Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Article
- Chanuka
- Date
- 1899-11-24
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die A Welt“ Nr. 47 Zukunft ihres Volkes aus den Augen verloren, gewiss nicht; aber diese Zukunft verlor sich in endloser Ferne, sie lag so weit von aller Hoffnung, dass das messianische Zeitalter beinahe aufhörte, für eine auf Erden erreichbare Thatsache zu gelten. Unsere Grossväter sagten sich mehr oder weniger klar: Unser Reich ist nicht von dieser Welt! Das messianische Ideal unseres Volkes wurde vielfach mit dem Ideale der ganzen Menschheit verquickt oder ausgesprochenermassen in ein übernatürliches, übersinnliches Mysterium verwandelt. Die Erde hatte man uns genommen — was blieb uns anderes übrig, als die sehnsuchtsvollen Blicke immer wieder nach dem Himmel zu richten? Deshalb gebrach es dem sonst so inbrünstigen Zionismus unserer Vorfahren an der erlösenden Kraft. Für die den irdischen Dingen entrückte Askese, wie sie die Zerstörung des zweiten Tempels angebahnt und das deutsche Ghetto des Mittelalters ausgebildet hatte, für diese weltfremde, der Sinnenwelt abgekehrte Denk- und Gefühls weise hatte die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, nach dem Boden der Patriarchen fast nur einen symbolischen Sinn. Und diese Askese steckt unseren Alten noch immer im Blute. Der wirkliche Boden, die grüne, lebenspendende Erde, die man im Schweisse des Angesichtes bebaut und deren Segen über alles gleissende Gestein der finsteren Unterwelt geht, ist ihnen fremd geworden und muthet sie kalt an, wie rein abgezogener Begriff. Aber die Jungen! Die verstehen nichts von Symbolen und Allegorien — Gottseidank! — und die Heimat ist ihnen kein verschwommenes Missionsideal, kein Millennium, sondern der Boden, der den Menschen eine nie versagende Stütze für die Füsse gibt, der das feste Auftreten und den eisernen, eigenen Charakter verleiht. Die Jungen wollen auch leben, voll und ganz, wie es der in unserer Natur ausgesprochene Wille Go des ist, wie die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob gelebt haben, in inniger Vertrautheit mit Baum und Thier, unter der blauen Wölbung des Himmels, allen unschuldigen Daseinsfreuden, dem „Dufte des Feldes“ ergeben. Und wer kann sagen, dass unsere Jugend, indem sie das Andenken der Makkabäerzeit bei Musik und Tanz feiert, dem jüdischen Geiste widerspricht? Freilich, das Judenthum hatte nach den Martyrien der Kreuzzüge und des schwarzen Todes die Freude am Leben verlernt, aber was wir verloren haben, das wollen wir wieder gewinnen, wir knüpfen einfach an die alte Ueberlieferung an, welche das Geschick unseres Volkes für eine zeitlang unterbrochen hat, wir kehren endlich zum alten Volkscharakter zurück. Und wieviel Prophetisches liegt in der Chanuka-Fröhlichkeit unserer Jugend! Wir, die Alten und Altvordern, säen die Zukunft unseres Volkes — wird die Saat aufgehen? und wann? Er merkt, wie die Kraft abnimmt, und dem Säemann rinnt eine Thräne in den ergrauenden Bart; aber die Jungen — die gedenken der Ernte, sie sehen sie vor sich, und sie eilen, wie es der Jugend geziemt, in ahnungsvoller Gläubigkeit den Ereignissen voraus. „Judenknecht.“ Es gibt Leute, die von der Meinung ausgehen, dass Recht und Wahrheit unabhängig von Confession und Abstammung sind, dass man das Unrecht und die Lüge bekämpfen muss, wo immer sie einem entgegen treten. Dieselben Leute werden auch wohl vermuthen, dass die Männer, die, von Gewissen und Pflichtgefühl getrieben, ihre Stimme für ihre reine Ueberzeugung erheben, zumindest bei der Jugend, die idealen Regungen leicht zugänglich ist, unter allen Umständen Verständnis, Sympathie, begeisterte Zustimmung finden werden. Diese braven aber etwas komischen Leute sind in einem Irrthume begriffen. Das mag ja theoretisch im allgemeinen so ziemlich richtig sein, aber es würde geradezu lächerlich wirken, wenn sie behaupten wollten, dass dies in Wirklichkeit in irgendeiner Frage Geltung habe, bei der es sich um das Judenthum oder eine die Sache der Juden berührende Angelegenheit handelt. Eine Judenfrage? Da hören die normalen Begriffe auf. Da scheinen plötzlich die ältesten Anschauungen von Recht und Unrecht, von Gewissen und Pflichtgefühl, von Idealismus und Moral auf den Kopf gestellt zu sein. Sobald Juden im Spiele sind, scheint ein ganz neuer Gesetzes- und Moralcodex in Anwendung zu kommen, dessen Satzungen die Juden nur durch bittere Erfahrungen kennen lernen, und die sonst für das Gute so leicht entflammte Jugend ist es, die diesem Codex am lautesten Beifall brüllt. Wenn die Juden durch die mannigfache Unbill, die sie erleiden, nicht ungerecht geworden sind, werden sie erkennen, dass der neue Codex noch härter als sie jene Christen straft, die die Dreistigkeit haben, in einer Judenfrage rein menschlich zu denken. Man wird das Schicksal der Juden in unseren Tagen sicherlich für kein sonderlich glückliches halten, aber es ist beneidenswert im Vergleich mit jenem, welches edle, von Geiste der erhabensten Menschen- und Wahrheitsliebe erfüllte Nichtjuden trifft, die vermessen genug sind, nur ein Recht zu kennen. Was ist der Hohn und der Spott, den der Jude erdulden muss, im Vergleiche zu dem, was der „Judenknecht“ ertragen muss? Ein Judenknecht aber ist jeder, der, mag dies auch aus den selbstlosesten Motiven geschehen, in einer Angelegenheit, die zu einer „jüdischen“ gestempelt wurde, anders als die verschämten oder die unverschämten Antisemiten denkt. Das haben in den letzten Tagen wieder zwei Männer erfahren, die durch Geburt, Sprache, Beruf und Stellung voneinander getrennt, durch den allein unseligmachenden Antisemitismus zu engeren Collegen und Leidensgefährten, zu — „Judenknechten“ gemacht wurden. Wir meinen den Prager Universitätsprofessor M a s a r y k und den Pariser Schriftsteller und Tiieaterdirector Jules C 1 a r e t i e. Was hat Professor M asaryk verbrochen? Er hat, lediglich von der mahnenden Stimme seines Gewissen gedrängt, eine streng wissenschaftliche Kritik des Polnaer Processes veröffentlicht, in der er mit einer, jeden Zweitel ausschliessenden Weise die Nothwendigkeit der Revision dieses Processes beweist. Was muss nun der Gelehrte, der zu den fleckenlosesten Gestalten unseres öffentlichen Lebens zählt, der die Wissenschaft durch vortreffliche Arbeiten bereicherte, seinen Schülern nicht nur ein erfolgreicher Lehrer, sondern auch ein Freund und Berather und ein Muster und Beispiel in sittlicher Lebensführung gewesen, über sich ergehen lassen! Es gibt keine Beleidigung, die dem Manne erspart geblieben wäre. Die Presse seines Landes — mit wenigen rühmlichen Ausnahmen — hat ein wahres Kesseltreiben gegen ihn insceniert, sein reiner Name wird in den Schmutz der Strasse gezerrt, er wird der Bestechlichkeit und Käuflichkeit geziehen, er wird mit einem Worte als „Judenknecht“ stigmatisiert. Und die Jugend? Seine Schüler? Nimmt sie mit über wallend er Begeisterung ihren Lehrer in Schutz gegen diese Insulten? Oder hüllt sie sich, da sie diesmal den Ansichten des scharfsinnigen und gelehrten Meisters nicht beistimmen kann, wenigstens in das achtungsvolle Schweigen, welches dem Manne gesichert ist, dem der Zoll der Ehrfurcht gebürt, auch wenn er einmal geirrt hätte. Nein, die Schüler Masaryks beschimpfen, verhöhnen, beleidigen ihren Lehrer. Sie verweigern ihm das Recht, welches das Gesetz dem niedrigsten Verbrecher eingeräumt und gewahrt hat, sie hören ihn nicht an. Unter wüstem, rohem Geschimpfe muss der Gelehrte, der im Dienste seiner Wissenschaft, seiner Nation und der Jugend ergraut ist, den Hörsaal verlassen, in welchem er nicht zu Worte kommen konnte, in welchem ihm seine Jünger ad oculos demonstrierten, dass es eine Schmach ist, einen Rechtsirrthum aufzudecken, dass es ein Verbrechen ist, die innere Ueberzeugung höher zu bewerten als das Schlagwort des Tages. Aber nicht genug an den Schmähungen und Insulten die der „Judenknecht“ Masaryk von seinen entrüsteten Jüngern erdulden musste, ein Tneil der Verachtung ergoss sich auch auf seine Familie, und als seine Tochter just einem Vortrage in einem anderen Lehrsaale beiwohnen wollte, wurde diese so günstige Gelegenheit benützt, um die junge Dame die Verwerflichkeit empfinden zu lassen, die zweifellos in der Wahl eines Vaters zu finden ist, dem der Glauben an den Ritualmord ebensowenig heilig jgtwie der an die Echtheit der Königinhofer Inschrift.