Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Article
- Die Judendebatte
- Date
- 1899-11-17
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die H Welt« Nr. 46 war der citierte Ausspruch vielleicht der am wenigsten dümmste Satz, den sich der betreffende Volksvertreter seit Jahren geleistet hat. Jawohl, die Juden sind heute derart situiert, dass ihnen ein Parlamentsgebände am liebsten sein kann, wenn es leer ist. In Oesterreich war jetzt monatelang „die Verfassung sistiert“, der Reichsrath war beurlaubt. Da und dort wurde mit dem Brustton einer schier revolutionären Verfassungstreue der Zusammentritt des Reichsrathes gefordert, auf dass dem Gonstitutionalismus wieder sein Recht werde. — Nun, wir geben mit einer ziemlich ungeheuchelten Aufrichtigkeit zu, dass es im allgemeinen ein kolossales Malheur ist, wenn irgendwo „die Verfassung sistiert“, d. h. wenn das Parlament bis auf weiteres unbevölkert ist. Aber wir gestehen auch, dass der Schmerz über das schlummernde Parlament bedeutend gemildert wurde durch die — vielleicht etwas egoistische und frevelhafte — Erwägung: Na, jetzt ham wir wenigstens a Ruh! Von Max Aram. Der Krieg, den die Boeren mit so glücklichem Erfolge gegen das mächtige Weltreich führen, ist recht das Beispiel eines Heldenkampfes. In einem Zeitalter der Massenkriege, bei denen vornehmlich die strategische Gombination der Generaistabs-Bureaux entscheidet und die Kriegermassen eigentlich nur Ziffern in dieser Gombination darstellen, kämpfen sie gleich antiken Helden auf dem ihnen so wohlvertrauten Heimatsboden in einem auch mehr persönlichen Einzelkampfe : auf den felssteinüberhäuften Bergen, an Bergtunnels und Brücken über den Oranjefluss, die sie militärisch besetzen konnten. Dies mag auch die Ursache sein, dass sich allenthalben mit einer auffälligen Einhelligkeit die Sympathien dem tapferen Bauernvölkchen zugewendet haben. Dabei kann man noch die Sympathien ausser acht lassen, die auf politische Motive zurückzuf ühren wären, ln Paris nahm man die Niederlagen der Engländer auf, als wären es eigene Siege, und die „Patrie“ erzählte sogar, dass sie geflaggt hätte. Allgemein menschliche Sympathien sprechen deutlicher und rührender. Fünfzehnjährige Kuttenberger Realschüler flüchteten mit echter Knabenphantastik aus dem Elternhause, um bei den Boeren zu Kämpfen, und überall interessieren sich Frauen, die sonst nicht das mindeste Interesse für politische ßegenheiten haben, für die Boeren. Aber mehr noch als alle anderen können sich die Zionisten für die Heldenthaten dieser Boeren interessieren. Der Gedanke an die Boeren vermag auch dem, für den Utopien geradezu etwas Peinliches haben, die Gonstituierung eines jüdischen Bauernstaates wahrscheinlich zu machen. Die Juden Transvaals schlossen sich wohl auch darum so unverhältnismässig zahlreich der zionistischen Bewegung an, weil für sie, die ja ein abenteuerlich rasch emporwachsendes, ganz modernes Staatsgebilde dicht vor Augen hatten, das zionistische Ziel nichts Utopisches mehr in sich schloss. Aus Anlass eines deutsch-amerikanischen Gedenktages (dem mehrhundertjährigen Bestehen von Germantown) waren uns vor etlichen Wochen die Etappen solch einer organischen Entwickelung nahegebracht worden: wie aus dem im Urwalde angelegten Blockhause mit einem Schulhause und einer Druckerei für Schulbücher und Bibeln eine wirkliche Ansiedlung entsteht; wie dann Marktplätze und Markttage hinzukommen, und wie dann Wiesslich für die Bedürfnisse der sich immer weiter lehrenden Einwohner ein Geschäfts-, ja sogar ein Industrieleben erblüht und die Bequemlichkeiten und Verfeinerungen der modernsten Cultur hinzutreten. In dem beinahe unglaublich raschen Emporblühen der ralfiniert modernen Grossstadt Johannesburg inmitten der weit auseinander liegenden Boerensitze ist diese lange organische Entwicklung nur abgekürzt. Und man wird angesichts dieser Wirklichkeiten auch dem Ideale eines jüdischen Bauernstaates mit modernen Gulturelementcn nicht den Credit versagen können. Für den Credit des zionistischen Gedankens war es nicht eben förderlich, dass seine Zeitschriften — und das konnte nicht anders sein — vornehmlich den Seelenzustand der unter ihrem Ahasver-Schicksale stöhnenden westeuropäischen jungen Juden wiederspiegelte. Diese stehen zwischen dem Lande ihrer Geburt und dem Lande Zion, dass man auf sie die Verse Hamerlings anwenden möchte: Ich kann dich nicht lassen und darf dich nicht halten, So wollen es ewiger Sterne Gewalten — O sage, wie lös’ ich den bitteren Streit? Die Umsetzung des zionistischen Gedankens in die Wirklichkeit müsste nun auf sie wirken wie Scheidewasser auf gewisse Chemikalien. Wieder möchte man die zukünftigen jüdischen Bauern ähnlich finden. Diese haben ein ungewöhnlich conservatives Misstrauen gegen alle Uitlanders. Aber ihnen wird niemand liberale Gleichheitsideen aufdrängen wollen, und nicht einmal die verbohrtesten Antisemiten werden behaupten können, dass die liberale „jüdische“ Presse es ihnen nachgetragen habe, dass sie den in Transvaal ansässigen Juden das Bürgerrecht vorenthalten. Sie müssen sich gegen alles Fremde ablehnend verhalten, um ihre Eigenart zu wahren. Selbst von eingewanderten Holländern würden sie verlangen, dass sie sich der neuen Boereneigenart anpassen, und den Holländern würde dieser Process einer ehrlichen, wahrhaftigen Anpassung nur leichter fallen als anderen Nationen. So dürften sich die ansäsigen jüdischen Bauern auch den aus der Diaspora-Cultur bei ihnen alsdann wohl alljährlich anpochenden Juden gegenüber verhalten, oder wenigstens wäre dies eine Bedingung für das Unversehrtbleiben des jüdischen Staates. Gewiss wird auch der jüdische Bauernstaat der Gressstädte wie Johannesburg und differenzierter Gulturträger nicht entbehren können. Aber er wird, wie die Transvaal-Republik, die Grossstadtbewohner immer mehr oder minder als Uitlanders ansehen müssen. Auf den Sitzen der weit voneinander wohnenden Boeren entwickeln sich die Tugenden eines republikanischen anspruchslosen Daseins: ein Familiensinn, in dem die Kinder nur der Eltern wegen da zu sein scheinen und kein Kindesgedanke von den geliebten Eltern hinweg zu dem Sterne* des Ehrgeizes oder dem Irrlicht des Genusses lockt; eine Anspruchslosigkeit, für die alle Lebensalter gleich bleiben und kein allzu leidenschaftlicher und bewusster Genuss der jungen Jahre mit späterer Depression gebüsst wird; und eine Tapferkeit, die aus diesen ersten Tugenden nothwendig entspringt. Und man wird sich aus der Kenntnis des jüdischen Volkscharakters leicht ausmalen können, wie sehr zukünftige jüdische Bauern den Boeren ähnlich erscheinen möchten. Wenn man jedoch weniger an eine Aehnlichkeit in Bezug auf kriegerische Tapferkeit möchte glauben wollen, so wäre doch zu bedenken, dass neben den obeu erwähnten Tugenden auch der religiöse Glaube, wie er die Quelle alles Guten und wirklich das Beste auf Erden ist, tapfere Herzen erzeugt. Auch die Boeren sollen ihre Tapfeikeit grossentheils ihrem tiefreligiösen Gefühle verdanken. Als Friedrich der Grosse am Abend der {Schlacht bei ßeuthen hörte, wie ein alter Grenadier