Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 44 „Die Welt“ Seite 9 I< ü c h e n f e n s t e r in den kleinen Hof, und da wir auch dort kein sicheres Versteck fanden, eilten wir, um nicht den Wahnwitzigen lebend in die Hände zu fällen, die ganz steile Böschung, die rückwärts von unserem Hause zum Bache führt, hinab und hielten uns dort unten an de r Sohle des Baches an den Weiden ruthen fest, bis alles vorüber war. Bei Tag würde jedermann Anstand nehmen, diese steile Uferböschung hinabzuklettern, wir machten den Weg hei Nacht. Wir leben nicht etwa in einer Einöde, sondern in der lebhaften Strasse einer Industriestadt, rechts und links von Bürgern und Nachbarn umgeben, mit denen wir bisher in vollster Harmonie verkehrten. Nun, alle diese Nachbarn Hessen uns ausrauben, plündern, an Leib und Leben bedrohen, keiner rührte einen Finger, obwohl wir den meisten von ihnen, wo wir nur konnten, Gutes und Liebes erwiesen haben . .. Als dann das Militär eingerückt, und die Ruhe hergestellt war, verliessen wir halbtodt unser Versteck. In welchem Zustande fänden wir unser Heim! Im Gewölbe waren die Mehlsäcke aufgeschnitten, mit Petroleum begossen, alle Waren, die nicht fortgetragen werden konnten, wurden v e rn i c h t e t, alles in kleine Stücke zerschlagen. Vor unserem Hause sah es auf 20 Schritte aus, als o b e s geschneit hätte, sie hatten die Bett e n a u fgeschnitten und die Federn auf der Strasse dem Winde preisgegeben. Alle Möbel, alles Geschirr zerhackt — nichts, nichts mehr im Hause, kein Kleidungsstück, kein Bissen Brot, kein Ort, w o w i r uns Riede r 1 e g e n oder nieder setzen konnten. Im Comptoir waren alle Geschäftsbücher, Briefe etc. vernichtet worden. Wir haben einige tausend Gulden Aussenstände und wissen heute nicht, bei wem. Sie hatten auch versucht, die eiserne Lasse zu öffnen, das war ihnen aber nicht gelungen." Die arme, unglückliche Frau konnte vor Schluchzen nicht weitersprechen. Das Leichenbegängnis der vier E rschossejien war, wie bereits mitgetheilt, für den gestrigen Nachmittag bestimmt. Es hatten si<*h zu demselben zahlreiche Menschen eingefunden. Vor dem Friedhöfe war M i 1 i t ä r postiert. Ein Officier verkündigte dann der Menge, dass das Leichenbegängnis noch nicht stattfinden kann, weil die gerichtliche Obduction der Leichen angeordnet sei. Die Leute rührten sich nicht vom Platze und blieben vor dem Friedhofe an gesammelt. Erst auf die energische Aufforderung des Offioiers im Namen des Gesetzes, den Platz zu räumen, giengen die Leute auseinander. Abends fand dann bloss in Anwesenheit der nächsten Leidtragenden das Leichenbegängnis statt. " ,,N. Wr. Tgbl.“ Brünn, 26. Oetober. Bei den gestrigen Excessen in L e i p n i k wurde ein Tischlergehilfe Namens Joseph T ti r k durch einen B a j o n n e t s t i c h verwund e t, fünf Personen wurden verhaftet. Auch in N e s s o w i t z kamen gestern Ausschreitungen vor, wobei den jüdischen Bewohnern die Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Aus Roznau, Zubrzi und Bistriz am Hostein werden Excesse gleichen Charakters gemeldet. Wegen der Ausschreitungen in Boskowitz hat die Brünner Staatsanwaltschaft gegen drei dortige Handwerker die Anklage wegen des Vergehens des Auflaufes erhoben. Klattau, 26. Oetober. Hier wurden in den letzten Tagen Brandbriefe gefunden, worauf die Behörden die nöthigen Vorsichtsmassregeln getroffen haben. In Czaslau wurde am 28. Oetober abermals ein Umzug durch die Stadt veranstaltet. In der Nacht zum 21. Oetober wurden bei zwei Juden von unbekannten Thätern die Fensterscheiben eingeschlagen. Am 24. Oetober abends wiederholten sich die Ansammlungen, doch zerstreute sich die Menge auf begütigendes Zureden seitens des Obmannes des Sokolvereines Nur ein Trupp von etwa hundert Personen zog durch die Kuttenbergstrasse und veranstaltete vor dem Laden eines Juden eine Katzenmusik. Die Gendarmerie zerstreute die Menge und verhaftete hierbei eine Person wegen Renitenz. In einer Seitengasse wurde ein Judo durch einen Stein wurf an der linken Schläfe verwundet. In Chotzen und in Oberjeleni macht sich eine antisemitische Bewegung durch nächtliche Beunruhigung der Juden bemerkbar. — In Buschtiehrad wurden am 25. Oetober bei zwei Juden Fensterscheiben eingeschlagen. — In Hohen man th wurden in der Nacht zum 26. Oetober in den Vorstädten bei drei jüdischen Familien in deren ebenerdigen Wohnungen die Fenster eingedrückt. — ■J11 La un wurden anlässlich der Kundgebungen der letzten Tage 21 Verhaftungen vorgenommen. Im ganzen wurden in 48 Häusern die Fenster eingeworfen. Der Gesammtschaden beläuft sich auf über 400 Gulden. Die gerichtliche Amtshandlung ist im vollem Zuge. Am 29. Oetober veranstaltete die radical-nationale Partei in Neubidschow einen Demonstrations-Umzug durch die Stadt, der mit der Zertrümmerung zahlreicher Fensterscheiben in den von Jude n bewohnten Häusern endete. Dieser Excess unterschied sich von den anderen Ausschreitungen dieser Art. über die in den letzten Tagen berichtet wurde, dadurch, dass er seit 48 Stunden angekündigt war, am belliichten Tage, um 3 Uhr nachmittags, stattfand und dass kein Wachorgan, weder die städtische Polizei, noch die Gendarmerie auch nur den Versuch machte, dem Pöbel zu wehren. Am 29. Oetober morgens luden auffallende Placate — natürlich ohne Angabe des Druckers und des Druckortes — die Bevölkerung zur Th eil nähme an dem Umzuge ein. und es war seit Samstag bereits ein öffentliches Geheimnis, dass man starken Zuzug aus den benachbarten Dörfern erwarte. Trotzdem wurde — Neubidschow ist der Sitz einer Bezirkshauptmannschaft — keine Sicherheitsvorkehrung getroffen. Um 2 Uhr begann sich der Zug zu rangieren, an dessen Spitze eine Musikkapelle marschierte, der ein Fahnenträger mit einer Trauerfahne folgte. Hinterdrein johlend eine viele hunderte von Köpfen starke Menge. Wie genau alles organisiert war, erhellt aus der Thatsache, dass schon vormittags einzelne jüdische Einwohner verständigt worden waren, sie würden von jedem Excesse verschont bleiben, was auch zu traf. Um 3 Uhr traf der Zug vor dem Wohnhause der Kleesaat-Exporteure Sachsei ein. Die Musik intonierte eines der nationalen Hetzlieder, worauf unter ohrenbetäubendem Geschrei nicht nur sämmfliehe Spiegelscheiben des Erdgeschosses zertrümmert, sondern auch Steine gegen die Wohnung im ersten Stockwerke geschleudert wurden. Ebenso ergieng es dem benachbarten Dampfmühlenbesitzer Klein. Juden, die es wagten, sich auf der Strasse blicken zu lassen, wurden verhöhnt, beschimpft und mit Steinen beworfen. Die „Demonstrationen“ währten den ganzen Nachmittag fort. In den Abendstunden bildeten sich neuerlich Gruppen, welche singend und johlend die Stadt durchzogen und Fensterscheiben zertrümmerten. Zur Orientierung der ortsfremden Insassen trugen die zu bombardierenden Häuser Kreuzzeichen. Bis Mitternacht war noch nicht eine Verhaftung erfolgt. Aus Tri es ch wird gemeldet: Am 29. Oetober früh fand man an den Strassenecken czechische Placate mit Drohungen gegen die Juden und der Aufforderung, sich um 7 Uhr abends zu versammeln. Der Bürgermeister Baron S fern b ach wendete sich telegraphisch an die hiesige Bezirkshauptmannschaft. Der Statthaltereirath fuhr sofort nach Triesch, wohin auch eine Compagnie Infanterie delegiert wurde. Eine Versammlung, die nachmittags stattfand, wurde aufgelöst. Das Militär zersprengte jede Ansammlung. Um 6 Uhr mussten alle Gasthäuser geschlossen werden. Trotzdem wurden bei den Wohnungen der Juden nachts alle Fenster eingeschlagen. Es wurden drei Verhaftungen vorgenommen. Aus Pol n a wird gemeldet: Am 28. Oct. rotteten sich 200 bis 300 Personen in der Judenstadt zusammen und seht u g e n, trotzdem auf dem Marktplatze Gendarmerie stand, allen Juden die Fenster-ein. In die Wohnung des Rabbiners Dr. Goldberg wurden Steine bis zum Gewichte von fünf Kilo geschleudert. Auch bei der Lederfabrik von Schiller wurden die Fenster zertrümmert. M ä h r i. s c h - W eisskirchen, 28. Oetober. Dank den Vorkehrungen unseres Bezirkshauptmannes, Statthaltereirath es Grafen Coudenhove, ist es bis heute zu keinem ernstlichen Zwischenfälle gekommen. Die hiesige deutsche Gemeindevertretung bietet alles auf, damit die slavischen Plünderer nicht wie in Pi er au, Holleschau, Wsetin etc. ihr Handwerk auszuüben Gelegenheit haben; Polizeirath Viceb ärger meisten Johann Klein gibt sich grosse Mühe, um unsere Stadt vor dieser Unhill zu beschirmen. Herr Klein hat einen eigenen Wachdienst organisiert, welcher sich bewährt. In der Fabrik des czechischen Agitators Kurz ist Klein auf ein Complot gekommen, welches ein gleichzeitiges Plündern an den verschiedensten Theilen der Stadt zum Zwecke hatte. Alles war schon vorbereitet. Die Arbeiter der Fabrik hatten schwere eiserne Stäbe in Spazierstöcke umgewandelt, die ganze Fabriksarbeiterschaft war organisiert und sollte sich an verschiedenen Theilen der Stadt zusammenfinden, um auf ein Signal loszubrecheti. Durch die Umsicht des VLcebürgermeisters Klein wurde dieser Plan vereitelt. Es wurden z e h n Arbeiter der K u r z'schen Fabrik