der socialistischen Lehre, diese Juden, können sie es ändern, können sie die Wirtschaftsordnung sprengen? Nur eines ist erfreulich in diesem kleinen journalistischen Ueberfäll : Die ..Arbeiter-Zeitung“ constatiert, dass die jüdischen Kleinbürger in ihrer Verwirrung und Rathlosigkeit sich dem jüdisch-nationalen Gedanken zu wen den. Und das ist wahr. Der Zionismus zieht siegreich ein in die Herzen der Juden. Die „Arbeiter-Zeitung“ soll uns hübsch in Ruhe lassen. Diese Bewegung kann sie nicht hindern — so wenig man die Entwicklung des socialen Gedankens unterdrücken könnte. Sie kann zur Rettung der jüdischen Massen gar nichts beitragen — es fehlen alle Grundlagen — vor allem jede Arbeitsgelegenheit. Wo nichts ist, aber schon gar nichts vorhanden ist, da hat auch der Kaiser sein Recht zerloren. Die Socialisten klagen, dass die Juden die wirtschaftlichen Ursachen der antisemitischen Bewegung misskennen. Nun, wir Zionisten sind doch die einzige Partei, die diese Bewegung historisch und wirtschaftlich erkannt hat. Nur sind unsere Folgerungen andere als jene der Socialisten. Es kann eine Me di ein alle Uebel nicht heilen. Wenn man die praktische Ausführung einer Idee bis in die äusserste Consequenz durchführen will, dann führt sie sich selbst ad absurdum, das sollten sich die Herren von der „Arbeiter-Zeitung“ merken. — Aber auch wir wollen davon lernen und nicht in die Fehler der Socialisten verfallen. Auch heimliche Siege — sind Siege und es ist manchmal recht klug, den Gegner gar nicht merken zu lassen, dass er sich ergeben hat. Y. Ein Freund Friedrichs des Grossen Uber den Rituaimord. Unter den Franzosen, die Friedrich der Grosse an seinen Hof zog, spielte eine hervorragende Rolle Marquis d’Argens. Der König schätzte den Franzosen nicht allein wegen der Gelehrsamkeit und der Schärfe des Geistes, die ihn auszeichnete, sondern insbesondere wegen des ausserordentlichen Freimuthes in seinen Ansichten und Reden. Der Marquis d’Argens gab bei mehr als einer Gelegenheit dem philosophischen König eine mehr geistvolle, als in den Grenzen der höfischen Etiquette sich bewegende Lection über wahre Vorurteilslosigkeit, und es ist bekannt, mit welcher Nachdrücklichkeit er die Sache des Philosophen Mendelssohn bei dem Freunde V oltaires vertrat. In seinen zahlreichen, jetzt kaum mehr gelesenen Werken kommt Marquis d’Argens häufig auf die Juden zu sprechen. Heute dürfte manches, was der vorurtheilslose Franzose im vorigen Jahrhundert zugunsten der Juden schrieb, geradezu actuelles Interesse erregen, und so sei hier einiges aus seinen „Chinesischen Briefen“, worin er seine Meinung über die Ritualmord-Beschuldigung ausspricht, mitgetheilt. Der Marquis schreibt unter anderem: „Wenn man einem italienischen Bischof Glauben beimessen darf, so sind die Juden unter Philipp dem Schönen grosser Verbrechen wegen aus Frankreich verbannt worden. Diese Beschuldigung wollen wir einmal genauer untersuchen, und wir werden finden, dass sie unbegründet und, bloss um den Geiz und die Habsucht Philipps des Schönen zu bemänteln, ersonnen worden ist. Erstlich wollen wir hören, was dieser Bischof*) sagt: „Im Jahre 130(5 wurden die Juden aus Frankreich verbannet, und alles ihr Vermögen fiel der öffentlichen Gasse anheim. Es ging dieses so weit, dass man ihnen weiter nichts, als einen alten abgenutzten Rock liess, und um dieselbe Zeit starben gewiss noch einmal so viele Juden, als ehemals aus Egypten gezogen sind. Die Ursache, warum Philipp der Schöne also mit ihnen verfuhr, bestund darinnen: Er hatte erfahren, dass sie alle Jahre, an dem Leidens- und Sterbenstage unseres Heilandes, den Christen ein Kind wegstehlen und es hernach in einer unterirdischen Höhle auf eine grausame Art hinrichten. Wer siebet nicht sogleich, dass die Begierde, den Juden das Ihrige zu nehmen und sie insgesammt dahin zu bringen, dass sie, nur mit einem schlechten Rocke bekleidet, aus dem Lande wandern sollen, mehr als zu hinreichend gewesen ist, um ihnen ein Verbrechen aufzubürden, woran sie nimmermehr gedacht hatten. Denn was haben doch die Juden davon, dass sie an dem Todestage Christi ein Kind opfern? Wo ist unter ihren Büchern eines, in welchem man auch nur die mindeste Spur von einer solchen Gewohnheit findet? Was hat überdies ein solches lächerliches Opfer für einen Endzweck, welches durch die vornehmsten Gebote des mosaiischen Gesetzes ausdrücklich verboten ist? Ist es wohl jemals erhört worden, dass die Juden zu der Zeit, da es ihnen f r e i s t u n d, in dem Tempel zu J erusale m zu opfern, irgend einen Heiden geopfert haben? Und nun sollen sie heutzutage Menschenblut vergiessen. da es ihnen sogar Thier6 zu opfern vermöge ihrer Religion verboten ist, worinnen ihnen ausdrücklich verordnet wird, dass sie ausserhalb Jerusalems durchaus nicht das Blut der Opferthiere vergiessen sollen? Man muss in der T h a t entweder blödsinnig oder von Vorurtheilen eingenommen sein, w e n n man sich v o r s t e 111, dass dergleichen Erzählungen einigen Grund haben.... Vielleicht wirst Du wohl etvvan fragen : „Wenn die Juden ganz unschuldig gewesen wären, woher kam es denn, dass man sie aus dem Lande verwies und ihnen den Verlust ihrer Güter zuerkannte? Es waren gerade eben die Ursachen, die zu dem Verderben der Tempelherren Anlass gaben, nämlich das Verlangen, welches Philipp in sich empfand, ihr Vermögen in seine Hände zu bekommen. Alle neueren Schriftsteller stimmen heutzutage miteinander hierin überein, dass die Verbrechen, die man diesen unglücklichen Rittern zuerkannte, ebenso lächerlich als abscheulich waren.“ Marquis d’Argens bespricht im weiteren die grauenhaften Verfolgungen, welche Juden wegen der wahnwitzigen *) Les jours Caniculaires de Simon Majole d’Ast, Eveque de Volture, traduits par Rosset. Tome III, pag. 39.