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Die Welt · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Article
[Ohne Titel]
Date
1899-11-03
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die H Welt“ Nr. 44 unter den aus Russland, Rumänien und Holland eingewanderten Juden viele befinden, die bereits in ihrer Heimat Heeresdienst geleistet haben, so bilden sie natürlich einen nicht zu unterschätzenden Factor. * In Wien starb vorige Woche Glasfabrikantin Frau Flora R eich. Frau Reich erfreute sich infolge ihres Edelsinnes, der im humansten Wirken seinen Ausdruck fand, allgemeiner Hochachtung und Verehrung. Sie war eine Wohlthäterin, die im Stillen wirkte, im Gegensätze zu jenen Philanthropen, die nur dann ihr humanes Heiz entdecken, wenn sie Aussicht haben, durch diesen Act in die Spendenrubrik der Blätter zu kommen. * In der Nähe des el sä ssi sehen Ortes Geb weiter befindet sich ein kleiner Ort-, Jung h o 1 z, der vormals eine grosse jüdische Gemeinde besass. Heute wohnt dort nur noch ein einziger Jude, dessen Beschäftigung die — Todtengräberei ist. Es befindet sich nämlich in Jungholz ein uralter jüdischer Friedhof, der heute noch von vielen jetzt in Paris ansässigen elsässischen Familien zur Bestattung ihrer Todten benützt wird. Bis in die neueste Zeit hinein wurden nämlich im Eisass selbst grösseren Gemeinden bei Anlage von Friedhöfen Schwierigkeiten in den Weg gelegt, weshalb an verschiedenen Orten Centralfriedhöfe angelegt werden mussten, darunter auch in Jungholz. In der Kirche des hei Venedig gelegenen Städtchens Cividale sollen sich zahlreiche jüdische Grabsteine vorfinden. die aus der Zeit des zweiten Tempels stammen. Man weiss, dass schon zu Cäsars Zeiten Juden in Mittel-Italien wohnten. Dass dies aber auch in Ober-Italien der Fall, war bis jetzt nicht bekannt. Heute wohnen in Cividale keine Juden mehr. * Im Laufe dieses Monates wird in Boston der sechste „Liberale Religions-Congress“ abgehalten werden. Es nehmen daran Mitglieder aller Glaubensrichtungen theil, Geistliche wie Laien. Der Zweck des Congresses ist, „diejenigen Punkte zu präeisieren und hervorzuheben, worin sich die verschiedenen Religionen gleichen, behufs Hebung des Geistes der Gemeinschaft unter den Bekennern aller Glaubensichtungen“. * Geher das neue Moss-Heim in Philadelphia, dessen jüngst erfolgte Einweihung wir meldeten, enthalten die Blätter ausführliche Beschreibungen, aus denen hervorgeht, dass das Gebäude, wie der dazu gehörige Park selbst unter den fürstlich eingerichtetenWohlthätigkeitsanstalten Amerikas ganz einzig in seiner Pracht dasteht. Bei dem Spital befindet sich ein 20 Acres grosses Grundstück, worauf Gemüse und Früchte für den Bedarf gezogen wei den. Ebenso wird die Milch von eigenen Kühen gewonnen. * Mit dem am 10. v. M. in New-York im 84. Lebensjahre verstorbenen Oberrichter Charles P. Da ly, einem in allen Kreisen und von allen Parteien der Stadt hochgeschätzten Manne, hat die amerikanische Judenheit einen FreunA verlören, wie es deren selbst in jenem. Lande der verhältnismässigen religiösen Freiheit nicht gar viele gegeben haben dürfte. Als eines der bedeutendsten Mitglieder der NewrYorker „Historischen Gesellschaft“ schrieb D-a ly unter anderem eine Geschichte der Einwanderung und Niederlassung der Juden in Nord-Amerika, eines der besten Geschichts- und Quellenwerke dieser Art, worin er den amerikanischen Juden das höchste Lob zollt und ihrem Antheile an dem Aufblühen der Republik Gerechtigkeit widerfahren lässt. Der Anlass zur Abfassung des Werkes war eigentlich ein rein zufälliger. Daly wurde einmal eingeladen, bei der Einweihung des New-Yorker jüdischen Waisenhauses an Stelle des verhinderten Staats-Gouverneurs die officielle „Beamtenrede“ zu halten. Es war ihm nun darum zu thun, etwas anderes als Gemeinplätze vorzubringen. Daher forschte er den Umständen nach, unter denen die Juden in Amerika eingewandert waren, und bewies dann in seiner Rede die später in der genannten Schrift ausführlicher behandelte Thatsache, dass schon seit über 200 Jahren Juden in New-York wohnten, und dass sie einen segensreichen Einfluss auf den verschiedensten Gebieten ausübten. * Wie allerorten, so hat auch in Berlin der zum grössten Theile aus Nichtjuden bestehende Centralausschuss kaufmännischer, gewerblicher und industrieller Vereine beim Polizeipräsidium um die Erlaubnis zur völligen Offenhaltung der kaufmännischen Betriebe im Monate December ersucht, und dem Verlangen dürfte zweifelsohne stattgegeben werden. Zufällig wurde auch in den letzten Wochen seitens des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes an die betreffenden Staatsbehörden — im Interesse der betheiligten Juden wie Nichtjuden — die Bitte gerichtet, es möchte bei Festsetzung der Herbstmärkte auf die jüdischen hohen Feiertage Rücksicht genommen werden. Wegen dieser zwei, in. gar keinem Zusammenhänge stehenden Eingaben wird nun von der „Kreuzzeitung“ und natürlich auch vom ganzen Chore der judenfeindlichen Presse Sturm gegen die Juden geläutet. ❖ In Rumänien verbreiten die Antisemiten, dass die Regierung neuerdings verschärfte Massnahmen gegen die Juden plane. Demgegenüber versichern die Regierungsorgane, dass die Regierung nichts derartiges beabsichtige, vielmehr alles aufbieten werde, den guten Ruf Rumäniens nicht aufs Spiel zu setzen und Recht und Gerechtigkeit nach jeder Richtung hin walten zu lassen. ❖ Der nächstjährige Orientalisten-Congress wird in H am bürg stattfinden. Budapest und Bukarest, die beide ursprünglich in Aussicht genommen waren, wurden fallen gelassen, und zwar letzteres wegen der in Rumänien herrschenden Judenverfolgung. * - Ein christlicher Wob lthäter, Robert Macfie, vermachte dem jüdischen Board of Guardians ein Legat von 5000 Pfund Sterling für verfolgte Juden. * In Berlin starb am 11. v. M. im 00. Lebensjahre das langjährige Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Herr J. E. Isaac, ein Mann, der auch in zahlreichen staatlichen wie städtischen Ehrenämtern Grosses geleistet, und dessen Wirksamkeit wiederholt öffentliche Anerkennung gefunden. Dem Gemeindevorstande gehörte der Verstorbene M Jahre an. * Der japanische Consui in Berlin Carl W o 1 ffisch n wurde durch Verleihung des Commandeurkreuzes zum.Heiligen.Schatz ausgezeichnet. * Ein „Judenblatt“ war es bekanntlich, das den Process gegen den „Club der Harmlosen“ veranlasst, und im Processe selbst waren es zwei oder drei Juden, die eine ziemlich unrühmliche Rolle spielen — neben den hundert und mehr „blaublütigen Ariern.“ Und' trotz dieser erdrückenden Majorität von „Edelsten der Nation“ können die antisemitischen.Blätter nicht umhin, die Juden als die eigentliche Ursache des Processes hinzustellen, die Angeklagten aber als „arme Verirrte und Verführte.“

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