Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Article
- Der Fall Polna in der Volksliteratur
- Date
- 1899-10-27
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nt. 43 „Die H Weit“ Steile 5 Verhandlung und eilt zum Schlüsse: zur Verkündigung des Urtheils. Nun ist die ganze Geschichte unwiderleglich erwiesen, und es gilt nur noch dafür zu sorgen, dass sie „unsterblich im Gesang fortlebe". Das geschieht denn auch auf den letzten drei Seiten des Heftchens durch ein Bänkelsängerlied, zu dem auch gleich die Melodie angegeben ist. Selbstredend hat sich auch hier der Meister in der Beschränkung gezeigt, aber die Auswahl ist geschickt getroffen. Die Hauptsache bleibt ja doch, dass Hülsner ein Jude ist und deshalb muss dieser Umstand wiederholt betont werden; sehr wichtig ist ferner die Blutleere der Leiche und der Umstand, dass die mit Blutflecken behaftete Hose, die an Hülsner zum Verräther wurde, in der Synagoge versteckt aufgefunden wurde. Als einen Act ausgleichender Gerechtigkeit muss man es bezeichnen, wenn der Dichter, der aus eigenem einiges zur Belastung des Verurtheilten hinzugefügt, nun als Gegengewicht hinzufügt, dass der Verurtheilte vom Gerichte der Gnade des Herrschers empfohlen worden sei. Ueberhaupt wirkt der Schluss versöhnend. Angesichts des schrecklichen Verbrechens wird die Hoffnung ausgesprochen, „dass es damit vielleicht beendet sei* und daran knüpft sich ein inniges Gebet um Schutz vor einem ähnlichen fürchterlichen Tode und insbesondere um Behütung der Kinder. Man muss dem „Dichter“ zugestehen, dass er die Volksseele kennt und dass er den richtigen Volkston getroffen. Dafür wird sein Lied auch bald im Munde des Volkes leben. Bald wird man es in Böhmen und Mähren auf Jahrmärkten singen und dem Verständnisse der angesammelten Menge durch grelle Wandbilder zuhilfe kommen. Auch wenn die Aufdeckung der Wahrheit Fortschritte machen sollte, die Lebensfähigkeit dieses Liedes wird dadurch nicht beeinträchtigt werden, denn inzwischen hat es längst bei Jung und Alt Wurzel gefasst und die Wirkung im Gemüthe ist.. . Holleschau. Aber wir Juden thun gut, die „Geistesströmungen" in unserer Umgebung genau zu beobachten. Vielleicht kommen wir denn doch endlich dazu, die Wirklichkeit ungefärbt und nicht durch brechende Gläser verzerrt zu sehen. Vielleicht dämmert uns doch endlich die Erkenntnis auf, dass alle Rufe nach „Schutz“ uns nichts nützen, dass es Volksbewegungen gibt, gegen die wir selbst und unsere Freunde, wenn es deren wirklich welche geben sollte, machtlos sind; und vielleicht raffen wir uns endlich zu dem grossen Schritte auf, der von dieser Erkenntnis zu der weiteren führt, dass wir selbst daran denken müssen, uns zu helfen, indem wir unsere eigene Lage so zu gestalten suchen, dass der von aussen gegen uns geführte Schlag ein möglichst geringes Unheil anrichte. ' . Dr. K. Die Juden in Oesterreich. Von Rudolf KoJin-Schlackenwerth. Ich habe letzthin hier von diesem Thema gesprochen, aber man kann den Gegenstand immer nur gleichsam anschneiden. Ueher die Juden in Oesterreich wäre sehr viel zu sagen — das ist auch kein Wunder, denn von dem, was in Oesterr ei eh lebendig in seiner Zeit steht und nicht zum grössten Theile in einem Zustande von Halbcultur und Uncultur, von dem ist das meiste jüdisch. Manchmal scheint es einem sogar — infolge der strengen Sonderung der jüdischen Gesellschaft von der nichtjüdischen — dass das geistige Leben in Oesterreich mit seinen zahlreichen wirtschaftlichen und politischen Rückwirkungen von den Juden ganz allein bestritten wird. Das ist jedoch ein Irrthum. In Wahrheit ist der Einfluss der Juden in Oesterreich und damit die Verantwortlichkeit der Juden für die heutigen Zustände des Reiches nicht, so. gross, als die Antisemiten ihn darstellen, aber auch nicht so klein, als die.assimilationssüchtigen Gleichberechtigungsjuden glauben oder glauben machen wollen. Es ist ziemlich gleich gütig, ob die Juden in die fünfte oder vierte Rangsclasse der Beamten um getauft hinaufgelangen können oder nicht, wenn man berücksichtigt, dass der Einfluss der Bureaukratie gegenüber der täglich wachsenden Macht der Presse und der Plutokratie stark zurückgeht, eben deshalb, weil die Beamtenfamilien- Cliquen sich hartnäckig gegen das Eindringen nicht nur der getauften und ungetauften Juden, sondern überhaupt gegen alle bürgerlichen Intelligenzschichten Verschlüssen. Mit Ausnahme der politisch eh Emporkömmlinge sind in den Centralstellen verhältnismässig wenig fremde Elemente vertreten, das Gros der leitenden Beamten stellen die Söhne ihrer Väter und die Neffen ihrer Onkel. Sollten wir uns darüber freuen, dass der Einfluss der jüdischen Plutokratie und Presse trotz der heftig an wachsenden antisemitischen Bewegung immer grösser wird? Sicherlich nicht, denn von den Verdiensten, die sich der eine oder andere um die Gesammtheit erwirbt, wird keines der Judenheit zugerechnet werden, während aller seheeisüchtige Neid und alle berechtigte Empörung sich gewisslich früher oder später auf das ganze Volk der Juden entladen. Zu sehr ist der Bewusstseinsinhalt der grossen Volksmassen voll gefüllt mit dem Judenhass, der aus den Zeitungen, von den Rednertribünen und Kanzeln scheffelweise in ihn ergossen wird. Die Deutschen lesen hie und da noch ein sogenanntes Judenblatt, die slavischen Nationen lesen jedoch in der Mehrzahl nur judenfeindliche Blätter, und das 4 Millionen-Volk der Czechen, welches wegen seiner starken politischen Organisation voraussichtlich noch zu grösserer Macht fort schreiten wird, besitzt überhaupt kein einziges verbreitetes Tagblatt, das nicht offen antisemitisch wäre. Viele Juden scheinen sich darüber zu freuen, wenn zumindest alle zwei Jahre ein Ministerium gestürzt wird, und wenn unter den Begleitumständen des Aufkommens und Stürzens der Regierungsmänner das Ansehen der öffentlichen Gewalten nicht eben gewinnt. Es ist ja immerhin ein erfreuliches Schauspiel, wenn im Theater im letzten Acte der Uebelthäter ausgelacht wird, aber damit allein ist noch nichts gethan. Wenn die Judenpresse nicht die Macht hat, auf unfähige Regierungen fähigere folgen zu lassen, darf sie den Sturz der alten Machthaber nicht als ihren Erfolg anseheu. Die Hilflosigkeit der officieilen Kreise hat noch die Wirkung, dass die ihre Ziele mit Kraft und Gewandtheit verfolgenden finanziellen Gruppen, die grossen jüdischen oder halbjüdischen Banken, Bahnen und Cartelle, immer mehr an Macht gewinnen und dass die Nordbahn, welche die Minister als Aspiranten für ihren Verwaltungsrath betrachtet, oder das Eisencartell und seine Börsen-Agioteure sich viel mächtiger erweisen, als so und soviele Plofräthe. Jede Mogelei, die von den finanziellen Faiseurs gemacht wird, Werden die Antisemiten doch immer nur auf dem Rücken der ärmsten Juden rächen, weil ihnen die grossen Juden unerreichbar sind oder weil sie die grossen Inserenten fürchten. Der Hauptmacher an den meisten jüngsten Börsenscandalen hat sich, kaum dass er die zweite Million erjobbert hat, mit seiner ganzen Familie bis herab zum Wickelkind geschwinde fein gemacht, das heisst taufen lassen. Sein Sohn verkehrt nur mehr mit Christen, sein Enkel wird schon soviel „abgestreift“ haben, dass er .Antisemitenführer werden kann. Und die ärmsten Juden 1 Die werden boykottiert und erhalten von den reichen Juden bestenfalls ein Almosen. Auf sie dringt die ohnmächtige Wuth der antisemitischen Impotenz ein, an ihnen kühlen die Helden der „Ostdeutschen Rundschau“ ihr Mütbchen. Ein Beispiel dafür bildet der Krieg, den die Schöneren an er, das ist die noblere Sorte von Antisemiten, gegen einen jüdischen Unterlehrer in Arnau geführt haben. In der Lchrercairiere bringen es die Juden bekanntlich