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Die Welt · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Article
Die Judendebatte
Date
1899-11-17
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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4-♦ Redaction und Administration WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. ♦-:—4 Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet; ♦-4 Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Der Inseratentkeil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 15 kr. <►-—-<> Rß7FI rfcnrßioß ■ Oesterreich- Ungarn: ganzjährig 6 ü. -----12 Kr., halbjährig B fl. 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DMUgu[JLulaCi land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 46 Wien, 17. November 1899. 3. Jahrgang Die Judendebatte. Sie liegt immer in der Luft. Die Atmosphäre unserer Parlamente enthält stets Dunstmassen, die sich im Nu zu einem reichlichen Regenschauer verdichten und klatschend auf die jüdischen Landeskinder niedergehen können. Das Nass, welches gelegentlich einer solchen Judendebatte die Betroffenen bis auf die Haut durchfeuchtet, steht freilich in puncto Reinheit und Geruchlosigkeit hinter dem Regenwasser beiweitem zurück. „Judendebatte!“ — Schon die Art und Weise, wie dies Wort vom landläufigen Sprachgebrauche gehandhabt wird, ist überaus lehrreich. Die äussere Prägung der Wortmünze ist recht harmlos. Ein naiver, im politischen Leben wenig bewanderter Mensch müsste eigentlich aus dem Worte „Judendebatte“ nichts Bestimmtes herauslesen können. Der Ausdruck könnte seinem Aeusseren nach vielsinnig sein: Etwa eine Debatte, die von Juden geführt wird. Oder eine Debatte, in der die Juden mit den schmeichelhaftesten Complimenten überschüttet werden. Oder zum mindesten eine Debatte, die sich über die Juden in einer farblosen, jenseits von Gut und Böse liegenden Tonart ausspricht. — Allein die gegenwärtige Ordnung der Dinge bringt es mit sich, dass der fleissige Zeitungsleser, wann immer er auf den Ausdruck „Judendebatte“ stösst, nicht einen Augenblick im Zweifel ist, aus was für einer sauberen Metalllegierung die schlichte Wortmünze besteht. Jeder halbwegs Gebildete weiss sofort Bescheid: Judendebatte, das ist eine Debatte, in der die Juden von oben bis unten besudelt werden. Vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkte aus müssen die Judendebatten in zwei Hauptgruppen eingetheilt werden: In solche, die überraschend kommen, und in solche, die gemächlich und schon von weitem sichtbar auf die Tagesordnung rücken. Die überraschenden entstehen jählings, man weiss nicht wie. Urplötzlich befinden sich die Abgeordneten zu ihrem grössten Erstaunen mitten in einer Judendebatte. Die Redner sind unvorbereitet und müssen zu allgemein gangbaren Redensarten greifen, um die Juden zu beschimpfen. Die Discussion hat einen mehr aphoristischen Charakter. Oft . besteht. sie . nur. in einer Reihe kurzer Zwischenrufe. Die gemächlichen Judendebatten sind manchen Juden angenehmer als die überraschenden. Sie haben einen ordnungsmässigeren Anstrich. Die jüdischen Bürger werden nicht überrumpelt, sondern wissen genau: Am Montag um 1/211 Uhr vormittags werden wir im Abgeordnetenhause beschimpft. Die gemächlichen Judendebatten können sogar hie und da in den Juden ein freudiges Gefühl erwecken. Sie können angenehm enttäuschen. Der Jude nimmt am Montag das Abendblatt mit dem Verhandlungsberichte des Parlamentes zur Hand, er erwartet sechs Zeitungsspalten antisemitischer Ehrenbeleidigungen und findet nur vier Spalten. Auch in den Reihen der antisemitischen Abgeordneten erfreuen sich die gemächlichen Judendebatten grösserer Beliebtheit als die überraschenden. Man kann sich gehörig präparieren, jeder einzelne Parteigenosse bekommt im vorhinein sein bestimmtes Schimpfinstrument zugewiesen. Der eine hat hauptsächlich Sottisen zu verwenden, die dem Gebiete der Zoologie entnommen sind, der andere hat aus dem reichen Born der Ritualmordanwürfe zu schöpfen, der dritte ist darauf eingedrillt, während der Sitzung in kurzen, gleichmässigen Pausen .die Silbe „Jud\“ zu recitieren. Jenen antisemitischen Abgeordneten, die etwas auf Gründlichkeit halten, ist es zudem ermöglicht, in Vorhinein längere hebräische Belegstellen auswendig zu lernen. Auch können sie unter den talmudischen Werken, die sie in den Sitzungssaal mitzunehmen gedenken, eine reiflich erwogene Auswahl treffen. Das alte Verhängnis: Von den schönen Früchten, die hienieden gedeihen, bekommen die Juden nur die bitteren Partien. Ist ihnen doch selbst ihr Gott in einem Dornbüsche erschienen. Immer ritzen sie sich an Dornen, wenn sie sich an einer wohithätigen Flamme wärmen wollen. Der Parlamentarismus, der den Völkern im allgemeinen Gedeihliches bringt, beschert den Juden die Judendebatte. Im niederösterreichischen Landtage ist vor nicht allzu langer* Zeit ein bezeichnendes Wort gefallen, Als der Landmarschall ain Ende der letzten Sitzung die Session für geschlossen .erklärte,, rief ein antisemitischer Volksvertreter: „Na,., jetzt harn die Juden wenigst^- wieder a Ruh!“ „A Ruh“ haben zwar nachher die der im grossen ganzen nicht gehabt, aber nichtsdestc

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