Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Article
- Wanderbettler
- Date
- 1899-11-10
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Z „Die A Welt“ Nr. 45 ruhmreichen westeuropäischen Civilisation begegnen könnte. Wir müssen den Muth haben, wieder ostwärts zu blicken, wenn uns dabei auch unsägliche Trauer das Herz beschleicht. Dort, wo die jüdische Armut enger beisammensitzt, ist alles Leid aufgehäuft, das nur je in finsteren Zeiten über das Ghetto verhängt war. Dort begnügt man sich nicht damit, uns unter dem Scheine gesetzlicher Gleichberechtigung wie Fremde zu behandeln, nein, dort sind wir auch dem Gesetze nach Fremde, obgleich auf der Scholle, auf der wir geboren, schon unsere Vorfahren gesessen sind. Für uns ist das Recht nicht da, nur die Pflicht, die uns noch dazu so grausam schwer gemacht wird. Im zwölften Jahrhundert, als der „schwarze Tod“ die Menschen erschreckte, wälzte man die Schuld an der unbarmherzigen Seuche auf die Juden. Heute ist Rumänien von einer schweren landwirtschaftlichen Krise heimgesucht und selbstverständlich sind es die jüdischen Pächter, welche sie verschuldet haben sollen. Wo ist der Unterschied zwischen dem zwölften Jahrhundert und dem rumänischen Heute P Es ist nur ein Beispiel, aber für das unaussprechliche Daseinselend der vielen Millionen unserer östlichen Stammes- und Glaubensgenossen ist es zum Weinen charakteristisch^ Wohin aber sollen sie sich wenden, um ihrem Elend zu entgehen? Aus der Fremde in die Fremde? Selbst wenn man sie aufnähme, was wäre ihnen gewonnen? Auch das bisschen „übertünchter Höflichkeit“, womit man in dem civilisierten Europa eine zeitlang der sogenannten Assimilation Vorschub leistete, wo ist es hin seit Polna, Holleschau und Rennes? So sagen wir uns denn endlich ohne Sentimentalität und weichliche Beschönigung: Wir sind allesammt Wanderbettler, weil unser ganzes Volk ein Wanderbettler ist! Aber dann spielen wir auch nicht Versteckens mit feigen Illusionen, an die wir selbst nicht glauben, sondern bekennen wir uns als ein Volk mit allen gerechten Ansprüchen, die einem Volke zustehen, mit dem Ansprüche vor allem auf eine gesicherte Heimat. Ja, eine Heimat thut uns noth für unsere Armen im Osten, denen noch nie ein Lichtstrahl menschenwürdigen Daseins ihren dumpfen Pferch erhellt hat, eine Heimat, in deren Besitz auch wir anderen, wir alle uns nicht mehr als Wanderbettler zu fühlen, nicht mehr davor zu zittern brauchen, dass die steigende Flut uns an den Hals reicht. Denn dessen müssen wir uns in jed r Stunde bewusst sein, dass nicht bloss der jüdische Hausierer im Londoner Osten und im Wiener Vorstadtbezirk Margarethen, nicht bloss der unglückliche Bettler, der von Gemeinde zu Gemeinde wandert, und gf'gen den der israelitische Gemeindebund aufgerufen wurde, ein Wanderbettler ist. Der Wanderbettier ist das ganze jüdische Volk. Indem wir diese schreckliche Wahrheit niederschreiben, die seit zweitausend Jahren niemals aufgehört hat, es zu sein, denken wir an die Verse: Auch Jehuda ben Halevy Starb zu Füssen seiner Liebsten, Und sein sterbend Haupt, es ruhte Auf den Knieen Jerusalems. Sie klingen wie ein ergreifender Ton aus dem Hohelied der Sehnsucht, die alle unsere Gebete und Legenden, das Schriftthum unserer Lehre und unseres Leids durchzieht. Wir haben keine Verheissung ausser dieser. Seien wir ein Volk, das als solches wieder seinen „Platz an der Sonne“ reclamiert, und wir werden nicht mehr Wanderbettler sein. Ein Consuiarbericht. Wenn der Zionist die Vorzüge Palästinas preist, so pflegt „man" ihm gewöhnlich mit ziemlich ungläubiger Miene zu lauschen. Man verzeiht ihm die Lobeshymnen, weil man ihn für einen unschädlichen Schwärmer hält, und im übrigen gestattet man sich, die Richtigkeit seiner Angaben stark in Zweifel zu ziehen. Im Nachfolgenden veröffentlichen wir eine Stimme über Palästina, die man gewiss nicht gefühlvoller Schwärmerei zeihen kann. Es ist ein ruhiger, sachlicher Bericht, der umso überzeugender wirken muss, je trockener und geschäftsmässiger er gehalten ist. Diese wenigen Zeilen sprechen ein ganzes Buch. Da ist in wenigen Strichen das Gemälde skizziert, wie es dem Zionismus vorschwebt. Ein Land, das eine Hochburg der modernsten Einrichtungen i>t. Der Bericht, an dessen Verlässlichkeit und Ernst niemand zweifeln kann, sagt uns, dass das Zion der Zionisten nur der Hände harrt, die es aufbauen sollen. — Der nachfolgende Bericht ist dem „Archiv für Gesetzgebung und Statistik auf den Gebieten der Gewerbe, des Handels und der Schiffahrt „Austria“ (redigiert und herausgegeben vom statistischen Departement im k. k. österr. Handelsministerium) entnommen. J e r u s a. 1 e in. (Ausnützung der wirtschaftlichen Hilfsquellen Palästinas.) Jaffa bildet das eigentliche commercielle Centrum von Palästina; es ist der Sitz der Douane, aller Import- und Exporthäuser, der Vertreter und Agenten europäischer Firmen, der Schiffahrtsgesellschaften etc.; hier eoncentrieit sich auch das gesummte Transportwesen. Jerusalem dagegen spielt in wirtschaftlicher Beziehung eine untergeordnete Rolle. Ein bereits von mehreren Seiten ins Auge gefasstes Project besteht in dem Bau einer Tramway (mit elektrischem, Petroleummotor- oder Pferdebetrieb) auf den Strecken Jaffathor-Municipalilätsspitai (2 km) und Jaffathor-Bethlehem (ca. 10 km). Das verwendete Capital von 2 Millionen dürfte bei einer auf 50 Jahre berechneten Amortisation und bei den Betriebskosten von ca. 40 Pereant eine Opercentige Verzinsung ergeben; diese Bahnen hätten den sich stets steigernden Personenverkehr und einen grossen Theil des lebhaften und sehr gewinnbringenden Kleingüterverkehrs zu bewerkstelligen. Es wäre wünschenswert, wenn eine österreichische Bankengruppe sich dieses lohnenden Unternehmens annehmen würde; dasselbe könnte der Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen werden, welche besonders in der fruchtbaren Jordanebene und in der an mineralischen Schätzen reichen Umgebung des Todten Meeres sehr günstige Bedingungen vorfinden würden. Dabei wäre zunächst an die Errichtung einer Bahn zwischen Jerusalem und Jericho, die Etablierung eines Curortes, die Verwertung der heissen Quellen in A'in- Djidcli, die Einrichtung eines Schiffsverkehrs auf dem Todten Meere, die Gewinnung elektrischer Kraft aus dem Jordangefälle, die Anpflanzung von Baumwolle, Zuckerrohr und Kaffee, die rationelle Gewinnung von Salz, Schwefel, Asphalt und Petroleum zu denken. Ein anderes, sehr dankbares Actionsgebiet wäre auch die fruchtbare Ebene von Südpalästina. Die Herstellung einer regelmässigen Schiffsverbindung mit Gaza, sowie die Entsendung eines subventionierten Vertreters dahin würden sich nebst, anderem als Massregeln für diesen Platz empfehlen, dem wegen seines grossen und fruchtbaren Niederlandes und wegen der Nähe Aegyptens noch eine bedeutende Entwicklung bevorsteht. Auch wäre es von Vortheil, einen Theil der jährlichen Auswanderung in jene Gegenden zu leiten. Heinrich J e h 111 s c h k a, k. u. k. Gonsul.