Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 44 „Die Xx Welt“ noch am Vorabend verhaftet, von welchen sieben alles eingestanden, drei jedoch noch leugnen. Dieselben sind dem Gerichte eingeliefert worden. Tribüne. Wir bitten unsere Gesinnungsgenossen, uns ein geeignetes Dichtwerk für eine Chanuka-Aufführung anzugeben. t Verein „Zion4*, Podhajce, Galizien. Die Musik Vereinigung „Harfe“ sucht einen Cellisten als Mitglied. Für den Ausschuss, Der Vice-Präses: stud. med. Hugo A 11, Wien, I., Lazzenhof 1. Weltchronik. Bestrafter Philosemitismus. Aus Krakau wird berichtet : Die hiesigen Antisemiten veranstalten seit einiger Zeit eine Hetze, um die Krakauer Reichsraths-Abgeordneten Soko- 1 o w s k i und Wei g e 1 wegen Unterzeichnung der Interpellation des Polenclubs über den Polna-Rummel zur Mandatsniederlegung zu zwingen. Der Zionismus auf der Bühne. Aus Bukarest wird geschrieben: Anfang October hatten wir hier eine Sensations-Premiere. Bei total aus verkauftem Hause fand im hiesigen jüdischen Theater die Erstaufführung eines modernzionistischen Dramas — wohl das erste dieser Art— statt. DerBaselerCongress. ein fün facti ge s Schauspiel von dem jüdischen Dichter Lerescu“ : so war's auf den Theateraffichen zu lesen. Man kann sich also die Spannung vorstellen, mit der das jüdische Publicum Bukarests dieser Premiere entgegensah. Und es war ein Erfolg, wie er in den Annalen des jüdischen Theaters noch nicht verzeichnet ist! Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus herrschte im Hause, der sich nach den Actschlüssen in endlosen Beifallsstürmen und unzähligen Hervorrufen kundgab. Hier hatte man einmal Gelegenheit, echte, unverfälschte Begeisterung zu sehen .... Das Stück spielt zum Th eil e in Wie n, zuin Theile in Rumänien, zum Theile in Basel und der letzte Act in Palästina. Einer der schönsten Acte ist unzweifelhaft der dritte Act, der in Basel während der Zeit des zweiten Gongresses spielt: Im Hin! ergrün de der Scene das Gongresshaus, von dessen Balcon zwei mächtige blauweisse Fahnen herabwallen. — Die biederen Baseler, vom St. Jacobsfeste kommend, ziehen mit klingendem Spiele an dem Congresshause vorüber. Plötzlich ertönt es ans ihrer Mitte: »Hoch die Juden!“ — „Hoch die Zionisten!“ — „Hoch der Congress 1“ .... Ein unbeschreiblicher Jubel folgt dieser Scene. Wie elektrisiert spiingt alles von seinen Sitzen auf. Stürmischer, nicht enden wollender Applaus. Der Vorhang fällt .... An derlei jüdische Volksstücke einen kritischen Massstab anzulegen, geht nicht an. Dennoch behalte ich mir vor, auf das jedenfalls höchst interessante Stück, das allabendlich ausverkaufte Häuser erzielt und das Tagesgespräch in Bukarest bildet, noch eingehend zurückzukommen. A. J. Massenhafte ludenauswanderung aus Rumänien. Infolge der unausgesetzten Verfolgungen, denen die jüdische Bevölkerung namentlich auf dem flachen Lande ausgesetzt ist, und der traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse, welche derzeit in Rumänien vorherrschen, schicken sich zahlreiche jüdische Familien an, Rumänien zu verlassen und in Armenien sich anzusiedeln. Die Pforte liess nämlich den flüchtenden Juden nicht nur unentgeltlich Grund und Boden anbieten, sondern auch alle Erleichterungen Zusagen, ja selbst die Uebersiedlungskosten von Constantinopel nach Armenien würden von den Türken bestritten werden. In Bukarest allein sollen sich 300 Familien zur Auswanderung gemeldet haben; darunter befinden sich sehr viele Gewerbetreibende. Parallel mit dieser Auswanderungsaction nimmt die Auswanderung der Juden nach Amerika in Rumänien täglich grössere Dimensionen an, welcher Umstand nicht wenig zur weiteren Zunahme der wirtschaftlichen Krise beiträgt. 2360 Worte auf einer Correspondenzkarte. Herr Leon H. Geldmann, Vicepräsident des Vereines „Bnei Zion“, Section „Dr. Th. Herzl“, in Constanta, Rumänien, übersendet uns eine Correspondenzkarte, auf der nicht weniger als 2360 Worte untergebracht sind — die rumänische Uebersetzümg der Eröffnungsrede, die Dr. H e r z 1 auf dem dritten Gongresse gehalten hat. ' Der „aligezapfte“ Schneider. Aus Mährisch-Weisskirchen wird dem „Wiener Tagblatt“ geschrieben: Am vergangenen Donnerstag wurde ein hiesiger Arzt zu dem achtzehnjährigen Scfineidergehilfen Johann Nelhiebel gerufen, um demselben mehrere Schnittwunden leichten Grades zu verbinden. Auf die Frage des Arztes, wo er sich diese Verwundungen zugezogen habe, erzählte der Schneider, er sei von einem Juden, einem angesehenen jüdischen Kaufmanne, überfallen worden, der versucht habe, ihm zu rituellen Zwecken — Blüt abzuzapfen. Der Arzt erstattete bei der hiesigen Polizei die Anzeige. Der um seines Rechtssinnesund seiner Energie willen hier allgemein beliebte Polizeirath Johann Klein unterzog den Burschen einem strengen Kreuzverhör und nach kurzer Zeit kam es denn auch an den Tag: Der Schneidergehilfe gestand, sich selbst die Verletzungen zugefügt zu haben, um unter dem Scheine eines an ihm begangenen Ritualmordversuches gegen die Juden zu hetzen. Jüdische Politik. In der Sitzung des österreichischen Reichsrath cs vom 28. October richtete Abg. Schlesinger unter Anführung zahlreicher „Belege“ an den Grafen Clary folgende Interpellation : „Erkennt es Graf Clary an, dass es eine jüdische Politik gibt, welche das gesammte Judenthum befolgt und die uns christlichen Völkern zum schwersten Schaden gereicht?u Polna in München Ein Wiener Hetzblatt meldet aus München : Im Kreuzbräu fand abermals eine Versammlung der Bairischen Reformpartei statt, in welcher der dieser Tage aus Polna zurückgekehrte Herausgeber des „Deutschen Volksblattes“ in München, Herr L. W enng, über den Mädchenmord in Polna sprach. Die Versammlung war massenhaft besucht und wurde mit einer Sympathiekundgebung für die Boeren eröffnet. Wenngs Ausführungen über die Vorgänge in Polna wurden von stürmischem Beifall begleitet. Seine Forderungen staatlicher Uebersetzung der jüdischen Geheimlehren und der Ausweisung aller ein gewanderten Juden und ihrer Deseendenz fand einmüthige Zustimmung. Zum Schlüsse des Vortrages wurden dem Redner grossartige Ovationen bereitet; die dröhnenden Applaussalven wiederholten sich immer wieder von neuem. Im.Sinne der Forderungen Wenngs ergeht eine Petition an die bairische Regierung und an den Landtag. Aus Südafrika. Unter den tausenden Flüchtlingen, die in Capstadt sowie in Pietermaritzburg und Durban alle Anstalten, Asyle und Privathäuser anfüllen, sind auch viele Juden, und diese haben allen Grund, die Gastfreundlichkeit der Juden von Capstadt. zu rühmen. Die Juden in Capstadt, obwohl sie politisch wenig hervortreten, sind doch meist wohlhabend und thun, was in ihren Kräften steht, um die Nofeh der Flüchtlinge aus Johannesburg zu mildern. Uebrigens sind viele Juden in Transvaal geblieben, die auf Seiten der Boeren stehen und' ihnen ihre militärische Hilfe angeboten haben. Antisemitenfahrt nach Paris. Ein Wiener Antisemitenblatt bringt unter dieser Spitzmance folgende Notiz: Die erste Reisegesellshaft wird, wie nunmehr festgesetzt wurde, anfangs Juni kommenden Jahres Wien verlassen. Die Reise