Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Article
- Wanderbettler
- Date
- 1899-11-10
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Von G. Marcus. Das schreckliche Wort ist neulich in der consti« tuierenden Versammlung des „Oesterreichisch-israelilischen Gemeindebundes “ ausgesprochen worden, und lässt uns seitdem nicht los. Es verknüpft sich uns damit eine Vorstellung, die ergreifender ist als alles, was sonst über Menschenelend gedacht und empfunden werden kann — eine Vorstellung, durch welche die Thränen von zwei Jahrtausenden rinnen. Der Wanderbettler ist das ganze jüdische Volk. Was will es im Vergleich mit dieser furchtbaren geschichtlichen Wahrheit, die heute noch so brennend ist wie an dem Tage, an welchem unser Tempel zu Jerusalem ein rauchender Trümmerhaufen war — was will es besagen, dass jüdische Bettler von Gemeinde zu Gemeinde wandern, um die Wohlthätigkeit ihrer Glaubensgenossen anzuspreclien? Der Bettler der jüdischen Parabel, der es still erträgt, wenn er rauh von christlicher Thür fortgewiesen wird, aber bitterlich weint, wenn jüdische Thüren sich ihm versperren — dieser Bettler ist nur ein Symbol des Elends, das von Geschlecht zu Geschlecht durch unser ganzes Volk sich forterbl, seitdem wir keine Heimat haben und der Fremde auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert sind. Es ist so grenzenlos kurzsichtig, die Gemeinden gegen den „Uebelstand der Wanderbettelei“ aufzurufen, da draussen weit in aller Welt, die jüdischen Wanderbettler nach vielen Millionen zählen, da wir alle, reich und arm, Wanderbettler sind, ob wir in Palästen wohnen und in Garossen fahren oder zusammengepfercht in dumpfen Judengassen in unsagbarem Elend den Tagbeschliessen, dem mit dem nämlichen Elend die anderen Tage folgen. Ach, wenn es nur mit dem Betteln unserer Armen abgethan wäre! Mit dem Betteln um das Stück Brot, das die Nothclurft des Lebens stillt. Die Armut war uns immer heilig, in allen Stürmen, die uns auseinanderwehten, in der Stickluft des Ghettos und unter den blutigsten Verfolgungen achteten wir des Gebotes, einander zu helfen, das harte Brot des Exils, das wir assen, mit unseren Armen zu theilen. „Ich war jung und bin alt geworden“, sang unser Psalmid, „aber niemals sah ich, dass ein Gerechter verlassen war und kein Brot hatte.“ Nein, dessen brauchen wir nicht müde zu werden, und es ist wahrhaftig auch kein Blatt in unserer Geschichte, das Blatt von unserer Wohlthätigkeit, dessen wir uns zu schämen haben. Aber dass wir alle, alle Wanderbettler geblieben sind, während um uns her die Völker sich entwickelten, dass unser ganzes Volk der Wanderbcttler geblieben ist, trotz alles Ruhmes der Givilisation und der Humanität, den die übrigen Völker für sich in Anspruch nehmen, das ist die niederschmetternde Wahrheit, die leider noch so viele von uns nicht begreifen wollen, wie jener König, zu dem ein Jude zu sprechen wagte: „Es ist das Unglück der Könige, dass sie die Wahrheit nicht hören wollen.“ Und haben wir nicht etwa mit den anderen ehrlich gewetteifert im Ringen um Givilisation und Humanität? Stehen wir ihnen nach an Hingebung und Begeisterung, wo es gilt, das kostbare Gut der Bildung zu wahren? Es hat uns aber nichts genützt, uns allein nicht, denn uns allein werden die Früchte der Humanität und Givilisation grausam vorenthalten. Man warf uns kümmerliche Brosamen des Mitleids hin oder, wenn man unser bedurfte, so fand man uns mit einer wertlosen Schaumünze ab, die man Emancipation nannte. Und wir prahlten wie Kinder mit dieser Schaumünze, bis wir in fürchterlicher Enttäuschung innc wurden, dass niemand sie an Zahlungsstatt annehmen mochte. Nun schauern wir erschrocken zusammen, wenn uns der alte grausige Ruf der Jud'cnverfolger aus unserer Ruhe aufscheucht. Pol na, Hollesehau, Wseti'n, Ohodorow!' Und wir schreien um Hilfe zu den Rettern, von denen sie uns nicht kommen wird. Dass wir selbst uns helfen, dass wir aus dem fehlerhaften Zirkel, des Vertrauens auf das Staatsbürgerthum heraus müssen, das uns in der Fremde niemals ein sicherer Verlass sein wird, dass wir ein Volk sind mit dem uivverjährten. Erbanspruch auf .Heimat und SelbstbeHimmung, zu dieser Erkenntnis, die uns allein erlösen kann, haben, wir uns noch nicht hindurchgelitten. Und es ist doch bloss ein ganz kieinerWusschuitt des Elends, der durch .die Namen Polna, Mo beschau,; Ghodorow begrenzt wird, sichtbarer nuiv unil.;grell.erv weil er so weit nach dem Westen vorgerückt liegt, wo wir nicht glaubten, dass noch so grosse Schmach der