Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Article
- Ein Kaiserwort
- Date
- 1899-10-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite Z „Die H Welt“ Nr. 43 einst <Jie tonkinesische Expedition dei* Franzosen de- - günstigte, um ihren ^hatendurife tind ihre Unruhe von unserem Welttheile abzulenken, so ist es heute schon wie ein Sprüchlein aus der Kinderfibel, dass wieder einzelnenvunter den europäischeil Nationen das Ventil der überseeischen Bethätigung geöffnet werden sollte, um iliren Ueberschuss an Äctionslust für Europa ungefährlich zu machen. Alle Nationen drängen hinaus in ' die Weite der Oceane, um an ungehobenen Schätzen zu partipicieren, in Asien sind England, Deutschland, Russland, Frankreich, in Afrika England, Deutschland, Frankreich, Italien Nachbarn geworden, die Idee einer / clirecten Schienenverbindung von Capstadt und Alexandrien, die vor einem Jahrzehnt noch als ungeheuerliche Phantasterei erschienen wäre, erwartet ihre Verwirklichung, und bald wird auch von derlevantinischen Küste über Bagdad, an Tigris und Euphrat vorbei, die Locomotive zum persischen Meerbusen fahren. Von solchen Ereignissen sagt Kaiser Wilhelm II. mit Recht, dass sie umwälzend wirken auf dem Gebiete internationaler Beziehungen sowohl wie auf dem Gebiete des nationalökonomischen Lebens der Völker, und wahrhaftig nicht mit minderem Rechte fügt er hinzu,} dass .Ereignisse, die in alten Zeiten Jahrhunderte zum Reifen brauchten, sich jetzt in wenigen Monden vollziehen. Denn es ist unwiderleglich, dass während der letzten fünf Jahre sich an Weltereignissen mehr zu-, getragen hat als vorher in einem Jahrhundert, man muss nur den Begriff des Weltereignisses recht erfassen, der ein ganz anderer geworden, seitdem nicht -mehr Europa allein den Schauplatz der Weltgeschichte bildet. Als ein Weltwunder wurde es angestaunt, dass England, und Frankreich, um den Krimkrieg zu führen, eine Armee über das Meer sendeten, während jetzt binnen wenigen Tagen in Southampton ein englisches Heer eingeschifft wird, um im südlichen Afrika gegen die Boers zu kämpfen. Noch freilich gilt das Wort Schillers: „Um Herrschaft und um Freiheit wird gestritten,“ aber man sieht über allem die Civilisation als das leuchtende, Himmelszeichen, und die europäische Menschheit erfüllt sich immer mehr mit dem Bewusstsein, dass sie die Sendung habe, ihren alten civiiisatorischen Besitz hinauszutragen und dafür die friedliche Vermehrung ihrer eigenen Wohlfahrt einzutauschen. Es ist nur ein nebensächliches, aber ein auch in höherem Sinne bezeichnendes Merkmal, dass Wilhelm II. in diesen Tagen den technischen Hochschulen das Recht der Doctordiplomierung ertheilt hat. Die Technik, deren Blüte einen gewaltigen Antheil an der neuen Weltentwicklung hat, wird von demselben Herrscher geehrt, der das Handelsemporium Hamburg dem deutschen Volke als Vorbild anpreist. Als die Keime dieser neuen Entfaltung noch verhüllt lagen, da hat eine Ahnung von ihnen auch uns Juden schon gestreift, und aus dieser Ahnung erwuchs der zionistische Gedanke. Nach zweitausend Jahren rang er sich hervor, rasch und plötzlich, wie das ge-, sammte neue Lebensverlangen unserer Zeit, ganz im Sinne der Worte des deutschen Kaisers, dass Nationen plötzlich im Gesichtskreise der Völker erscheinen und in ihren Wettbewerb mit eintreten. Wir sind freilich keine neue Nation, aber niemand hielt uns mehr für eine solche, bis wir uns ermannten, und älter als selbst die Geschichte der alten Weltreiche, die vergehen, ist die unsere» Doch die grosse Wandlung muss, wenn anders sie den wahren Interessen der Civilisation entsprechen soll, auch uns zustatten kommen, denn wir haben getreulich mitgearbeitet an allem, wodurch sie. vorbereitet wurde, mit unserer Geschichte, mit unserem JLeid, mit unseren Täuschungen und mit unserer Sehn-c. sucht. In das gewaltige Bild, Welches Kaiser Wilhelm II. von der neuen, der heutigen Heit entwarf, fügt sich der Zionismus ein, wie einWüg, def* von der Weltpyhsiognomie gar nicht hinWegzudbnken ist. Sein Wesen ist Civilisation zur" Erschliessung des ehrv würdigsten historischen Bodens für die moderne Cultür, " ist Bereitstellung von Menschen und von Mitteln im Kinne der grossen Gedanken, welche - den Geist Wilhelms II. bewegen und -welche die Gedanken der Zeit sind. Was an Vorurtheilen und Zweifeln, an trügerischer Beharrung Lund traditioneller Ungunst uns entgegensteht, ist Flugsand in einem Zeitalter, das, wie der deutsche Kaiser /sagt, alte Weltreiche vergehen, neue Nationenin den Bereich der Geschichte treten, umwälzende internationale und weltökonomische Ereignisse sich vollziehen sieht, die in Monden reifen, während sie früher dazu Jahrhunderte brauchten. Warum sollten gerade wir nicht unter allen übrigen Pionniere der modernen Civilisation sein dürfen, warum nicht wir am besten geeignet sein, an der Stätte, die einst die unsere war, wiederum die friedliche Arbeit der culturellen und ökonomischen Erneuerung zu verrichten, an der Stelle, wo diese Erneuerung unumgänglich sein wird, wenn der Schienenweg das mittelländische mit dem persischen Meere verbindet? Die Gedanken des Kaisers Wilhelm II. haben die Solidarität der civiiisatorischen Arbeit zur Voraussetzung; von dieser Solidarität uns abzudrängen, ist unmöglich. So lasse man uns die Stelle, wo wir uns in ihrem Dienste am erfolgreichsten, am sichersten und •am ungestörtesten bewähren können. Etwas anderes wollen wir nicht, als dass die grosse Wahrheit, die Wilhelm II. für sein Volk, und nicht blos für dieses, sondern für alle Völker, ausgesprochen hat, auch für uns zur Wahrheit werde. Die Woche. Wien, 25. October 1899. Holleschau. In der mährischen Stadt Holleschau fanden am 22. October Judenexcesse statt, die Gendarmerie gab, um die Ordnung wieder herzustellen, Feuer und erzielte drei Todte und etwa zwanzig Verwundete. Diese letztgenannten 23 Personen Hessen sich auch wirklich durch die Vermittlungsversuche der Gendarmerie von weiteren Ausschreitungen abhalten, die übrigen Excedenten aber plünderten und brandschatzten thatkräftig weiter. Das ist ein Massstab' für die Glut judenfeindlicher Leidenschaft. Nicht einmal ein heftiger Kugelregen vermag diese Glut zu löschen, der erziehliche Einfluss des Gendarmen reicht nicht weiter als sein Projectil. Wer nicht direct von der philo - semitischen Bekehrungsarbeit des Gendarmen betroffen wird, lässt sich gegen die Juden nicht milder stimmen. Ereignisse wie die Holleschauer Gewehrsalve sind nicht besonders geeignet, den Juden die Dasein sfr ende zu erhöhen. In der That, ein recht angenehmes Dasein! Die nichtjüdische Bevölkerung ist jederzeit bereit, über die Häuser der Juden raubend und sengend herzufallen. Der Jude muss in dem Bewusstsein leben, dass seine Existenz mit der Existenz von Polizisten, Gendarmen und anderen Militärspersonen eng verknüpft ist. Nicht in allen Gegenden darf sich der Jude ansiedeln. Die Landschaft muss ein bestimmtes architektonisches Gepräge haben, sie muss mit Kasernen und Wachstuben geziert sein. Der Jude muss jeden Polizeimann auf der Strasse mit einem liebevollen, dankerfüllten Seitenblick betrachten und bei sich denken: „Das ist mein wackerer Hort, mein guter Engel! Gott,Gott, was wäre ich ohne die Polizei!“ Polizeimann und Engel,