Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Die rumänische Krisis und die Juden
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 44 „Die H Welt?« politischen Sonderstellung eine bemerkenswerte Erleichterung bedeuten. Die letzte Rettung bleibt auch für die so zahlreiche rumänische Bevölkerung die Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens, in welchem sie vor jeder Verfolgung geschützt wäre und der ihren — von grossen rumänischen Staatsmännern hervorgehobenen — Fleiss und ihre Anspruchslosigkeit und Nüchternheit gehörig zu schätzen und zum Vorth eil der Gesammtheit auszunützen wissen würde. —xy. Der Talmud und die Folter. (Vom talmudischen Gerichtsverfahren bis zu Simon von Trient.) Wenn das Charakteristische des Ideals wirklich in seiner Unerreichbarkeit liegt, dann ist der Talmud das Ideal der — Antisemiten. Wachend und träumend beschäftigen sie sich mit ihm, sie sprechen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von ihm, sie würden ihn zweifellos auch Tag und Nacht lesen — wenn sie ihn eben lesen könnten. Aber das ist eben für sie das Unerreichbare. Die gelehrtesten unter ihnen begnügen sich, den Eisenmenger abzuschreiben, zum Lesen des Talmuds bringt es keiner von ihnen. So kommt es, dass die Antisemiten gar häufig von einem ähnlichen Schicksal wie Bileam ereilt werden, sie gehen aus, dem Talmud zu fluchen, und ihre Bemühungen fuhren zum Lobe und zur Verherrlichung des — Talmuds. Professor Schlesinger ist sicherlich trotz seines verdächtigen Namens erhaben über den Verdacht, als Apologet des Talmuds wirken zu wollen. Aber er wird es doch, allerdings wider Willen und indirect. Professor Schlesinger fühlt sich gekränkt durch die Hinweise auf das mittelalterliche, von der Kirche nicht nur geduldete, sondern propagierte Gerichtsverfahren, bei dem die grauenhaftesten, oft selbst das Mitleid der Folterknechte erregenden Martern gang und gäbe waren. Der Herr Professor kann die geschichtlichen Thatsachen nicht 'leugnen, dass dank diesem Gerichtsverfahren in Trient die Juden als die Mörder des Simon von Trient verurtheilt wurden; er will sich auch für die Tortur nicht einsetzen — er findet einen Ausweg, wie er glaubt. Einen glänzenden, rettenden Ausweg. Er fragt im „Deutschen Volksblatt“ einfach, „ob nicht die Foltern im Mittelalter ihr Vorbild von den vom heiligen Buche der Juden, dem Talmud, empfohlenen Foltern genommen haben/ Da wäre also mit einem Schlage das arme, verfolgte Mittelalter entschuldigt und der böse Talmud als der wahre Schuldige hingestellt. Herr Professor Schlesinger fragt aber nicht bloss, das kann jeder Narr, er bringt auch Beweise dafür, dass der Talmud „Foltern empfiehlt/ Es lohnt sich, diesen Beweis niedriger zu hängen, denn er zeigt, wie die antisemitische Gesinnung die unglaublichsten Verheerungen selbst im Kopfe eines Mannes anrichtet, der einen Lehrstuhl auf einer Hochschule einnehmen darf. Herr Professor Schl esinger stellt den fürchterlichen Martern, die in Trient an den Angeklagten verübt wurden, um von ihnen ein Geständnis ihrer Schuld zu erpressen, die Schilderung der Procedur entgegen, die nach dem Talmud (Sanhedrin 52a) bei der Hinrichtung eines Verurtheilten stattfand. Nun wollen wir gar nicht bei der Constatierung der Thatsache verweilen, dass auch bei der Vollstreckung der Todesstrafe nach dem Talmud immer in der denkbar humansten Weise vorgegangen werden musste, dass auch da all jene grausamen Verschärfungen, die lange über das Mittelalter hinaus in dem Strafrechte der christlichen Staaten Geltung hatten perhorresciert wurden, ja, dass dem Verurtheilten, dam«t er, betäubt, den Schmerz weniger fühle, vor der Hinrichtung ein Glas Wein, gemengt mit Weihrauch, gereicht wurde. Wir wollen jeden Unbefangenen fragen, ob eine Paralelle zwischen der Behandlung eines Angeklagten — dessen Schuld erst bewiesen werden soll — und jener, die ein der Schuld überwiesener, zum Tode Verurteilter bei der Hinrichtung erduldet, von einem normal denkenden Menschen überhaupt gezogen werden darf. Professor Schlesinger, der Antisemit, hat dies gethan. Menschen, die durch ihre Gehässigkeit zu einer solchen Tortur aller Vernunft und Logik gelangen, dürften wohl kaum mehr einer Belehrung zugänglich sein. Wir hoffen daher auch nicht, dass Professor Schlesinger seine tiefwurzelnden Ansichten ändern wird, wenn wir ihm einiges mittheilen, woraus er in Wahrheit die Stellungnahme des Talmuds zur Folter und zur Todesstrafe erkennen könnte: Das talmudische Gerichtsverfahren kennt überhaupt keine Folter. Nicht als Mittel, um eine Missethat zu erforschen und nicht als Mittel, sie zu strafen. Das ist übrigens ganz consequent im Geiste des talmudischen Strafrechtes, welches auf Grund von Indieien oder Geständnissen des Angeklagten allein — wenn Zeugen der That fehlten — keine Verurteilung kannte. Der Talmud will aber auch von der Todesstrafe nichts wissen, ihre Vollstreckung war in der nachbiblischen Zeit so selten, dass man fast sagen könnte, sie sei im Principe bereits abgeschafft gewesen. Auf den Ausspruch im Talmud, dass ein Gerichtshof, der in sieben Jahren einmal ein Todesurtheil fällte, ein „verheerenderu genannt werden müsste, bemerkt R. Eleasar u. a.: „Diesen Namen verdient er schon nicht, wenn er in sieben, sondern in siebzig Jahren ein Todesurtheil vollstrecken liess/ Aber diese Verurtheilung der Todesstrafe genügte zweien der grössten Lehrer des Talmuds noch immer nicht. R. Akiba und R. Tarphon erklärten: „Hätten wir dem Synhedrion in Jerusalem angehört, so wäre niemals die Todesstrafe vollzogen worden/ Wahrhaftig, hätten die christlichen Zeitgenossen Beccarias, dessen im Jahre 1764 erschienene Schrift: „Dei delitti e delle pene“ wegen ihrer Stellungnahme gegen die Todesstrafe eine wahre literarische Revolution hervorrief, den Talmud gekannt, ihr Staunen über einen so weitgeschrittenen Humanismus wäre nicht so gross gewesen. Zwischen Beccaria und den Rabbinen des Talmuds liegt ein Zeitraum von mehr als 1500 Jahren, aber humaner als R. Akiba und R. Tarphon hat auch der für das moderne Strafrecht bahnbrechende Italiener nicht gedacht. Hatten wir nicht Recht, Professor Schlesinger mit Bileam zu vergleichen? Er will den Talmud schmähen und verlästern; er gibt aber nur den Anlass, die hohe, humane Auffassung des Talmuds im hellsten Lichte erstrahlen zu lassen. Was die Vertreter der Folter über das Judentum und den Talmud denken, weiss man; wir haben in wenigen Strichen gezeigt, was der Talmud über die Folter denkt. Adam.