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Die Welt · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Article
Die rumänische Krisis und die Juden
Date
1899-11-03
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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' Nr. 44 „Die H Welt“ Seite 5 grossen Stiles zu schaffen, während die politische Rechtslosigkeit und die administrative Willkür, welcher der „Fremde“ ausgesetzt ist, die Bildung einer Industrie überhaupt sehr erschwerten oder auch gänzlich verhinderten. Dies allein wäre schon genug, die Absurdität der „patriotischen“ Massregeln zu beweisen, und deren geradezu verhängnisvolle Wirkung für das Land klarzulegen. Aber es kommt noch schöner. Die Verfassung verbietet zwar, dass „Fremde“ ländlichen Grund und Boden erwerben, sie enthält aber keine Bestimmung bezüglich der Verpachtung desselben. Somit dürfen Fremde, also auch Juden, dieselben Güter pachten, deren Ankauf ihnen verboten ist. Wenn aber der rumänische Gutsbesitzer, welcher seinen Grund und Boden selbst bestellt, den oben geschilderten Raubbau treibt, um wieviel mehr wird man einen Pächter entschuldigen, welcher einen hohen Zins zahlt und auch sonst viel höhere Ausgaben bei Bestellung des Gutes hat, als der von allen Behörden beschützte rumänische Gutsbesitzer? Die Unsicherheit des Erfolges, die Geldtheuerung, der erklärliche Drang, einen möglich grossen Gewinn herauszuschlagen, sowie die ungeheuere Concurrenz, zwingen den Pächter geradezu zum Raubbau. Und man soll dies nicht als eine Gewissenlosigkeit der Juden hinstellen. Die rumänischen Antisemiten finden auch nicht den Muth zu dieser Beschuldigung, denn man könnte ihnen da antisemitische Pächter und patriotische Gutsbesitzer entgegenhalten, denen gegenüber die Pacht Wirtschaft der „fremden“ Landwirte das reine Kinderspiel bleibt. Und dann hat ja der „fremde“ Pächter vom Bojaren die Landwirtschaft gelernt. Der Pächter behält das Gut zehn oder zwölf Jahre. In dieser Zeit sucht er möglichst viel für sich herauszuschlagen. bei den möglichst geringsten Ausgaben. Er wird also am allerwenigsten geneigt sein, Verbesserungen einzuführen, da ihm überdies nach Ablauf der Pachtzeit das etwaige an gekaufte Material als wertloses Gerümpel liegen bleibt. Die rumänischen Bojaren — der ungeheueren Mehrheit nach — thun es nicht besser. Der Bojareist wenig darum besorgt, was er seinen Erben, wenn er welche haben sollte, hinterlässt. Er soll nur gut leben können : alljährlich nach dem Auslande, hauptsächlich nach Paris reisen, noblen Passionen fröhnen etc. Und so baut er denn auch in den Tag hinein, und concurriert mit den Pächtern in der gänzlichen Ausbeutung des Bodens. Wäre aber der jetzige „fremde“ Pächter — das Wort „fremd“ bedeutet nach rumänischem Brauche immer Jude — Eigenthümer des Bodens, so ist bei der bekannten Fürsorglichkeit der Juden für ihre Nachkommenschaft, wie auch bei ihrer Vorliebe für technische Neuerungen sicherlich anzunehmen, dass sie der Landwirtschaft neue Bahnen weisen würden. Wir betonen, der gesammten Landwirtschaft, denn da der Bauer von niemandem etwas besseres sieht, treibt er selbst auch nur Raubbau, soweit das auf seinem durchschnittlich geringwertigeren Boden möglich ist. Bei rationeller Wirtschaft aber könnte der grossartige rumänische Boden nie versagen. Hätte man also den „Fremden“, somit auch den Juden, den Erwerb des ländlichen Grund und Bodens gestattet, hätte man sie politisch nicht geknebelt und verfolgt, sondern bei gleichen Pflichten auch als gleiche Bürger gelten lassen, so wäre die jetzige Krisis vielleicht überhaupt nicht eingetreten, oder beiweitem nicht so traurig gewesen, und eine oder auch zwei Missernten hätten nie dazu führen können, dass die ökonomische .und finanzielle Zukunft des Königreiches so düster erscheine. Was die Juden in der Landwirtschaft leisten können, beweist Ungarn zur Genüge, was die rumänischen Juden für ihr Adoptivvaterland vollbringen könnten, ersieht man, wenn man diejenigen Zweige betrachtet, in welchen sie sich, allerdings unter dem Druck von allerhand Chikanen, bethätigen konnten, nämlich im Handel und Bankwesen, und zum Th eile auch in der Industrie. Die Ausnahmsstellung, in welcher die Juden als Fremde belassen wurden, ist die Hauptursache der jetzigen Krisis. Und dass diese Krisis keine zufällige, nicht allein die Folge der Missernte, sondern die Folge der ganzen Art und Weise, wie in Rumänien bis jetzt Oekonomie und Politik betrieben wurden, dies glauben wir in den obigen Ausführungen, in allgemeinen Zügen mindestens, bewiesen zu haben. Der Geldmangel auf den europäischen Märkten hat, ebenso wie die Missernte, nur zur Beschleunigung der Katastrophe beigetragen, früher oder später wäre dieselbe auch ohne ihn eingetreten. Der Grund und Boden hat alles hergegeben, was er in sich hatte — und das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, dass Rumänien eines der productivsten Länder Europas war — man hat ihm alles genommen, ohne ihm etwas in irgendeiner Form zurückzuerstatten, andererseits hat niemand dafür vorgesorgt, dass, wenn diese Quelle des nationalen Reichthum es versagt, sich eine andere erschließe. „Patriotische“ Männer thaten im Gegentheile alles, um etwaige Versuche zu verhindern, — und so stehen denn jetzt die rumänischen Patrioten, durchwegs biedere Antisemiten, vor ihrem vollendeten Werke und wissen nicht, wie sie sich aus der Klemme ziehen sollen. Aber in solchen Fällen ist ein echter und rechter Antisemit nie um ein Auskunftsmittel verlegen. Und dann, wozu wäre denn der Jude da? Wir haben gezeigt, wer die jetzige Krisis verschuldet hat. Aber was will das sagen? Also, die Juden sind auch daran schuld. Das Volk aber, welches nach Brot rufe, wird mit Hetzplacaten genährt, welche von der Polizei verbreitet werden und „zum edlen Kampfe“ gegen die Juden auffordern. Dass der allergrösste Theil dieser Juden aus armen Handwerkern und Arbeitern besteht, welche den Hunger mit der armen rumänischen Bevölkerung theilen, hindert einen Mann, wie Nicolae Filipescu, das geistige Haupt der erklärten Antisemiten und Einflüsterer der jetzigen Regierung, nicht, Strassenkrawalle und Raubanfälle auf die jüdische Bevölkerung für den Fall vorzubereiten, dass der König den einzigen Mann ans Ruder berufen sollte, welcher die jetzige Lage vorausgesehen und ihr ganz und gar gewachsen sein würde. Dieser Mann ist nämlich der Führer der junimistischen Partei, Herr Carp, welcher als Judenfreund und, man weiss nicht, ob mit Recht oder Unrecht, als Anhänger der, politischen Gleichberechtigung der Juden gilt. Ueberhaupt lichtet sich die allerneueste antisemitische Hetze nicht nur gegen die Juden, sondern gegen alles, was judenfreundlich scheint. Dies erklärt wahrscheinlich auch den blöden Kampf, welcher mit dem Tagesblatt „Adaverul“ geführt wird, einem Organ, das sich bemüht, die Judenfrage objectiver zu betrachten, als es ein rumänischer Berufsantisemit verträgt. Somit scheinen die Antisemiten — ob liberale, ob conservative Politiker, antisemitisch sind sie alle — nichts von der Vergangenheit lernen zu wollen. Die Lage ist aber schon jetzt geeignet, das Bild der Zukunft grell zu beleuchten, so dass man hoffen kann — im Interesse des rumänischen Staates muss man es wünschen — dass die bessere Einsicht siegen wird, und dass man den „Fremden“, also auch den einheimischen Juden, freie Bahn zur Bethätigung in allen Zweigen der nationalen Oekonomie ebnen wird, indem man sämmtliche Ausnahmegesetze und Gesetzesclausein ab schafft. Ob sich damit die Lage der rumänischen Juden wirklich verbessern würde, muss man füglich bezweifeln, nach den traurigen Erfahrungen, welche man anderwärts gemacht. Aber dennoch würde für die ungeheure Masse der jüdischen Bevölkerung, welche aus Proletariern besteht und folglich doppelt unter dem ökonomischen Elend leidet, zumal dieses durch den politischen Druck verschärft wird, die Aufhebung der

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