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Die Welt · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Article
Wir siegen
Date
1899-11-24
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 47 „Die A Weit“ Seite 5 Und die da unten ihre Verachtung solidarisch zusanimenfässten, das wai'eu keine Proletarier, es sassen da kleine Leute mit Besitzern von Hunderttausenden zusammen. Einigen wird eine Million und mehr zugeschrieben. Aber sic zählen sieh mit Stolz zum jüdischen Volke. Und was sagte der Zionist, dein man vor 7 Monaten dieses Volk bestritten hatte. Oeffentlich sprach er kein Wort. Nein, wir sind keine R e e h t h a b e r, wir sind solche, die Recht behalten. Er reichte dem Saulus Mayer, der ein begeisterter Paulus geworden ist, dankbar die Rechte und er bot sich zur Mitarbeit an. Herr Mayer wird es versuchen, in Galizien durch Hausindustrien dem Elend zu steuern, wie er erklärte, der Zionist will mitthun — er ist nämlich sehr selbstsüchtig, dieser Zionist, wie alle Zionisten — und so hofft er, dass man über Galizien nach — Jerusalem kommen wird. Dort hungern auch die Juden — und arbeiten wollen sie dort auch — —! 11. Versicherungsgesellschaft gegen E i n b r u c h und P1 ü n d e r u. n g. Nach dem eher klein und zart geformten, fast weisshaarigen Herrn Mayer, dessen leise Worte, dolchscharf pointiert, durch den Saal gehuscht waren, stieg der Gemeinderath der Stadt Wien Herr Lueian Brunne r auf die Tribüne. Die Antisemiten nennen ihn Lu elfer — sie haben recht, er hat ihnen höllisch heiss gemacht bisher im Wiener Gemeinderathe. Die kräftige, wenn auch nicht sehr klangvolle Stimme, vereint mit der hohen Gestalt, sie muss auf dem Kampfplatze der Gemeindestube ganz gut wirken. Der starke, massig modellierte Kopf den noch ungebleichtes Haar umgibt, spricht von ungebrochener Willenskraft, von einheitlichem Wesen die ganze Erscheinung des Mannes. Das ist einer, der nie gewankt hat, der immer seines Weges sicher war: Geradaus, heraus aus dein jüdischen Volke — zum Grundsätze: „Gleiches Recht für alle." Dieser Grundsatz ist; ihm Lebensrichtung, er weiss genau in jeder Lebenslage, wie er sich benehmen soll, wenn er dieser Richtschnur folgt;, und darum ist er Demokrat, und die Juden sollen eine demokratische Partei gründen, keine jüdische. Er weiss, dass wir Juden stets verfolgt wurden, dass wir ungerecht leiden, er kennt auch die jüdische Geschichte, wie nur einer -- aber er sieht nur in seinem Lehrsätze eine Zuflucht: „Gleiches Recht für alle." „Kür alle, nur nicht für die Juden," rief ihm ein kräftiger Chorus zu. Und siehe da, dieser Mann, der mit zäher Kraft, mit echt jüdischer Verbissenheit an dieser Lehre festhält, die ja aus dem Judenthum kommt, er muss der traurigen Praxis des Geplündertwerdens Zugeständnisse machen, die seine Doctrin vollständig über den Haufen weifen. Herr Gemeinderath Lueian Brunner hat am 14. November foW in Wien den ernsten Vorschlag gemacht, eine jüdische V e r sie h e r u n g s ge s e 11 s c ha f t gegen Ein b ruch und Plünderung zu gründen. Erst nahm das die Versammlung für bitteren Hohn, für blutige Ironie, aber Herr Brunner meint es ernst, blutig ernst. Wahrlich, wir Zionisten sollten diesen Gedanken nicht mehr ruhen lassen. Das Coucessionsgesuch wäre eine Agitationsschrift von hinreissender Wirkung. Und wer weiss. wenn die Gesellschaft zu hohe Prämien verlangt oder manche Orte, an denen zu oft geplündert wird, aussehliesst, so wie es die Hagel-Versicherungsgesellschaften machen, wenn einzelne Strecken zu oft heimgesucht werden — wer weiss. am Ende zahlen die Leute dann lieber ..Schekel“ und sehen sich nach einem Plätzchen um, wo mau gegen Plünderung geschützt ist. Was ist der Zionismus? Eine V e r s i c li e r u n g sgesel lschafi; ge g e n Einb r u e li u n d PIü u d e r u u g? III. Eine „E i z e." Als dritter Redner kam Hofrath K a r e i s zum Worte. Diesen Herrn brauche ich weiter nicht zu beschreiben; er ist ja so oft in zionistischen Versammlungen zu sehen. In der „Union" da lehnte er den Zionismus ab, da er aber an einigen sehr verwunderten Zwischenrufen merkte, dass diese Bewegung noch immer lebe, da kam ihm eine liberale Anwandlung: er rieth uns, den Separatismus aufzugeben und uns unter dem Banner der „Union" zu vereinen. Was würde Herr Hofrath Kareis für ein Gesicht machen, wenn man eines Tages in offener Versammlung rathen würde, dass das ganze Reich und alle Minister sich dem Abgeordneten der Leopoldstadt unterordnen sollen V An seiner Empfindung in einem solchen Falle kann er sich ausmalen, wie den Herren von der „Union" zumuthe war, als seine taktvolle Aufforderung laut wurde.!) e r A b g e o r d n e t e D r. Benno Strauche r — Zionsfre u n d. Als letzter Gastredner sprach der Abgeordnete Doctor Benno Brauch er Die untersetzte, kräftige Gestalt trägt einen Kopf, der an den Lucians Brunner erinnert. Aber die Züge sind etwas derber, härter—die volle, aber spröde Stimme mochte das vorschnelle Urtheil bestätigen. — — Nur einen Augenblick scheint es so, dann vergrössert sich die Pupille seiner Augen. Diese erweitern sich, als wollten sie aus den Höhlen quellen — tiefes Weh, Schmerz, Oual und ein trotziger Gram erwachen in diesem Gesichte. Und wie seine Rede anschwillt, packt sie die Sinne der Hörer, man lauscht athemlos diesen Bekenntnissen eines Juden, der alle Qual der Brüder im Osten täglich miterlebt — und nun im Westen im Reichshause erkennt, dass es, wie er sich ausdrückt, im „österreichischen Palramente nur vereinigte antisemitische Parteien gibt". Und als die Schilderung seines Gemüthszustandes zu Ende ist, da sagt er: „Lassen Sie die Zionisten in Frieden, sie haben doch wenigstens eine Fahne, unter der man marschieren kann, sie sind charaktervolle Juden, die etwas thun für ihr Volk." Unten aber ertönt ohrenbetäubender Beifall -- die wenigen Antizionisten schauen sich verblüfft an — die Zionisten jubeln. Ein Volksmann hat zu seinem Volke gesprochen. Heimlicher Z i o n i s m u s! Nach Pyrrhiis, dem persischen Feldherrn, dessen Heer in siegreicher Schlacht aufgerieben wurde, nennen wir solch verderbliches Gewinnen Pyrrhussieg. Dann gibt es Siege, die als solche gar nicht erkennbar sind; es tliesst kein Blut, kein Kriegsgeschrei tönt, kein Waffenstrecken vollzieht sich — und doch naht der Kampf sich dem Ende und ganz plötzlich sieht man das siegreiche Banner in den gegnerischen Positionen wehen. So enden die Kämpfe der geistigen Gewalt, so siegen die grossen Ideen. So hat der Socialismus seinen Weg gemacht. Noch vor 20 Jahren misskannt, verhöhnt, verfolgt, missachtet, hat heu'e der Gedanke der socialen Gerechtigkeit die Voiksmassen errobert. organisiert, gestärkt und sittlich erhoben. Aber selbst die hohen, höheren und höchsten Schichten der Nationen können sich dem Einflüsse dieser Ideen nicht entziehen, selbst dort, wo sie gezwungen sind, die Träger dieser Ideen zu verfolgen oder zu bekämpfen, leben sie bewusst oder unbewusst in dem Gedankenkreise, den die grossen wirtschaftlichen Reformatoren Marx, Lass alle und E n g e 1 s geschaffen haben. Die Socialiston begnügen sieb nicht mit diesen ideellen Siegen, sie streben die vollständige Unterwerfung der Gegner an, sie wollen die volle Geltendmachung ihrer Principien. Sie wollen einen lauten, einen geräuschvollen Sieg.

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